„Adenauer – Stunden der Entscheidung“

Im Gespräch: Werner Biermann, Grimme-Preiträger und Biograf von Konrad Adenauer; Foto: SWR/Christel Fomm

Ein cooler Typ, dieser Adenauer! Erstmals hat das deutsche Fernsehen ein Doku-Drama über den legendären ersten Bundeskanzler produziert (Sendetermin: 5.8., Das Erste). Der laut einer TV-Wahl „größte Deutsche aller Zeiten“ prägte eine ganze Ära inklusive des sogenannten Wirtschaftwunders und der Gründung der Bundeswehr. Der Film „Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung“ entstand u.a. an Originalschauplätzen in Rhöndorf und in Bonn. In Adenauers ehemaligem Amtssitz Palais Schaumburg sind Dreharbeiten für Spielfilme eigentlich nicht erlaubt, aber Bundeskanzlerin Angela Merkel machte für das ARD-Projekt eine Ausnahme. Olaf Neumann sprach in Hamburg mit Grimme-Preisträger und Adenauer- Biograf Werner Biermann, der das Drehbuch verfasste Kultur Joker: Herr Biermann, welche neuen Erkenntnisse haben Sie bei der Beschäftigung mit Konrad Adenauer gewonnen? Werner Biermann: Zuerst einmal habe ich herausgefunden, dass in meinem eigenen Kopf ziemlich viele Klischees über Adenauer und andere frühe Figuren der Bundesrepublik abgespeichert sind. Das hat wohl mit meiner Lektüre als junger Mensch zu tun, dazu gehörte montags immer der „Spiegel“. Vieles wurde zu einfach oder sogar falsch dargestellt. Augstein machte ja zeitweilig einen ziemlich hemmungslosen Kampagnen- Journalismus, was ich natürlich als jugendlicher Leser nicht erkennen konnte. Deshalb gilt es vielen Menschen beispielsweise immer noch als gesichertes Wissen, dass Adenauer „mit seiner forcierten Westbindung die Wiedervereinigung verspielt hat“. Das ist ein bleibender Vorwurf, obwohl er von den Historikern längst widerlegt wurde. Kultur Joker: Wollen Sie unser verzerrtes Adenauer-Bild korrigieren? Biermann: Nein, das ist nicht das Ziel, höchstens ein Nebeneffekt. Es geht bei unserem Film nicht darum, ganz nüchtern eine kritische Bilanz dessen zu ziehen, was Adenauer politisch erreicht hat und was daran gut oder nicht so gut war. Mich hat vielmehr interessiert, die Persönlichkeit, seinen Charakter und seine innere Befindlichkeit zu verstehen und in einer spannenden Geschichte darzustellen, also zu erzählen. Ein Charakter offenbart sich ja in Krisenzeiten besonders deutlich. Das geht natürlich nur als Spielfilm, denn das historische Filmmaterial, etwa die Wochenschau, ist ja völlig eindimensional. Wir wollten den Ereignissen von damals ihre emotionale Dimension zurückgeben, wir wollen die Zuschauer auch berühren und anrühren. Aber natürlich erzählt der Film die Politik sehr sorgfältig mit, weil sie von der Figur nicht zu trennen ist. Kultur Joker: Wie muss man sich den Wahlkampf von 1949 vorstellen? Biermann: Ganz anders als heute, weil es keine Spitzenkandidaten und auch keinen Kanzlerkandidaten gab. Der personalisierte Wahlkampf kam erst später. Kurt Schumacher war sicher der prominenteste Sozialdemokrat, und Adenauer war einer der prominenten Christdemokraten. Aber man sagte damals nicht: Wählt uns, weil wir Adenauer haben! 1953 bei seiner ersten Wiederwahl war das schon anders. Kultur Joker: War Adenauer mit seinem Handeln seiner Zeit voraus? Biermann: Er war voraus und hinkte zugleich hinterher, sehr paradox. Jedenfalls hat er mit seinen alten Werten und Prägungen aus dem tiefsten Wilhelminismus den modernsten Staat geschaffen, den es je in Deutschland gab. Sein Markenzeichen ist vielleicht seine Nüchternheit. Genauer als die anderen konnte er 1949 einschätzen, was in Deutschland machbar war und was nicht. Die Bundesrepublik war gerade von den drei Westmächten gegründet worden. Ihre Aufgabe war es, im entfesselten Kalten Krieg ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu bilden. Man wollte, dass diese Bundesrepublik Teil der westlichen Welt und des westlichenTeils der Bevölkerung durchgesetzt, vor allem von Strauß. Kultur Joker: Was trieb Adenauer tief im Innersten an?

