Barbarei statt Humanität

David Bösch reduziert am Theater Basel Mozarts „Idomeneo“ auf seine dunkle Seite

Solenn‘ Lavanant-Linke und Rolf Romei© Hans Jörg Michel

Eigentlich sind bei diesem leuchtenden, schwungvollen Schluss alle glücklich. Idomeneo übergibt seinem Sohn Idamante die Herrschaft, der endlich seine geliebte Ilia zur Frau erhält. Der Chor singt freudig „Die Göttin der Ehe senke ihnen nun den Frieden der Seele ins Herz.“ Am Theater Basel tragen die Choristen blutbefleckte, weiße Kleider und haben Messer in der Hand. Die verzweifelte Elettra schneidet sich die Pulsadern auf. Auch die Leichen, die auf der dunklen Bühne liegen, verbreiten nicht gerade die gelöste Stimmung, die Wolfgang Amadeus Mozart für sein Opernfinale komponiert hat. So etwas nennt man wohl „gegen den Strich bürsten“. Die vermeintlich verstaubte Vorlage wird auf eine ganz andere Botschaft hin abgeklopft.

Kein Einzug der Humanität also, obwohl Idomeneo auf das Menschenopfer verzichtet hat und die Götter mit dem Machtverzicht zufrieden sind, sondern Barbarei. Alle sind Täter, haben getötet und werden es wieder tun, will David Bösch wohl damit sagen. Der junge, erfolgreiche Regisseur, der vom Schauspiel kommt und seine ersten Opernarbeiten an der bayerischen Staatsoper München vorlegte, sieht bei seinem Debüt am Theater Basel nur die dunkle Seite dieses Dramas. Deshalb reiht er an dem heftig beklatschten Premierenabend eine Nachtszene an die andere. Und wenn ein wenig Licht auf die Bühne fällt, dann wirkt es bedrohlich.
Zur vom La Cetra Barockorchester Basel unter der Leitung von Andrea Marcon vital musizierten, mit funkelnden Mannheimer Raketen befeuerten Ouvertüre erzählt ein Kindervideo mit Marionetten die Vorgeschichte (Video und Kostüme: Falko Herold). Die trashige Bühne von Patrick Bannwart und Falko Herold zeigt einen versifften Strand, auf dem sich so mancher Schrott versammelt hat. Ein Benzinkanister liegt neben einem trojanischen Holzpferd, ein Teddy neben einer Sandburg. Zum Finale des ersten Aktes, wenn die Gefangenen angesichts der Rückkehr Idomeneos freikommen, wird die Konfettikanone gezündet. Auch die Fransenkrake, die als Neptun vom Schnürboden schwebt, erinnert an einen Kindergeburtstag. Die comic­artigen, expressionistischen Zeichnungen, die immer wieder eingeblendet werden und das Geschehen bebildern, dagegen erzählen von Verwundungen und Traumata. Unvereinbares kracht aufeinander.
Eine Beziehung zu ihrer Umgebung nehmen die Protagonisten nicht auf. Zumindest die Personenführung gelingt David Bösch ein wenig besser, wenn Idomeneo zum ersten Mal auf seinen Sohn Idamante trifft und sein Schwur, den Erstbesten als Götterdank zu opfern, grausame Wirklichkeit wird. Diese Mischung zwischen Freude und Angst, zwischen ersehnter Nähe und verstörender Distanz ist in Basel zu spüren. Trotz cooler Kapuzenjacke zeigte die wunderbar fragile Gesangslinien zeichnende Solenn’ Lavanant-Linke Idamantes Unsicherheit. Erst im Duett mit der glockenhell timbrierten Ilia von Laurence Guillod erhält dieser Idamante seine Zuversicht wieder. Und das auf historischen Instrumenten spielende, verbindliche La Cetra Barockorchester Basel schenkt dem Liebesband warmen Farben.
Auch die Partie des Idomeneo ist mit dem kraftvollen lyrischen Tenor Steve Davislim hervorragend besetzt. Aus Arbace macht Karl-Heinz Brand einen invaliden Veteranen mit irrer Ausstrahlung; Alexey Birkus hat eine mächtige Götterstimme. Am Dramatischsten wird es, wenn Simone Schneider als Elettra ihren gewaltigen Koloratursopran in Fahrt bringt und das Orchester mit harten Strichen und klaren Akzenten, Windmaschine und Donnerblech zu stürmen beginnt. In dieser aufgewühlten Musik ist die düstere Seite, auf die David Bösch das Stück reduziert, durchaus angelegt. Kurz vor dem Schlusschor (die letzte, versöhnliche Idomeneo-Arie „Torna la pace al core“ ist von der Regie gestrichen) schleudert diese Elettra in ihrer letzten Arie „D’Oreste, d’Aiace, ho in seno i tormenti“ ihre Hassgefühle direkt und unverstellt in den Sternenhimmel. Dirigent Andrea Marcon ist der entscheidende Impulsgeber dieses musikalisch herausragenden „Idomeneo“. Und schenkt der Oper – im Gegensatz zur Regie – auch helle Farben.
Weitere Vorstellungen: 8./ 12./20./25./28./30. Mai, 1./3./ 5./7. Juni 2013. Karten:www. theater-basel.ch
Georg Rudiger

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