Straußenführer 2017


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Gedanken zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober und zum Mauerfall vor 25 Jahren

Vom Wandel der Zeiten

Jahrestage sind Gelegenheiten, sich zu erinnern. Sie geben Anlass zu fragen, woher wir kommen, wo wir jetzt stehen, wie es weitergehen soll. Mit dem Mauerfall vor 25 Jahren endete die Nachkriegszeit, der Kalte Krieg, begann eine neue Epoche.
Der deutsche Einheitsvertrag war nicht nur eine nationale, sondern auch eine europäische Chance. Doch die (fortschreitende) wirtschafts- und machtorientierte Expansion der EU, was vor allem die Nato-Osterweiterung betrifft, wurde zu einer Herausforderung für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Ukraine-Konflikt droht das Land zwischen unterschiedlichen Interessen aufzureiben. Auch droht eine neue Ost-West-Spaltung. Die Zeiten haben sich geändert, und der Wandel geht an keinem schadlos vorüber.

Natürlich ruft man sich gerne noch einmal die Fernsehbilder vom November 1989 ins Gedächtnis, spürt man gerne der Euphorie nach, als sich nach der friedlichen Revolution Deutsche aus Ost und West am Brandenburger Tor in den Armen lagen. Als nach 28 Jahren, in einem geschichtsträchtigen Moment, die Mauer fiel. Nicht zu vergessen aber auch, dass dem Freudenfest sobald ein Trauerspiel folgte. Dass nach Helmut Kohls Worten im Osten nicht nur Landschaften zum Blühen kamen, sondern zunächst einmal kräftig abgewickelt wurde. Was unter anderem Ursache dafür ist, dass heute im Osten Deutschlands ganze Landstriche entvölkert sind und darnieder liegen, Orte ausgestorben sind. Rückbesinnung muss von Zeit zu Zeit sein, aber vieles muss noch politisch geschehen, damit die Deutschen über mehr gemeinsam jubeln können als über ihren Fußballweltmeister.
Große Herausforderungen kommen auf unser Land zu. Sie machen es immer notwendiger, über den Tellerrand hinaus zu schauen, das Augenmerk zu lenken auf größere, immer komplizierter werdende Zusammenhänge. Durch die aktuelle weltpolitische Entwicklung wird auch die führende Wirtschaftsmacht Deutschland, lange ein Hord des Wohlstands und der Sicherheit, von ihren Partnern zunehmend in die Pflicht genommen werden, sich militärisch an Konfliktlösungen zu beteiligen. Und in Zeiten großer Flüchtlingsströme, ausgelöst durch Hunger, Krieg und Terror, ist es unumgänglich geworden, hinzusehen.

Vergangenheitsbewältigung
Vieles ist durchaus gelungen seit der Widervereinigung, einiges steht noch dahin. Die meisten Jungen in Ost und West zeigen sich unbelastet durch die Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern, sind weit entfernt vom Ossi-Wessi-Denken. Und doch ist mit einem Blick auf die deutschen Verhältnisse festzustellen, dass die Aufarbeitung der DDR-Geschichte noch lange nicht abgeschlossen ist, obwohl bei uns Vergangenheitsbewältigung groß geschrieben wird. Je größer der Abstand wird, desto mehr kommt aus den Abgründen der SED-Diktatur und ihren Beziehungen zur alten Bundesrepublik ans Licht. Wie unlängst durch die Meldung (SZ, 16.6.2014), dass über 6.000 westdeutsche Unternehmen einst heimliche Geschäfte mit der DDR tätigten, dass an der Produktion in Ostdeutschland bis zu 50.000 Gefängnisinsassen, darunter auch viele politische Gefangene beteiligt waren. Die Grenzen zwischen Tätern und Opfern sind immer unschärfer geworden. Vielleicht werden spätere Generationen klarer sehen und noch einmal nachfragen, wie das eigentlich war mit ihren Vorfahren im geteilten Deutschland, vor und nach der Wende.
In einem Essay unter dem Titel „Erinnern und Vergessen“ reflektierte der inzwischen verstorbene Publizist Peter Bender, Vordenker der Ostpolitik und der deutsch-deutschen Entspannung, den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte zwischen 1945 und 1989. Mit Abstand zu den erregten Jahren nach 1990, stellte er ketzerisch in Frage, was bei uns politisch korrekt ist: „Um eine schlimme Vergangenheit zu ‚bewältigen’, muss man die Erinnerung daran ständig wachhalten.“ Vor allem bezweifelte Bender die Form der juristischen Aufarbeitung der SED-Verbrechen. Durch die Öffnung der Stasi-Akten, die erwiesenen Spitzeleien, sei es zu einer Zerstörung vieler menschlicher Beziehungen gekommen. Und die Verurteilung einzelner Täter habe, wie so oft, dazu geführt, dass die Hauptverantwortlichen am Ende meist davongekommen seien. Die große Gemeinsamkeit, mit der die Ostdeutschen das SED-Regime stürzten, sei durch die Stasi-Akten nachträglich vergiftet worden. Eine Gegenposition nimmt der eine Generation jüngere, 1968 in der DDR geborene Roman Grafe ein. Er ist für eine weitere Aufarbeitung der SED-Diktatur ohne Wenn und Aber, Beschwichtigung und Nachsicht. Grafe ist Herausgeber der Anthologie „Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR“ (Pantheon Verlag). Eines der wichtigsten Aufarbeitungsbücher.