Biermann:
Ehrgeiz natürlich, auch die Lust am Gestalten. Er sah sich ja auch zeitlebens als großen Erfinder. Aber das Hauptmotiv kam bei diesem gläubigen Katholiken wohl aus der christlichen Sozialphilosophie. Er glaubte, dass man an der Verbesserung der Verhältnisse mitarbeiten müsse. In den 16 Jahren als Oberbürgermeister, bevor die Nazis ihn 1933 vertrieben, hat er in Köln sehr viele große Projekte realisiert. Das hat ihn enorm befriedigt. Als er 1949 Kanzler wurde, war er bereits 73, seine Konkurrenten waren viel jünger. Aber durch den Nationalsozialismus hatten sich viele diskreditiert. Adenauer war nach dem Zweiten Weltkrieg einer der wenigen Männer mit einer weißen Weste. Später hat er sich – wie die meisten Leute, die erfolgreich an der Spitze sind – mehr und mehr für unersetzlich gehalten. Kultur Joker: Welches waren Adenauers politische Ziele?


Biermann: Auch wenn es heute schrecklich pathetisch klingt: Demokratie und Freiheit. Und diese beiden notfalls auch nur im Westen. Konkret wollte er außerdem, neben der Wiederbewaffnung, die Versöhnung mit den Nachbarländern, vor allem mit Frankreich. Darüber hat er schon 1919 als junger Kölner Oberbürgermeister nachgedacht. Damals hielt er eine sensationelle Rede, bei der er versuchte, den ewigen Feind, eben die Franzosen, zu verstehen, ihre tiefe Angst vor den Deutschen nach mehreren Kriegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er jeden Schritt getan, mit Frankreich die Dinge in Ordnung zu bringen. Und dann unterzeichnete er 1963 abschließend mit de Gaulle einen Freundschaftsvertrag. Die klare Anbindung an die westlichen Demokratien erfolgte auch mit der Absicht, dass dadurch die Demokratie in Deutschland erst möglich wird. 1949 konnte er nicht erwarten, dass demokratische Bestrebungen aus der eigenen Bevölkerung kommen. Die Demokratie wurde sozusagen importiert. In der Kombination mit dem wachsenden Wohlstand ließ sie sich auch überraschend schnell durchsetzen. Kultur Joker: Wie verhielt er sich gegenüber Israel? Biermann: Das war ihm eine wirkliche Herzensangelegenheit, denn er litt entsetzlich unter dem, was geschehen war, auch wenn er selten darüber sprach. Er benutzte später zwar den Begriff „Wiedergutmachung“, aber er wusste genau, dass man das Geschehene nicht „wiedergutmachen“ konnte. Anders als bei den Franzosen konnte man als Deutscher den Juden nicht vorschlagen: Versöhnen wir uns doch endlich! Das wäre absurd gewesen. Immerhin hat er alles getan, was möglich war, um dem jungen Staat Israel zu helfen. Es ist viel Geld geflossen und es sind auch jede Menge Waffen geliefert worden. Da hat Adenauer sogar illegal gehandelt, denn es war gesetzlich verboten. Kultur Joker: Am 20. März 1952 wurde in München eine Paketbombe abgefangen, die an Adenauer adressiert war. Drahtzieher soll der gesuchte Terrorist und spätere israelische Ministerpräsident Menachem Begin gewesen sein. Biermann: Das ist richtig, das Attentat hatte einen jüdisch-terroristischen Hintergrund, aber es steckte nicht die damalige israelische Regierung dahinter. Menachim Begin wurde erst sehr viel später Ministerpräsident. Adenauer hat übrigens die Aufklärung der Hintergründe nicht forciert, weil das die gerade erst entstehenden Beziehungen zu Israel hätte stören können. Kultur Joker: Was war sein größter Erfolg? Biermann: Im Gedächtnis der Deutschen ist das ganz sicher die Heimholung der zehntausend deutschen Kriegsgefangenen aus Russland, zehn Jahre nach Kriegsende. Das hat ihm einen dauerhaften Platz in den Herzen der Deutschen gesichert. Es war eine unvorstellbare emotionale Woge, die ihm im Herbst 1955 entgegenschlug, eine dankbare Liebe der Menschen. Dahinter stand kein ausgeklügeltes politisches Konzept, es war einfach dringend nötig, diese Männer zurückzuholen. Kultur Joker: Adenauer machte ausgerechnet Hans Globke, der 1935 am juristischen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen mitwirkte, zum Kanzleramtschef. Wie