Straußenführer 2017


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„Starke Stücke zum Vierzigsten“

Im Gespräch: Leopold Kern und Herbert Wolfgang vom Musiktheater „Die Schönen der Nacht“

Wer vierzig Jahre gemeinsam auf der Bühne steht, hat jede Menge zu erzählen. Wer in dieser Zeit auch noch 28 eigene Programme inszeniert, hat ein Stück Theatergeschichte geschrieben. Marion Klötzer besuchte Leopold Kern und Herbert Wolfgang vom Musiktheater „Die Schönen der Nacht“. Ein Gespräch über Entwicklungen und Herzens-projekte.

Herbert Wolfgang und Leopold Kern in "Gigolo" (© Barbara Schwanhäuser)

Herbert Wolfgang und Leopold Kern in „Gigolo“ (© Barbara Schwanhäuser)

Kultur Joker: Großen Glückwunsch – ihr seid eine der ältestesten freien Theatergruppen Deutschlands! Vierzig Jahre – wie fühlt sich das an?

Leopold Kern: Krass!

Herbert Wolfgang: Das ist uns so passiert und komprimiert sich bei mir vor allem zu emotionalen Erinnerungen. Da fallen mir gleich tausend Sachen ein. Jedes neue Programm ist ja wie ein Kind – mit viel Aufregung und manchmal unter Schmerzen geboren. Und irgendwann muss man es wieder loslassen.

Leopold Kern: Es ist verrückt: 1995 haben wir „Die Blume von Hawaii“ inszeniert, Songs daraus singen wir heute immer noch. Aber ohne Baströckchen, die Zeiten sind vorbei.

Kultur Joker: Wie war euer erster Auftritt 1977?

Herbert Wolfgang: Das war eine spontane Performance für ein Musikhochschulfest, eine Art Trashshow mit Playback und Travestie. Und die Leute mochten es! Deswegen wurden wir zum Theaterfestival eingeladen.

Leopold Kern: Das war die Zeit der Foolsbewegung, die mit geballter kreativer Anarchie von Amsterdam nach Deutschland kam. Und wir mittendrin!

Herbert Wolfgang: Jedenfalls öffnete uns damals der damalige Intendant des Freiburger Theaters, Manfred Beilharz, seine Türen – und das Stadtheater wurde unser Labor: Über viele Jahre lang und mit Hunderten von Vorstellungen zeigten wir unsere Shows im früheren Theatercafé und waren Teil der Inszenierungen im Großen Haus.

Kultur Joker: Bei euch stieg die Königin der Nacht aus einem Sarg, zu Marika Rökk seid ihr mit Kittelschürzen herumgehüpft. Hört sich ziemlich schrill an.

Leopold Kern: Wir machten Travestien auf Klassik und die Doppelmoral des Kulturbürgertums, wir wollten Geschlechterklischees aufbrechen, den Subtext der Songs sichtbar machen – das gehört bis heute zu unserem Konzept.

Herbert Wolfgang: Wir halten das wie Kurt Weill: Für uns gibt´s keine U- und E-Musik, sondern nur gute oder schlechte. Das Crossover ist unser Markenzeichen. Schon nach der ersten Playback Show wechselten wir zu Live-Gesang. Schließlich haben wir eine klassische Gesangsausbildung – damit waren wir Exoten in der Freien Szene.

Kultur Joker: Angefangen habt ihr als Tourneetheater: Gastspiele und Festivals nicht nur in Europa, sondern auch in Thailand, Brasilien und Mexiko. Strapaze oder Abenteuer?

Leopold Kern: Beides. Anstrengend, wenn man immer unterwegs ist, ständig neue Bühnensituationen hat. Und dann dieser VW-Bus, der bei Schneesturm auf der Autobahn den Geist aufgibt, mitten in der Nacht… Und andererseits natürlich die vielen spannenden Begegnungen. Oder in Berlin in der großen Tempodrom Show mit Udo Lindenberg und Nina Hagen, da kamen wir uns erst vor wie im Circus Maximus. Aber wir haben die Löwen gebändigt.

Herbert Wolfgang: Wichtig waren auch die 80er in München mit Marianne Sägebrecht, ihrer Opera Curiosa und ihrer Theaterkneipe. Und als unsere mexikanischen Freunde „Las Divas“ in Mexico City ihr eigenes Theater eröffneten, waren wir dort oft zu Gast.

Kultur Joker: Ihr macht Revuen, Musik-Collagen und Operetten, euer Schwerpunkt sind die 20- und 30 Jahre, vor allem die vom Nationalsozialismus verfolgte „entartete“ Musik. Warum?

Leopold Kern: Es ist einerseits ein politisches Statement gegen die Absurdität, dass Musik verfolgt und verboten wird, weil ihre Urheber jüdisch oder kommunistisch waren. Abgesehen davon ist diese Musik qualitativ sehr hochstehend. Die Lieder haben einen speziellen Humor, man spürt den freien Geist dieser Zeit. In ihrer Selbstironie eröffnen ihre Texte ganz viel Interpretationsraum, mit dem wir immer noch gerne arbeiten.