Ein deutsches Erbe
Zu erinnern ist auch an einen anderen Makel, ein hässlich brauner Fleck, sozusagen ein Geburtsfehler der neuen Bundesrepublik. Nach der deutschen Einheit bekamen die Rechtsradikalen einen Auftrieb, der sich bald sowohl in Stimmengewinnen bei Wahlen als auch durch Angriffe auf jüdische Einrichtungen zeigte. Nachdem die Deutschen es im Umgang miteinander nicht schafften, mussten andere herhalten. Wer ein Feindbild sucht, findet es immer. Während im Westen, abgesehen vom Unmut über den Solidaritätsbeitrag und andere Zahlungen, sich allmählich wieder Gleichgültigkeit breit machte, wurde im Osten das Gefühl der Unterlegenheit und der sozialen Benachteiligung größer, richteten sich Wut und Enttäuschung eines Teils der Bevölkerung zunehmend gegen hier lebende Ausländer, in Wohnheimen untergebrachte Asylanten. Die Anschläge von Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen sind Schandflecke der Erinnerung.
Verstärkt wurde dieser Makel durch die lange Zeit unaufgeklärte Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), eines der gefährlichsten rechtsextremen Terrornetzwerke seit 1945. Täter und Drahtzieher waren Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Tschäpe, bekannt als Zwickauer Trio. Nachdem sich Mundlos und Böhnhardt, im Fadenkreuz der Fahndung, durch Selbsttötung der Strafjustiz entzogen hatten, wurde Beate Tschäpe gefasst. Seit 2013 ist sie neben anderen mutmaßlichen Beteiligten an der Mordserie gegen ausländischstämmige Mitbürger die Hauptangeklagte im NSU-Prozess am Oberlandesgericht in München. Sie schweigt bis zu diesem Tag beharrlich. Es ist einer der wichtigsten Prozesse der jüngeren Geschichte Deutschlands, durch den die Sicherheitsbehörden nach ihrer 13 Jahre währenden, ergebnislosen Fahndung, ihrem nach und nach ans Licht kommenden Versagen großen Schaden nehmen werden.

Neue Sichtweisen
Der größere Abstand zur deutschen Einheit von 1990 bringt auch neue Sichtweisen und Einblicke mit sich, füllt Leerstellen der Unkenntnis und schafft mehr Verständnis.
Einen maßgeblichen Beitrag dazu leistet die Autorin Ines Geipel mit ihrem im Frühjahr erschienenen Bericht „Generation Mauer“. Dass es keine weitere Aufrechungs- oder Abrechnungsliteratur wurde, sondern erzählte DDR-Geschichte entlang der Lebenswege einiger Vertreterinnen und Vertreter ihrer Generation, macht die Stärke des Buches aus. Es ist die mittlere DDR-Generation, von der bislang nur wenig bekannt ist, für die das Jahr 1989 Dreh- und Angelpunkt im Leben war, der große Glücksfall, das Unverhoffte. Es sind die 45- bis 55-jährigen, die im System Honnecker groß geworden sind und als gerade Erwachsene ihre Welt zusammenbrechen und eine neue entstehen sahen. „Es ist eine Generation, die im Schatten der Mauer groß wird, die mehrheitlich in die Indoktrination hineinläuft und die dann mehrheitlich entscheidet, zu gehen“, sagt Ines Geipel. Das Ende des Systems und die Entscheidung dieser Generation seien verlaufen wie zwei gut abgestimmte Synchronschwimmer. Vielen ist der Neubeginn in Freiheit gelungen. „Sie sind davon gekommen. Sie sind angekommen in der Geschichte“, so die Autorin am Ende ihres Buches.
Ines Geipel weiß, wovon sie spricht. Die 1960 geborene, ehemalige Weltklasse-Sprinterin floh 1989 nach ihrem Germanistik-Studium von Jena über Ungarn nach Westdeutschland und studierte in Darmstadt Philosophie und Soziologie. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter den Roman „Das Heimspiel“. Als Betroffene war sie 2000 Nebenklägerin gegen die Drahtzieher des DDR-Zwangsdopings. Ihr Buch „Verlorene Spiele“ (2001) trug wesentlich bei zur Einrichtung eines Entschädigungs-Fonds für DDR-Dopinggeschädigte durch die Bundesregierung. Im Zuge dieser Aufklärung gab Ines Geipel 2005 ihren Staffelweltrekord zurück, da er unter unfreiwilliger Einbindung ins DDR-Zwangsdoping zustande gekommen war. „Wir sind noch nicht dran mit der großen Bilanz“, meint die Autorin, es ist noch ein bisschen Zeit zum großen Lebensresümee.“ War ursprünglich ihre Wut als Betroffene ein Antrieb zur Aufarbeitung gewesen, geht es ihr jetzt nicht mehr um Vorwürfe, sondern um das Schildern von Lebensgeschichten, die über ihre eigene Biographie hinausgehen.

Sehr zu empfehlen: Ines Geipel, „Generation Mauer“, Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 275 Seiten, 19.95 Euro.
Peter Frömmig

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