Evelyn Grill im Interview

„Unbestechlicher Blick auf beschädigte Existenzen“

Schrille Charaktere, Unrecht, Gier, Humorlosigkeit, boshafte Ehekonflikte und Generationenzwist sowie die entnervende Suche nach ein bisschen Glück, das sind die Themen der Bücher von Evelyn Grill. Seit 1980 publiziert sie als freie Schriftstellerin in Literaturzeitschriften und im Rundfunk, vorher studierte sie Jura. Die 1942 im österreichischen Garsten geborene Autorin lebt seit 1986 in Freiburg. Ihr Roman „Vanitas oder Hofstätters Begierden“ wurde 2005 für den Deutschen Buchpreis nominiert, „Der Sammler“ wurde 2006 mit dem Otto-Stoessl-Preis ausgezeichnet. Unsere Mitarbeiterin Cornelia Frenkel hat Evelyn Grill zu den Motiven ihres Schreibens befragt.

Evelyn Grill Foto: Lukas Beck
Evelyn Grill
Foto: Lukas Beck

Kultur Joker: Franz Kafka forderte von einem Buch, es solle sein „wie eine Axt für das gefrorene Meer in uns“. Frau Grill, schätzen Sie diese Vorstellung oder sind Sie eher der Meinung, Literatur soll uns ablenken und beruhigen?
Evelyn Grill: Kafkas Forderung kann ich nicht erfüllen. Er konnte das. Ich muss zufrieden sein, wenn ich mit meinen Büchern Leser beunruhigen, auch verstören und zum Nachdenken bringen kann. Manchmal dürfen sie auch lachen.
Kultur Joker: Ihre Geschichten zeichnen oft beklemmende Szenarios und Vorgänge der Desillusionierung. Nicht zuletzt parodieren Sie unheilvolle Abhängigkeiten und hässliche Missklänge zwischen den Geschlechtern. Sehen Sie sich hier in einer literarischen Tradition?
Evelyn Grill: Manche Rezensenten fanden bei meinen Büchern Anklänge an Thomas Bernhard, andere an Elfriede Jelinek oder an Marlen Haushofer. In der Tat habe ich diese drei gerne gelesen.
Kultur Joker: In Ihrem kürzlich erschienenen Erzählband „Fünf Witwen“ handelt die Auftakt-Geschichte von einem Ich-Erzähler, der gebrechlich wird und Hilfe braucht. Deshalb testet er fünf Witwen aus, die im Umkreis seiner Wohnung leben. Typisch Mann?
Evelyn Grill: Nun ja, vielleicht ist das typisch Mann. Doch an wen soll sich der arme Kerl sonst wenden, wenn er von lauter Frauen umgeben ist? Sogar im Altersheim, in das er ja auch erwog einzuziehen, hatte er mit einer Pflegerin Kontakt. Für dieses „Geschäft“ sind eben noch immer die Frauen mehrheitlich zuständig. Jedenfalls verhalten sich die Fünf Witwen nicht „typisch Frau“, sie verweigern sich.
Kultur Joker: In der Erzählung „Rosen-Zeit“ bekommt ein Ehepaar zur Hochzeit Adalbert Stifters „Nachsommer“ geschenkt und versucht, nach dessen Richtlinien zu leben – völlig abstrus. Auf welche Verheerungen wollen Sie aufmerksam machen?
Evelyn Grill: In der Schule mussten wir die Erzählung „Bergkristall“ von Adalbert Stifter lesen. Sie ist ziemlich lang und war für mich sehr langweilig, obwohl ich schon als Schulkind viel und gerne gelesen habe. Aber diese Erzählung konnte ich nicht leiden. Zwei Geschwister müssen an Weihnachten zu den Großeltern einen weiten Weg übers Gebirge machen. Es schneite und es war kalt. Es gab viele Naturbeschreibungen und zwischendurch kurze Dialoge. Der Bruder sagte etwas und dann hieß es: Ja, sagte Sanna. Der Bruder gab den Ton an und das Mädchen sagte immer nur „Ja“ oder „Ja, Konrad“. Ich hatte auch einen Bruder und es wäre mir nie eingefallen zu meinem Bruder nur „Ja“ zu sagen. Diese Dialoge verleideten mir die Erzählung. Später als ich den „Nachsommer“ las, rächte ich mich für die Verärgerung, die mir auch diese Lektüre bereitet hat, mit der Erzählung „Rosen-Zeit“. Heute, mit mehr Distanz, kann ich Adalbert Stifter in Anbetracht seiner Zeitumstände mit einer gewissen Bewunderung lesen. Mache ich aber nicht sehr häufig.
