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Kultour | Januar 2020 | von Erich Krieger

Deutschlands größtes Theater sitzt in Titisee-Neustadt

Das Ehepaar Landgraf leitet seit 45 Jahren den bedeutendsten Tourneetheater-Betrieb

Wenn Joachim Landgraf gelegentlich als mächtigster Theaterintendant in Deutschland bezeichnet wird, hat er das selbst wohl nicht so gerne. Fakt ist aber, dass die Konzertdirektion Landgraf seit ihren Anfängen im Jahre 1945 in Titisee-Neustadt die Bundesrepublik flächendeckend mit mobilen Theaterproduktionen aus allen Genres versorgt. Die durchweg mit namhaften Künstlern besetzten Inszenierungen aus den Bereichen Schauspiel, Musical, Operette, Crossover, Entertainment und Tanz werden überall von Städten mit geeigneten Spielstätten aber ohne eigenes Ensemble gebucht. Da immer mehrere Produktionen gleichzeitig unterwegs sind, werden im Durchschnitt pro Tag über 5000 Zuschauer erreicht. Joachim Landgraf hat nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Ernst als 28-jähriger im Jahr 1974 den Tournee-Betrieb übernommen und leitet ihn seitdem zusammen mit seiner Frau Birgit im künstlerischen Bereich. Seit kurzem ist der Betrieb in eine GmbH umgewandelt worden und Joachim Landgraf hat die Geschäftsführung abgegeben. Erich Krieger hat das theaterbesessene Ehepaar in den Geschäftsräumen in Neustadt getroffen und über ihre Erfahrungen und die heutige Situation des Tourneetheaters befragt.

© Erich Krieger

Das Ehepaar Landgraf


Kultur Joker: Was treibt einen dazu, sich seit fast 50 Jahren und noch im hohen Alter täglich mitten in einem der hektischsten Kunstbetriebe zu behaupten?
Birgit Landgraf: Ganz einfach. Ist man einmal von diesem ganz speziellen Theatervirus angesteckt, ist es eigentlich egal, wie alt man ist. Es ist immer wieder diese Entdeckungsfreude da, die Lust, etwas Neues zu machen und die Freude, stets mit künstlerisch-ästhetischen Dingen zu tun zu haben. Man ist von Null bis Hundert an einem schöpferischen Prozess beteiligt und bleibt lebendig.
Joachim Landgraf: Es sind diese permanenten Ideen, dass man etwas umsetzen oder verändern kann. Man glaubt beim Theater, dass das, was man im Moment macht, das Allerwichtigste sei und diese Momente wiederholen sich unablässig. Eine ungeheure Abwechslung! Man kommt mit Leuten zusammen, die Außergwöhnliches geleistet haben und wollen, darf mit denen Gedanken austauschen, etwas Neues machen. Und dann natürlich der Erfolg nach gewissenhafter Arbeit. Der Applaus ist der Ansporn für morgen.
Kultur Joker: Was ist das Spezielle am Tourneetheater, welchen Platz hat es in der Theaterlandschaft?
Birgit Landgraf: Das Besondere ist, auch für die Schauspieler, dass man jeden Abend alles gemeinsam erlebt, auch nach der Vorstellung, wenn die Leute an den Bus kommen. In der Großstadt, in den festen Häusern, läuft alles auseinander. Die Schauspieler, vor allem die Jungen, erfahren unglaublich viel über sich selbst und wie man mit den ständig sich ändernden Bedingungen zurechtkommt. Der Kontakt zum Publikum ist viel enger. (Sprachs und verabschiedet sich in die Dramaturgie, denn sie muss dringend die Druckvorlagen für ein neues Programmheft fertigstellen)
Joachim Landgraf: In unseren Anfangsjahren hatten viele große Stars an den festen Häusern die Nase voll vom Regie-Theater und waren offener für die Wanderschaft durch die Lande in den Protagonistenrollen. Es war für viele Menschen die einzige Gelegenheit, auch in der Kleinstadt die Darstellergrößen zu erleben. Dies hat sich heute durch die Vielzahl der Kanäle in der Medienlandschaft stark verändert und damit auch die Sehgewohnheiten. Allein wegen der Protagonisten geht heute kaum mehr jemand in die Vorstellung, abgesehen von Ausnahmen. Wir decken aber nach wie vor in der Fläche ein Bedürfnis ab, das die festen Bühnen in der Form noch nicht leisten können. Übrigens fanden in früheren Zeiten ein Großteil unserer Produktionen auch in festen und auch großen Häusern statt, was heute so nicht mehr vorkommt. Tourneetheater hat es aber vom Thespiskarren bis heute immer gegeben und wird es immer geben. Allerdings bezweifle ich, ob in der Form, wie wir es betreiben. Wir sind das einzige Unternehmen geblieben, das in seiner Struktur dieselbe Form hat wie ein Staatstheater. Bei uns hier sind alle Abteilungen vertreten: Geschäftsführung, Dramaturgie, Künstlerisches Betriebsbüro, Verwaltung, Ausstattung, Fundus und eigene Werkstätten mit Tischlerei, Schlosserei, Malersaal und Fuhrpark. Allein wirtschaftlich gedacht, kann ich nur jedem davon abraten.
Kultur Joker: Dies lässt einen hohen eigenen künstlerischen Anspruch vermuten.
Joachim Landgraf: Theater ist live und immer eine Momentaufnahme, die von einer ganzen Menge von Faktoren abhängt. Deshalb möchte man diese Momentaufnahme für möglichst viele Menschen optimal gestalten, so dass sie Kraft schöpfen können für alles andere. Vielleicht ist dies der schönste Beweggrund.
Kultur Joker: Wie sehen Sie die Konzertdirektion Landgraf in zehn Jahren?
Joachim Landgraf: Früher hatte ich tatsächlich Zettel auf dem Schreibtisch mit Planungen für 10 Jahre. Heute traue ich mich nicht, über drei Jahre hinaus zu denken. Dies ist auch mit ein Grund, dass man anderen eine Chance geben muss, dass sie es dann so machen, wie sie es machen. Auch bei Landgraf.
Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Erich Krieger