verfuhr er generell mit den Altnazis? Biermann: Unmittelbar nach dem Krieg hatte er extrem strenge Vorstellungen davon, wie man mit diesen Leuten umgehen solle. Er wollte ein für alle Mal Schluss machen mit der NS-Ideologie. Ein paar Jahre später hat er erkannt, dass unheimlich viele Deutsche immer noch Nazis waren. Und er begriff, dass man diese Millionen – „abgesehen von den wirklichen Verbrechern“, wie er immer sagte – nicht aus der Gesellschaft aussperren darf. Man muss versuchen, auch sie zu Demokraten zu machen. Vor zwei, drei Jahren hat übrigens der große alte Sozialdemokrat Egon Bahr rückblickend diese damalige Integration der Nazis in die Gesellschaft als besonders kluge Politik Adenauers gelobt. Bei Globke ist es aber komplizierter. Er war ein schlimmer Nazi-Ideologe gewesen, und er wurde später dafür in der DDR in einem sorgfältig inszenierten Schauprozess zum Tode verurteilt, in Abwesenheit natürlich. Was Globke tatsächlich getan hatte, war schlimm genug. Aber die Stasi hängte ihm auch Dinge an, die er gar nicht getan hatte. Eine Reihe von westdeutschen Publizisten griff ihn dann auf der Grundlage dieser gefälschten Dokumente ständig an. Über Globke hat man versucht, die ganze Adenauer- Regierung in ein neo-nazistisches Licht zu tauchen. Kultur Joker: Als erklärter Hitler- Gegner war Adenauer ständig im Visier der Nazis. Jedoch wurde er erst 1944, nach dem gescheiterten Attentat auf den Führer, von der Gestapo verhaftet. Warum ist ihm am Ende nichts geschehen? Biermann: Man stellt sich immer vor, dass die Nazis in ihren Verfolgungshandlungen hoch rational und systematisch vorgingen. Im Sommer 1944 war das aber schon nicht mehr so, die Verhaftungen verliefen manchmal willkürlich und chaotisch. Nach dem Attentat vom 20. Juli griff man auf Listen zurück, auf denen alle prominenten Politiker der Weimarer Zeit verzeichnet waren. Diese Leute wurden pauschal verhaftet. Was mit ihnen geschehen sollte, hing oft von lokalen Gestapo-Leuten ab. Adenauer konnte zunächst aus dem Sammellager in den Kölner Messen entkommen, ist dann aber wieder geschnappt worden, indem man seine Frau ebenfalls verhaftete und in Gestapo-Haft erpresste, sein Versteck zu verraten. Gestapo-Mann Kurt Bethke drohte Gussi Adenauer, er werde andernfalls die 16 und 18 Jahre alten Adenauer-Töchter ins KZ stecken. In dieser wahnsinnigen Situation hat Gussi natürlich Adenauers Versteck verraten. Im Kölner Gefängnis Brauweiler, wo er dann war, sind Leute wie er jede Nacht erschossen worden. Aus irgendeinem Grund, den niemand genau kennt, er nicht. Gussi Adenauer hingegen ist an diesem „Verrat“ zerbrochen. Kultur Joker: Angeblich löste der Tod seiner Frau bei ihm eine tiefe Depression aus, mit der er bis zu seinem Lebensende zu kämpfen hatte. Biermann: Sie starb im April 1948. Adenauer war hoffnungslos verzweifelt durch diesen Verlust. Er brauchte mehrere Monate, um überhaupt wieder Kraft zu schöpfen und Lust an der politischen Arbeit zu finden. Er fühlte sich „wie ohne Wurzeln in der Welt“. Seine tiefe Einsamkeit war später vielleicht eine wichtige Voraussetzung dafür, dass er ein Hundertprozent-Politiker werden konnte. Das war das Besondere bei diesem dann sehr alten Mann, dessen Frau und Freunde schon gestorben waren und der im Grunde genommen nur noch diesen einen Lebenssinn hatte: die Politik. Kultur Joker: Pflegte er als Kanzler keine privaten Freundschaften? Biermann: Immer weniger. Nachdem dann auch Robert Pferdmenges gestorben war, herrschte in ihm eine tiefe Einsamkeit, inmitten dieses hektischen Politikbetriebs. Spätabends nach der Arbeit saß er in seinem großen Rhöndorfer Haus und hörte mit seinem jüngsten Sohn noch ein bisschen Musik, ehe er schlafen ging. Sonntags kam immer abwechselnd eine der beiden Töchter zum Kaffee, mit den Enkeln. Das war alles, was er an Privatleben hatte. Kultur Joker: Der „Spiegel“ sah sich 1962 wegen eines kritischen Artikels dem Vorwurf des Landesverrats