Kultur Joker: Als ziemlich selbstherrlich zeigt sich der Protagonist von ein „Wirklicher Hofrat“; doch dann spielt die Erzählung durch, wie seine Tochter einen Kampf mit ihm anzettelt, dem er nicht gewachsen ist. Ein Plädoyer gegen weibliche Ohnmacht?
Evelyn Grill: Wenn ich beim Schreiben gegen weibliche Ohnmacht plädieren möchte, müsste ich Essays oder Pamphlete schreiben. Ich habe mich gefreut, dass mir dieser Schluss in der Erzählung gelungen ist, wo sich die Tochter beinahe noch fieser als der Vater zeigt. Das hat allerdings nichts mit der weiblichen Ohnmacht zu tun oder mit einem Plädoyer dagegen. Eine ähnliche Geschichte ließe sich auch mit vertauschten Geschlechterrollen schreiben. Mutter gegen Sohn, bzw. Sohn gegen Mutter.
Kultur Joker: In der Geschichte „Wunschkind“ wird eine Ehe geschildert, in der sich der Kinderwunsch nach Karriereschritten zu richten hat, wobei letztlich die Beziehung ruiniert wird. Eine direkte oder indirekte Gesellschaftskritik?
Evelyn Grill: Wenn ich eine Gesellschaftskritik schreiben möchte, müsste ich ein Anliegen haben. Ich hatte aber nur das Anliegen eine Geschichte zu schreiben. Das Problem des Ehepaares von dem ich schreibe, ist, dass es sich vor der Ehe nicht über ihre Lebensentwürfe ausgetauscht hat. Wenn eine Person, in diesem Fall ist es die Frau, einen Kinderwunsch hat und der Partner sich diesem Wunsch verweigert, so muss dies zwangsläufig zu Differenzen und Unzufriedenheit führen. Es muss aber nicht immer so dramatisch enden, wie in meiner Geschichte. Ich konstruiere die psychische und physische Beschaffenheit der Personen, die ich agieren lasse und daraus entwickle ich die Handlung. Bei dieser Gelegenheit möchte ich betonen, dass dies eine rationale und keine emotionale Vorgehensweise ist. Wenn mir ein schlüssiges Ende gelingt, freue ich mich, ganz gleich ob meine Figuren glücklich werden oder Selbstmord begehen.
Kultur Joker: Sie zeigten nicht zuletzt eine Vorliebe für Bizarres. In ihrem Roman „Der Sammler“ widmen Sie sich etwa einer Charaktereigenschaft, die als „Messie-Syndrom“ bezeichnet wird; von diesem ist der ewige Student und reiche Erbe Alfred Irgang befallen. Er hortet wahllos Dinge und wühlt in Abfallcontainern. Inwiefern ein idealer Fall für die Literatur?
Evelyn Grill: Ich schreibe gerne über Vorlieben bei Menschen, die mir selbst völlig fremd sind, weil mich das zwingt, sie mir quasi zueigen zu machen. Der Zufall wollte es, dass ich einen „Messie“ kennenlernte. Er ließ mich zwar nicht in seine Wohnung, doch er erzählte mir einige seiner häuslichen Vorfälle (Schachtelwände stürzten über ihm ein, Kakerlaken fanden sich, etc.) und schilderte seine Funde beim Durchsuchen der Mülleimer, sodass ich mir seine Behausung gut vorstellen konnte. Er gestattete mir, über ihn zu schreiben. Das Umfeld des Informanten, die Freunde, habe ich erfunden wie viele andere Geschehnisse. Leider starb er, bevor ich ihm mein Manuskript zum Placet vorlegen konnte. Als das Buch erschienen war, hat sich unter anderem ein „Messie“ aus der Schweiz bei mir gemeldet, der mir bestätigte, dass ich die Psyche eines solchen genau getroffen habe; bei Lesungen erwerben gelegentlich Ehemänner oder Ehefrauen das Buch für ihre Partner. Allerdings erfahre ich nie, ob die Lektüre bei den Adressaten irgendeinen Erfolg hatte.
