Straußenführer 2017


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Theater im Marienbad inszeniert Lisa Danulats Kinderstück „So ist es!“

Trashige Endzeitstimmung

Eine Gartenlaube aus Paletten, drum herum Hochbeete mit vertrocknetem Gestrüpp und ein vogelwildes Schrott-Sammelsurium vor rostig-blauer Wellblechwand, in deren Höhe eine Guckkastenbühne eingelassen ist: Hinter durchsichtigen Plastiklamellen sieht man Computer, Stuhl und Schreibtisch. Unten wuselt ein barfüßiger Hippie in bodenlanger, brauner Kapuzenkutte herum, sein geschäftiges Geräume unterbricht er immer dann für einen Schluck aus dem Reagenzglas, wenn das Industrierohr am Boden einen Stoß dicken Qualm in seine Kleingärtner-Aussteiger-Müllkippen-Einsiedelei röchelt.

Schauspieler Nic Reitzenstein in "So ist es!"

Nic Reitzenstein © Andreas Metzner

Trashige Endzeitstimmung herrscht im Kesselhaus des Theaters im Marienbad, wo Nadine Werner jetzt das extra für´s Haus geschriebene Kinderstück „So ist es!“ von Lisa Danulat inszeniert. Um Umweltzerstörung geht es, um Gier, Kommerz und Konsum, um eine Zukunft, die schon lange keine mehr ist. – Heftiger Stoff also, der hier in einer verspielten Mischung aus Märchen und Satire auf die Bühne kommt. Letztere ist dann auch Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung: So detailreich, fantasie- und stimmungsvoll hat Bernhard Ott hier bis hinein ins Innere der Laube gebaut und drapiert, dass es wie in einem verrückten Forschungslabor jede Menge zu entdecken gibt. Das Herz dieser Geschichte aber ist Morpheus, der auf seinem Müllberg zwar seine Träume, nicht aber seinen Kampfgeist und die Liebe für das Leben verloren hat. Ilja Baumeister gibt ihn mit blitzenden Augen als vitales Schlitzohr, als Poet und Survivalkünstler. „Ich bin eine Demo!“, skandiert er mit handgemalter Papptafel und sinniert „Wie weit muss ich durch die Jahre fliegen, um jemals wieder Luft zu kriegen?“. Das ist so leidenschaftlich wie schrullig und damit ziemlich lustig.

Sein Widerpart ist Dermaleinst, der in seiner Marketing-Zentrale haust wie in einem Space Shuttle: Nic Reitzenstein spielt ihn als durchgeknallten Zauberer mit riesigem Spitzkragen und langen Mantelschößen (Kostüme: Yves Pancera) Auch er – ein Spinner und nicht von Grund auf böse, auch wenn er Morpheus dringlichste Frage nach dem „Warum“ gleich in den Schredder schiebt und wie ein Marktschreier nieder plappert. Für ihn sind Menschen Kunden, Wachstum ist seine Religion, Tiere kennt er nur noch als Präparate, die er vor die Webcam hält. Stattdessen will er den tobenden Waldschrat vor seiner Tür auf eine Tasse blaues Gold einladen, bestes Wasser, Jahrgang 1998. In Zeiten von Nestlés kriminellem Wasserhandel ist das doppelt zynisch. Überhaupt steckt im philosophischen Dialogpingpong der beiden viel Witz und Wahrheit – aber ob Kinder ab acht Jahren von dieser Textfülle nicht überfordert sind? Vor allem der Anfang des Stückes verlangt da einiges an Geduld und Konzentration.

Jedenfalls wird auch noch viel gereimt und auch ein Totenschädel fliegt lustig durch die Luft, da weht einen glatt ein bisschen von Goethes Faust an – und prompt verführt Dermaleinst auch die Evolutionsbremse Morpheus mit einer Tüte Plastikschund zum rosaroten Glücksrausch. Da ist unser Weltenretter, Wüstenprediger und Gott der Träume doch glatt seinem ärgsten Feind ins Netz gegangen. Überhaupt hat es dieser Dermaleinst echt drauf: Singt, posiert und tanzt zu schrottigen Werbe-Jingles, preist sein Produkt in höchsten Tönen, während hinter ihm lustige Retro-Trickfilme von Jens Dreske über die Wand flattern. – Gesprächs- und Denkstoff bietet dieses originelle Stück unbedingt, von moralinsaurer Betroffenheitsschwere keine Spur. Eine Botschaft gibt es trotzdem: Es ist 5 vor 12 – oder gar schon 5 nach 12?

Weitere Aufführungen im März: 2./5.3., jew. 16 Uhr; 3.3., 19 Uhr und 8./9.3., jew. 11 Uhr.

Marion Klötzer

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