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Kunst | Februar 2020 | von Nike Luber

Große Landesausstellung „Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Prüde war das 16. Jahrhundert wahrhaftig nicht

Heilige und Hexen, Fürsten und Volk, auf den Bildern des Künstlers Hans Baldung genannt Grien (1484/85 – 1545) tummelt sich das pralle Leben des 16. Jahrhunderts. In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe entfaltet sich das ganze Panorama von dessen Leben und Werk in der Großen Landesausstellung „Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“ noch bis zum 8. März. Man sollte Zeit mitbringen, die Große Landesausstellung ist reichhaltig, dank weitgereister Leihgaben aus Europa und den USA.

© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Hans Baldung Grien: Markgraf Christoph I. von Baden mit seiner Familie in Anbetung vor der Heiligen Anna Selbdritt, um 1510


Den Beinamen Grien erhielt der junge Hans Baldung vermutlich als Lehrling in der Werkstatt von Albrecht Dürer. Dort gab es mehrere angehende Künstler mit Vornamen Hans. Und da Hans Baldung gern die Farbe Grün verwendete, wurde aus ihm bis heute Hans Baldung Grien. Wie zum Beweis für seine Lieblingsfarbe begegnet einem als erstes Bild der Ausstellung ein Selbstporträt. Da muss Baldung gerade mal 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein. Selbstbewusst blickt er dem Besucher entgegen, mit gutem Grund. Vor dem grünen Hintergrund zeigt sich ein junger Mann aus gutem Hause. Die Baldungs hatten Ämter inne, an der Freiburger Universität und in der Stadtverwaltung.
Der hochbegabte Hans Baldung war schnell in vielen Techniken versiert. In Karlsruhe sind die leuchtenden Farben seiner Kirchenfenster zu bewundern. Die raffinierte Komposition und die Ausdruckskraft seiner Altarbilder. Die Feinheit seiner Zeichnungen. Die Individualität seiner Grafiken, die hier direkt neben Arbeiten von Dürer zum gleichen Sujet gezeigt werden. Da offenbaren sich Unterschiede, nicht nur in der Ausführung, sondern auch in der Auffassung des Themas. Eine der größten Stärken von Hans Baldung Grien lag in Porträts.

© Kunsthalle Karlsruhe

Hans Baldung Grien: Ungleiches Liebespaar

Diese Gabe wurde von den Regierenden gern genutzt. Baldung Grien malte sie als Charakterköpfe, im wahrsten Sinn des Wortes, ob Kaiser Maximilian oder Markgraf Christof I. von Baden. Von letzterem gestaltete der Künstler eine Grafik zum Zweck der Vervielfältigung, ein gemaltes kleines Porträt und dann, prominent in Großformat, Christof I. und seine gesamte Familie. Normalerweise wären sie als Stifterfiguren unterhalb der Anna Selbdritt angesiedelt. Aber hier knieen der Markgraf, seine Gattin Ottilie sowie sämtliche Söhne und Töchter neben dem Jesuskind, Maria und Großmutter Anna als seien sie dabei gewesen.
Spannend ist in diesem Kontext die Familiengeschichte derer zu Baden. Christof I. wollte seine beiden erstgeborenen Söhne übergehen und die Herrschaft direkt an Philipp, den drittgeborenen, übergeben. Doch die beiden Älteren, Ernst und Bernhard, wehrten sich. Hinter dem Gemälde, auf dem alle andächtig schauen, steckt ein Familiendrama. Christoph I. starb 1527 in geistiger Umnachtung.
Auch mit der Kirche war Hans Baldung Grien gut im Geschäft. Seit der Reformation sogar mit beiden Kirchen. Eine Reihe farbenprächtig ausgemalter Heiliger ist in Karlsruhe zu sehen. Als Künstler mit einem Sinn für Dramatik erweist sich Baldung in seinen Passionsgemälden. Aus einem davon schaut er keck aus der zweiten Reihe Richtung Betrachter, während alle anderen Figuren ganz auf den gekreuzigten Christus fixiert sind.
Ein Faible, und zwar ein durchaus lukratives, hatte der Künstler aber auch für Unheiliges. Seine gemalten und gezeichneten Hexen strahlen unverhohlene Erotik aus. Das gilt auch für Baldungs Bilder vom Sündenfall, Apfel und Schlange sind nur Symbole für die eigentliche Verführung durch Eva, die Frau. Baldungs Zeichenkunst in Verbindung mit erotischer Fantasie prägt diesen Teil seines Werks. Der auch bei Klerikern gut ankam, prüde war das 16. Jahrhundert wahrhaftig nicht. Es lohnt sich, Hans Baldung Grien als einen der vielseitigsten und interessantesten Künstler seiner Zeit in dieser Ausstellung kennenzulernen.

„Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Str. 2-6, Di-So 10-18 Uhr. Bis 8.3.20.

Nike Luber