Kultur Joker: In Ihrem Buch „Vanitas oder Hofstätters Begierden“ leben ein Rechtsanwalt und seine Ehefrau voller Hass und Feindschaft zusammen. Kein Wunder, denn nicht Liebe hat den aufstrebenden Alois Hofstätter zur Ehe mit der Schauspielerin Olga gebracht, es war vor allem deren Vermögen. Hofstätter ist letztlich nur der Kunst, dem Spiel und einem jungen Mann verfallen. Was hat Sie an diesem Fall beschäftigt?
Evelyn Grill: Da hat mich vielerlei beschäftigt. Einerseits die reiche Witwe, die sich einen jungen Mann sozusagen kauft, einen Anwalt, und den sie finanziell von sich abhängig macht und von dem sie noch einen Sohn bekommt. Andererseits hat mich auch der bekannte Leichenplastinator beschäftigt; ihm gebe ich Anregungen für eine Weiterentwicklung seiner Plastinationen. Es spielt der sexuelle Missbrauch in der Familie eine Rolle, Homosexualität und Spielleidenschaft, Hundephobie, die Kunstsammlung des verstorbenen Fürsten Schachowskoi, Obdachlose, fünf Schäferhunde, Gift, ein Sprung vom Freiburger Münster und vieles andere mehr. Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern, ist allerdings nicht für jeden zu empfehlen. Vielleicht ist in diesem Roman ein bisschen was von Kafkas „Axt“.
Kultur Joker: Ihre Aufmerksamkeit gilt dem beschädigten Menschen, etwa in der Erzählung „Ins Ohr“. Dort wird die komisch-tragische Protagonistin am 20. Hochzeitstag von ihrem Mann verlassen; in der Folge schlägt sie sich mit untauglichen Liebhabern und einem komplizierten Sohn herum. Auch Ihr Roman „Winterquartier“ setzt Mann und Frau nicht gerade in ein glänzendes Licht?
Evelyn Grill: Das sehe ich auch nicht als meine Aufgabe, Mann und Frau in ein glänzendes Licht zu stellen. Ich glaube, ein glänzendes Licht würde meine Leser blenden. Ich möchte aber, dass es mir gelingt, die Augen meiner Leser zu öffnen, genauer hinzuschauen, vielleicht nach der Lektüre mit meinen Figuren zu spielen und Möglichkeiten auszuloten, um ein eventuell letales Ende zu vermeiden. Im „Ins Ohr“ schafft es meine Protagonistin immerhin ihr Jus-Studium abzuschließen und eine Anwaltskanzlei zu eröffnen, was ihr leider kein privates Glück bringt. Ein Psychoanalytiker hat mir einmal nach der Lektüre von „Winterquartier“ in einem Brief gestanden, dass es ihm gar nicht gefallen hat, dass Max von seiner Freundin erstochen wird, d.h. ich als Autorin wusste, dass er tot war; doch der Psychoanalytiker sagte, ich hätte dem Paar noch eine Chance geben müssen. Ungefähr so: Max überlebt den Stich, wird ins Krankenhaus gebracht und dort versöhnt sich das Paar (vielleicht mithilfe eines Psychoanalytikers). So einen Schluss zu schreiben – nach der Vorgeschichte – wäre mir völlig unmöglich gewesen. Aber vielleicht muss sich ein Psychoanalytiker ein Happy-end wünschen.
Kultur Joker: Welche Kritik an Ihren Büchern hat Sie einmal besonders geärgert oder konsterniert?
Evelyn Grill: Ich erinnere mich an eine Rezension, in der sich ein Kritiker an den „sprechenden Namen“ im „Sammler“ stößt. Hab ich nicht ganz verstanden. Letzthin hat jemand in einer Südtiroler Zeitung mit der Überschrift „Lieber wild als mild“ meine Erzählungen als zu „mild“ bezeichnet, und das hat ihm nicht gefallen. Und mir auch nicht.
Kultur Joker: Welche Aspekte Ihres Schreibens möchten Sie noch hervorheben?
Evelyn Grill: Die Familie und ihr weiteres Umfeld sind mein literarisches Spielfeld; die kleine Welt der Sippe als verkleinertes Abbild des Weltgeschehens.
Kultur Joker: Frau Grill, wir bedanken uns für das Gespräch.

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