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Kunst | März 2020 | von Annette Hoffmann

“Edward Hopper” Ausstellung in der Fondation Beyeler

Die Erfindung der amerikanischen Landschaft

Von einem Maler, der wie kaum ein anderer das Bild der Europäer von Amerika geprägt hatte, erwartet man eigentlich etwas anderes. Doch am Anfang der Ausstellung „Edward Hopper“ in der Fondation Beyeler steht ausgerechnet Europa. Ab 1906 bereiste Hopper (1882-1967) mehrere Male Europa, vor allem in Paris verbrachte er viel Zeit. Dort studierte er in den Museen Gustave Courbet, Paul Cézanne, Alfred Sisley, Pierre-Auguste Renoir und Camille Pissarro. Und er malte auf den Straßen der französischen Hauptstadt das, was er sah. 1909 entsteht so „Valley of the Seine“: der Blick schweift von einer Anhöhe über das Flusstal, links ragen die Brückenpfeiler eines Viadukts, auf dem sich gerade ein Güterzug befindet, im Fluss selbst ist ein Dampfer zu erkennen, Häuser sind mit weißem Pinselstrich hingetupft.

© Fondation Beyeler

“Second Story Sunlight” Edward Hopper (1960)

Auch „Le Bistro oder The Wine Shop“ lässt noch eine gewisse Unsicherheit der Komposition erkennen. Die Mitte bestimmen vier windschiefe Pinien, ansonsten dominiert Stein die urbane Szene, links haben sich mit einer Flasche Rotwein zwei an einen Bistrotisch gesetzt.
Dass sich die Fondation Beyeler in dieser 65 Arbeiten umfassenden Ausstellung auf die Landschaft konzentriert, hat auch mit dem Bild „Cape Ann Granite“ zu tun, das dem Museum als Dauerleihgabe übergeben wurde. Die raffiniert beleuchtete Naturszenerie mit den großen Felsen, auf die sich harte Schlagschatten legen, ist der Ausgangspunkt dieser Schau. Ikonische Werke von Hopper wie die „Nighthawks“ aus dem Jahr 1942 – es zeigt vier Menschen in einem nächtlichen Diner, angespült wie Strandgut ‒ wird man in Riehen nicht finden. Wie um diese zu kompensieren hat die Fondation Beyeler Wim Wenders eingeladen, eine Arbeit für die Ausstellung zu schaffen. Die fünfzehnminütige 3D-Filminstallation „Two or Three Things I Know about Edward Hopper“ ist eine Hommage an den Maler, dem Wenders die Inspiration für viele seiner Filme verdankt. Für die Ausstellung hat er nun Bewegung in dessen Bilder gebracht. Ein Mann lässt eine Frau in der Dunkelheit der Nacht zurück, nachdem er sich kurz zuvor auf einer weißen Holzveranda mit ihr unterhalten hatte, in Hotelzimmern werden Zigaretten geraucht. „Two or Three Things I Know about Edward Hopper“ verbindet Bilder zu einer Folge, die beim Gemälde „Gas“ beginnt und endet. Auf ihm hantiert ein Mann mit Halbglatze an einer Zapfsäule. Indem Wenders eine Frau dazu stoßen lässt, die aus dem Auto steigt und sich eine Zigarette anzündet, muss Wenders‘ Film wie die tragische Liebesgeschichte eines Paars erscheinen.
Landschaft heißt bei Hopper, der 1882 in Nyack geboren wurde und am Ufer des Hudson Rivers aufwuchs, auch Wasser. Hopper malte Leuchttürme an der Küste oder auf einer kleinen Felseninsel, Schiffe, die hart am Wind segeln. In den späten 1920er Jahren jedoch verändert sich Hoppers Wahrnehmung der amerikanischen Landschaft. 1927 kaufen er und seine Frau Jo, die beiden haben drei Jahre zuvor geheiratet, einen Gebrauchswagen. Damit erweitert Hopper seinen Radius entscheidend. Beide nutzen das Auto für ausgiebige Reisen, auf denen sie Stopps zum Malen und Zeichnen einlegen. Immer wieder bildet sich diese Dynamik der Landschaftserfahrung in seinen Werken ab. Der Strich wirkt als griffe er die Fahrt auf. 1946 malt Edward Hopper das Aquarell „Jo in Wyoming“. Seine Frau hat auf dem Beifahrersitz Platz genommen, mit einem Stift hält sie das Gebirge fest, das sich vor ihr auftut. Edward Hopper wird sich auf der Rückbank befunden haben. Bei dem Paar herrschte eine klare Raumverteilung. Vorne Jo Hopper, hinten Edward Hopper.
Auch wenn es Wenders‘ Film suggeriert, Edward Hoppers Bilder kennen derartige lineare Erzählungen nicht. Oft verstellen Häuser die Horizontlinie. In „Freight Cars, Gloucester“ aus dem Jahr 1928 verdecken Güterbahnzüge den Blick auf eine kleine Stadt. Erst dahinter kann man den Horizont vermuten. Die Vertikale ist durch den Kirchturm und einen Mast, der von einem Balken gestützt wird, eingezogen. Die braunen Planen der Wagons sind das eigentliche Ereignis der Malerei, die dem Betrachter nur scheinbar vorenthalten wird. Inmitten der Szene wirken sie wie abstrakte Leinwände. Wenn sie etwas erzählen, dann von einer Bewegung, die bislang immer westwärts ging, nun aber zum Stehen gekommen ist.
Hoppers Landschaften sind sehr amerikanische Landschaften. Truro, wo sich das Paar 1934 ein Atelierhaus baut, liegt auf der Halbinsel Cape Cod. Bevor hier 1620 die Pilgerväter an Land gingen und es nach dem großen Kabeljau-Aufkommen benannten, lebten hier die Wampanoags. Herman Melville lässt hier die Jagd auf Moby Dick beginnen. Hoppers Bilder berichten unaufdringlich von dieser Landnahme. Sie drückt sich in Bewegungen und Statik aus. Häuser scheinen von den Entbehrungen geprägt, die mit der Eroberung dieses Landes verbunden waren, sie sehen nicht aus als sollten sie späteren Generationen dienen. Die Natur wird sie sich irgendwann zurückerobert haben.
Edward Hopper, Fondation Beyeler, Baselstr. 101, Riehen/Basel. Täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Bis 17. Mai 2020.

Annette Hoffmann