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Kunst | Juli 2017 | von Redaktion

Der Blickwinkel auf die Natur im Wandel der Zeiten

„Unter freiem Himmel. Landschaft sehen, lesen, hören“ – eine Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Eine gemalte Landschaft ist nie einfach eine Abbildung der Realität. Eine gemalte Landschaft birgt immer ein Geheimnis, ob es sich um ein Nachtstück bei Vollmond handelt, um ein expressionistisches Spiel mit Farben und Formen oder um liebevoll ausgemalte Feinheiten wie die Blätter an den Bäumen. Noch spannender wird das Eintauchen in gemalte Landschaften, wenn sie von den Ideen begleitet werden, die anderen beim Betrachten eingefallen sind. In der Ausstellung „Unter freiem Himmel“ bietet die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe ein vertieftes Erlebnis an: „Landschaft sehen, lesen, hören“ heißt es im Untertitel.

Aus der eigenen Sammlung hat das Haus knapp 60 Gemälde aus 600 Jahren ausgewählt – bzw. von den eingeladenen Autorinnen und Autoren auswählen lassen. Cornelia Funke, Jenny Erpenbeck, Peter Härtling und viele andere ließen sich von den vielfältigen Landschaften zu ebenso vielfältigen Gedanken inspirieren, die man beim Betrachten des jeweiligen Gemäldes anhören oder im Katalog nachlesen kann.

Nicht umsonst hat die Karlsruher Kunsthalle in den Ausstellungsräumen großzügig Sitzgelegenheiten und Kataloge verteilt. „Unter freiem Himmel“ ist keine Ausstellung zum Hindurcheilen, sondern zum Genießen. Am besten häppchenweise. Natürlich macht man sich auch seine eigenen Gedanken. Entweder einfach so, für sich selbst. Oder in einer der angebotenen Schreibwerkstätten. An den Wänden hängt vieles, was die eigene Fantasie beflügeln kann.

Zum Beispiel die mittelalterlichen Landschaften, die eindeutig frei erfunden sind. Alles, was man da um Heilige herum gemalt sieht, steht symbolisch für etwas nicht Sichtbares. So sitzen fünf entzückende weiße Häschen zutraulich auf einem Felsen, gleich dahinter ein sanft lächelnder Löwe – Sinnbild für paradiesische Zustände, in denen es nicht mehr um Fressen oder gefressen werden geht. Oder der monolithisch hervor tretende Felsen, der dafür sorgt, dass sich Hieronymus in einsamer Größe seinem Einsiedlerleben widmen kann.

So wie die Gesellschaft ändert sich auch der Blick auf und die Darstellung von Landschaft. Im 17. Jahrhundert werden keine kleinen Walderdbeerchen mehr ins Bild gemalt, dafür wird mit kühnen Ausblicken, dem Lichteinfall und der Größe der Natur gearbeitet. Der Mensch läuft oft recht klein durch’s Panorama. Über ihm ein dramatischer Himmel, aus dem jederzeit das Unwetter hervor brechen kann, wie in der „Waldlandschaft mit Tobias und dem Engel“. Da ist sehr viel Landschaft mit riesigen Bäumen und dräuenden Wolken. Aber den von einem Schutzengel geleiteten Tobias muss man richtiggehend suchen, den hat der barocke Künstler ganz in den Hintergrund verbannt.

Wo Flora ist, kann die Fauna nicht weit sein. Vierbeiniges und Geflügeltes bevölkert zahlreiche Landschaftsgemälde vergangener Jahrhunderte. Am Buntesten treibt es der Maler Franz de Hamilton in seinem um 1670 gemalten „Konzert der Vögel“. Auf den Ästen des kahlen Baumes zwitschern nicht nur einheimische Vögel. Zwischen Wiedehopf, Buchfink und Eule tummeln sich farbenfrohe Papageien und ein strahlend weißer Kakadu, am Boden treffen sich Schwan und Pelikan. Hamilton versammelte so viele bekannte Vogelarten wie möglich rund um den aufgeregten Adler, der in komischer Verzweiflung versucht, das vielstimmige Gezwitscher zu koordinieren.

Welche Geschichten erzählen die kleinen, aber feinen Nachtstücke, das „Felsenriff am Meeresstrand“ von Caspar David Friedrich und die „Elblandschaft im Mondschein“ von Johan Christian Clausen Dahl? Erweist sich das messerscharf gezackte Felsenriff als unüberwindliches Hindernis auf dem Weg hinaus ins freie Meer? Was oder wer wäre lieber im nächtlichen Dunkel verborgen geblieben statt vom Licht des Vollmonds enthüllt zu werden?

Sonnige mediterrane Landschaften berichten von der Reiselust der Künstler im 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert suchte man das Glück bereits wieder vor der Haustür. Franz Marc fand es 1905 im „Nebel zwischen Tannen“, Wilhelm Trübner an dem für eine Person gedeckten „Kaffeetisch am Starnberger See“. Spätere Künstler erweitern das Farbspektrum aus Braun-Grün-Blaugrau um kühne Rot-, Violett- und Gelbtöne, spielen mit den Formen. Wie es im Eingangsbereich der Ausstellung so treffend heißt: „Jede Landschaft ist purer Eigensinn“. Bis zum 27. August lädt „Unter freiem Himmel“ zur Entdeckung des gemalten, geschriebenen und gelesenen Eigensinns ein.

Nike Luber

„Unter freiem Himmel. Landschaft sehen, lesen, hören“, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Bis 27. August 2017.
www.kunsthalle-karlsruhe.de