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Kunst | März 2019 | von Annette Hoffmann

Eine Doppelschau im E-Werk befasst sich mit Formen der Dekolonialisierung

Auch das ist Deutschland

Wer denkt, die Geschichten aus der Vergangenheit seien erzählt, irrt sich. Es sind andere Stimmen, die sich derzeit Gehör verschaffen. Schwarze deutsche Frauen etwa, die strukturelle Veränderungen fordern oder Menschen aus den ehemaligen deutschen Kolonien. In der Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk befassen sich die Ausstellungen “Schwarze Frauen, Kunst & Widerstand” und Laura Horellis “Changes in Direction” mit der Thematik.

Trotz thematischer Nähe ergibt es Sinn beide Schauen getrennt voneinander wahrzunehmen. Während sich Laura Horelli unten in der Galerie Galerie II in „Changes in Direction“ mit dem Engagement in der DDR für die namibische Befreiungsbewegung befasst sowie der Biografie Ellen Ndeshi Namhilas, die während der 1980er Jahre in Finnland – der Heimat der Künstlerin – studierte, so gibt die Ausstellung „Schwarze Frauen, Kunst & Widerstand“ oben einen Eindruck in das Leben von farbigen Frauen in Deutschland, seien sie hier oder in Namibia geboren.

Natasha A. Kellys Video ist ein Panorama unterschiedlicher Lebensentwürfe, die eint, dass sie Erfahrungen der Ausgrenzung gemacht haben. Es ist mehr als der kleinste gemeinsame Nenner. Die acht Videoporträts Kellys „Millis Erwachen“ zeigen Frauen, die Künstlerinnen und Kuratoren sind oder in anderen Berufen des Kulturbereichs arbeiten. Der Titel bezieht sich auf ein Aktbild Ernst Ludwigs Kirchners von 1910/11, das eine junge Schwarze zeigt.

Mehr als hundert Jahre später suchen die acht Frauen aus unterschiedlichen Generationen die Passivität zu überwinden. Maciré Bakayoko etwa rappt sich eins auf die Deutungshoheit des weißen Mannes über die schwarze Frau und spricht über die Kolonialismus-Ausstellung „Der blinde Fleck“ vor drei Jahren in der Kunsthalle Bremen, in der sie mit einer Arbeit vertreten war. Als eine Art Feigenblatt kommt ihr heute diese Einladung vor. Die Erfahrungen sind unterschiedlich, eine der Frauen wuchs in den 1980er Jahren als einziges dunkelhäutiges Mädchen in Potsdam auf, und auch Naomi Beukes-Meyer ist darunter, selbst in der Ausstellung mit dem Film „The Centre“ vertreten, in dem sie das Leben mehrerer Frauen in Südafrika und Berlin zum Thema macht und eine lesbische Liebesbeziehung.

Laura Horelli hat sowohl an ihrem Wohnort Berlin als auch in Finnland Spuren von Namibiern gesucht. Während „Uutisten aika“ die Lebensgeschichte der Schriftstellerin und Historikerin Ellen Ndeshi Namhila, die während ihres Stipendienaufenthalts in Finnland viel Einsamkeit und auch Zuschreibungen erfährt, mit Fotos und Filmen aus dem finnischen Lebensalltag der 70er Jahre unterlegt ist, greift sie in „Nambia Today“ die Unterstützung der gleichnamigen Swapo-Zeitschrift durch die DDR auf.

Die Beziehungen zwischen Namibia und der DDR waren vielfältig und gleichermaßen vom Gestus der Solidarität als auch der politischen Einflussnahme auf eine ehemalige Kolonie geprägt. Von der Gründung der Swapo 1960 bis hin zur Unabhängigkeitserklärung 1990 wandte sich diese an verschiedene sozialistische Länder. Die DDR nahm Kinder aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika auf, um die kommende Elite in der Nähe von Güstrow zu erziehen und das Parteiorgan „Namibia Today“ wurde in der DDR gedruckt.

Horelli hat Interviews mit Zeitzeugen geführt, die über die Tonspur zu hören sind, aber auch als getippte Satzfetzen auf einer Mauer im Wind vor sich hin zittern. Sie hat Ausgaben der Zeitschrift zusammengetragen und in einer großen Filminstallation die O-Töne von Zeitzeugen, Orte und Dokumente zusammengeführt. Auch dies ist ein Teil Deutschlands.

 

Was: Ausstellungen “Schwarze Frauen, Kunst & Widerstand” und Laura Horellis “Changes in Direction”
Wann: bis 14. April 2019
Wo: E-Werk, Galerie I und II, Eschholzstraße 77, 79106 Freiburg
Web: www.ewerk-freiburg.de