Straußenführer 2017


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„Technische Paradiese: Die Zukunft in der Karikatur des 19. Jahrhunderts“ – Ausstellung im Museum LA8 in Baden Baden

Zwischen Überraschung und Befürchtung

Neue Maschinen können ein Alptraum sein, aber auch zum Spott reizen. Wie solche auf Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts wirkten, sei es als feuerspeiender Drache oder eiserne Spinne, das spiegelt sich in Karikaturen, die Innovationen wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Rohrpost, Fotografie, Telegrafie, Telefonie und Automobil persiflieren.

Gemälde "Die Kruppschen Teufel" von Heinrich Kley. Es zeigt Arbeiter und große Teufelsgestalten in einer Stahlfabrik

„Die Kruppschen Teufel“, Heinrich Kley, 1913. Derzeit zu sehen im Museum LA 8 in Baden-Baden

Unter dem Titel „Technische Paradiese. Die Zukunft in der Karikatur des 19. Jahrhunderts“ beschäftigt sich damit momentan eine Ausstellung im Museum LA 8, indem sie Werke wichtiger europäischer Karikaturisten zeigt, etwa George Cruikshank, William Heath, Grandville, Honoré Daumier, Wilhelm Busch und Albert Robida, die sich – zwischen Überraschung und Befürchtung, mit Phantasie und Humor – auf technische Errungenschaften beziehen. Die Schau präsentiert auch Objekte, die exemplarisch für diesbezüglich epochale Umbrüche stehen, darunter eine Benzinkutsche und ein elektromagnetischer Telegraphenapparat.

Honoré Daumier mokiert sich gerne über stolze Weltausstellungen und Erfinder; so kommentiert er die verkrampfte Anweisung eines Fotografen im Zuge einer Porträtaufnahme: „Neues Verfahren, um ein lockeres und anmutiges Bild zu schaffen“. Hingegen versetzte sich der satirische französische Zukunftsforscher Albert Robida (1848-1926) in das Wesen der Elektrizität und erlebt sie als himmlisch-höllisches Zwitterwesen; in seinem Comic „La guerre au vingtième siècle“ (1887) erahnt er bevorstehende Kriege, sieht sie bestimmt von Distanzwaffen und chemischen Kampfmitteln und sorgt sich um den Verlust der einfachen Freuden des Menschen – wie Stille und Einsamkeit – in einer mechanisierten Welt. Bei Grandville nehmen die „technischen Paradiese“, bevölkert von mechanischen Hampelpuppen und dampfbetriebenen Musikinstrumenten, ebenfalls inhumane Züge an; einerseits begrüßt der Mensch neue Techniken als hilfreich, andererseits sieht er sich fremdbestimmt und befürchtet überflüssig zu werden.

Diese Situation versuchten jeweilige Zeitgenossen kulturell zu deuten, während sich gleichzeitig ihre eigene Welterfahrung durch beschleunigte Produktionsabläufe und Reisewege veränderte. Damit setzten sich Karikaturen und illustrierte Bildergeschichten auseinander, die ihren eigenen Erfolg jedoch gerade dem Fortschritt der Drucktechniken verdankten, die ihnen den Aufstieg zum visuellen Massenmedium ermöglichten. Ein Band mit anspruchsvollen Essays und Abbildungen begleitet diese lehrreiche Ausstellung zum 19. Jahrhundert, das – Ironie der Geschichte – nicht nur zahlreiche Segnungen der Technik hervorbringt, sondern auch den zivilisationskritischen Aussteiger, der vor greller Beleuchtung flieht, vom Tageslicht des Südens schwärmt und die moderne Kunst erfindet, die wir heute ebenso bestaunen wie die großen Leistungen der Ingenieure.

Technische Paradiese. Die Zukunft in der Karikatur des 19. Jahrhunderts. Museum für Kunst und Technik – LA 8. Lichtentaler Allee 8. Baden-Baden. Geöffnet: Di – So 11 bis 18 Uhr. Bis 5. März 2017

Cornelia Frenkel

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