ausgesetzt und sollte zum Schweigen gebracht werden. Kratzt die so genannte Spiegel- Affäre an Adenauers Image? Biermann: Na ja, das ist auch so ein Klischee. Der „Spiegel“ sollte nicht „zum Schweigen gebracht werden“, sondern zunächst mal hat die Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet, das war eine normale Handlung. Die Affäre zeigt dann aber unter anderem, wie tief Adenauer noch im 19. Jahrhundert verwurzelt war. Als der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß ihm sagte, es gebe verräterische Offiziere in der Bundeswehr, die mit kritischen Journalisten zusammenarbeiten, war dieser alte preußische Beamte alarmiert und zutiefst verstört. In seiner Wertewelt war Landesverrat eines der scheußlichsten Dinge. Deshalb gab er Strauß in einem nächtlichen Telefonat über die Sonderleitung seine Zustimmung zur Verhaftung des Spiegel-Autors Konrad Ahlers in Spanien. Erst das machte aus der Sache die berühmte ‚Affäre‘, denn das war vollkommen illegal. Es war die Rache von Strauß an Augstein. Über die aktive Rolle des Kanzlers weiß man übrigens erst seit wenigen Jahren Bescheid, weil man bestimmte Dokumente gefunden hat. Erstaunlich ist, dass Strauß sein Leben lang darüber geschwiegen hat, dass der Kanzler damals, im Oktober 1962, sein Komplize war. Kultur Joker: Wie hatte der „Spiegel“ damals über Adenauer und Strauß berichtet? Biermann: Rudolf Augstein hat schon 1950 im ‚Spiegel’ dem Kanzler eine „erbitterte Fehde“ angekündigt, weil er dessen Politik für „menschenverachtend“ und für einen „tödlichen Fehler“ hielt. Und mit Strauß ist Augstein dann ab 1957 heftig aneinandergeraten. Da ging es um Rüstungsfragen, aber Augstein hatte auch die Idee, dass man sich selbst umso mehr und besser profiliert, je stärker und genialer der Gegner ist. Der Kampf gegen Strauß, Woche um Woche, gab dem ‚Spiegel’ erst sein eigentliches Profil. Bis zur Spiegel-Affäre 1962 hat er systematisch alles, was sich nachteilig über Strauß herausfinden ließ, veröffentlicht. Und er war auch nicht pingelig darin, die Dinge hier und da ein bisschen zu verzerren und manchmal auch gut zu erfinden. Strauß konnte dagegen, außer Gegendarstellungen, nicht viel ausrichten. Und auf einmal galt er als jemand, der hochgefährlich ist. Augstein schrieb, wenn Strauß Kanzler würde, führe das unweigerlich zur Diktatur, zur Auflösung des Parlaments, zu Ermächtigungsgesetzen und am Ende zum Krieg. Kultur Joker: Rudolf Augstein, der wegen der „Spiegel“-Affäre 1962 drei Monate unschuldig im Gefängnis saß, sagte über Adenauer: „Wenn das Regime fortgedauert hätte, wäre es kein demokratisches geworden“. Biermann: Zunächst mal: Er saß in Untersuchungshaft. Ein Urteil wurde nie gefällt. Es ist aber richtig, dass die ‚Spiegel’- Affäre, bei der die deutsche Öffentlichkeit zum ersten Mal aufwachte und protestierte, einen enormen Demokratisierungsschub bedeutete. Augstein hat viele zugespitzte und provozierende Meinungen geäußert und hat sie ebenso oft selbst revidiert. Und in diesem Prozess des Denkens und Revidierens hat er sich später noch große Verdienste erworben, so dass er zu Recht als der „World Heroe“ der Pressefreiheit gilt. Das betrachte ich mit großem Respekt. Schon in der Haft damals erkannte er, wie anmaßend es ist, ein Presseorgan zum „Sturmgeschütz der Demokratie“, also zu einer Art oberster Instanz über das politische Geschehen, machen zu wollen. Und 40 Jahre später sagte er, Adenauer war „der größte Politiker, dem ich je begegnet bin“. Doku-Drama: „Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung“. Regie: Stefan Schneider. Buch: Werner Biermann. Mitwirkende: Joachim Bißmeier (siehe Titelfoto), Carolina Vera, Bernhard Ulrich, Johannes Zirner sowie Experten und Zeitzeugen. Sendung am 5.8., 21.45 Uhr im Ersten. Autobiografie (erscheint Anfang 2013): Werner Biermann: „Konrad Adenauer. Ein deutsches Leben“ (Rowohlt, geb., 288 S., Euro 19,95.

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