Herbert Wolfgang: Auch die Trennung zwischen U- und E-Musik gab es nicht in diesem Maße wie heute. Wir haben immer bewusst vermieden, auf amerikanisches Material und Musicals auszuweichen. Inzwischen ist das leider der Mainstream.

Kultur Joker: Was waren eure Highlights?

Leopold Kern: Ganz sicher die „Blume von Hawaii“, die wir über 200 Mal aufgeführt haben. Natürlich auch „Im Weißen Rößl“. Dann Broadway Baby von Stephen Sondheim oder Hanns Eisler.
Herbert Wolfgang: Oder „Grüner Mond von Alabama“ – die Kurt Weill Revue. Überhaupt ist und war uns Weill sehr wichtig. Wir haben ihm drei Produktionen gewidmet. Besondere Beachtung fand „This time next year“ – eine Revue mit teilweise unveröffentlichten Filmsongs, die zu seinem 100jährigen Geburtstag beim Weill-Fest in Dessau Premiere
hatte.

Leopold Kern: Prinzipiell gilt für uns: Man muss Unterhaltungstheater sehr ernst nehmen, dazu gehört es, im Vorfeld gut zu recherchieren, Charaktere sehr genau zu meißeln, Oberflächlichkeiten zu vermeiden.

Kultur Joker: 1989 habt ihr euer kleines Theater im E-Werk bezogen. Und seid für alles verantwortlich: Finanzen, Presse, Programm, Licht, Bühnenbild, Kostüme, Gäste begrüßen und bewirten.

Herbert Wolfgang: Persönliche Nähe zum Publikum ist uns sehr wichtig, bei uns gibts Theater hautnah. Wir haben viel Stammpublikum und nicht wenige sind mit uns alt geworden. Mit der eigenen Bühne können wir uns auch optisch verwirklichen, immer wieder Neues ausprobieren: So arbeiten wir ja schon seit Jahren in der Kooperation mit dem „Centre Culturel de Recontre Les Dominicains de Haute-Alsace“, wo unsere tollen Videos produziert werden.

Leopold Kern: Wir machen hier auch aus der Not eine Tugend und sehen es als Herausforderung: Die Bühne ist ja so klein, dass uns das Publikum quasi auf die Plomben gucken kann. Backstage gibt es nicht. Das heißt reduzieren, verdichten, ein sehr exaktes Timing, viele Rollenwechsel, Auf- und Abgänge durch´s Publikum. Das ist ehrliche, unmittelbare Arbeit, da kannst du nix kaschieren. Jedenfalls braucht es immer unkonventionelle dramaturgische Lösungen, die dann aber zu unserem Markenzeichen werden. Schade ist natürlich in punkto Gesang, dass die Decke hier ziemlich niedrig ist, das schluckt viel Schall.

Kultur Joker: Ihr werdet von Land und Stadt institutionell gefördert – wie kommt ihr über die Runden?

Leopold Kern: Ohne diese Förderung würde es gar nicht gehen. Wir brauchen auch unsere privaten Förderer, die eine Patenschaft für ein Stück übernehmen und unser treues Publikum. Prinzipiell müssen wir sehr viele Vorstellungen spielen und haben deswegen keinen wechselnden Spielplan. Es funktioniert, weil wir einen tollen Techniker und viele Künstlerinnen und Künstler im Ensemble haben, die auch für wenig Gage seit Jahrzehnten dabei sind. Mihai Grigoriu zum Beispiel ist unser „dienstältester“ Pianist. Auch Juliane Hollerbach begleitet uns schon lange.

Herbert Wolfgang: So konnten wir viele Kontakte stiften: Stefanie Verkerk und Martin Schurr haben wir mit dem „weißen Rössl“ zurück nach Freiburg geholt.

Leopold Kern: Wichtig sind auch unsere Workshops. Kürzlich erst waren wir wieder mit dem Goethe-Institut zwei Wochen lang zu Gast in Senegal und arbeiteten mit jungen Leuten aus elf verschiedenen afrikanischen Ländern – eine tolle Erfahrung!

Kultur Joker: Und wie geht es weiter?

Herbert Wolfgang: In Zukunft wollen wir verstärkt den Nachwuchs auf die Bühne holen.

Leopold Kern: Und natürlich gibt es eine Jubiläumsspielzeit mit Highlight-Programmen, randvoll mit guter Musik.

Kultur Joker: Gute Wünsche – und weiterhin soviel Kraft und Inspiration!

GALA = Starke Stücke zum Vierzigsten
Es liegt etwas Hypnotisches in der Luft! – 40 Jahre Musiktheater „Die Schönen der Nacht“

Mit ganz persönlichen musikalischen Herzens-Stücken, Highlights und extravaganter Musik, lassen Leopold Kern und Herbert Wolfgang unter dem Motto „Das sind wir!“ in lustvollem Spiel, mit leichter und ernster Muse, wo Ironie, Kitsch, Poesie und Ernsthaftigkeit gleichermaßen ihren Platz haben, die letzten 40 Jahre Revue passieren. Mit dabei ist die temperamentvolle mexikanische Pianistin Claudia Corona. Sie begleitet nicht nur die Lieder, sondern spielt außerdem Highlights aus ihrem Konzertrepertoire u.a. mit Werken von Poulenc und Gershwin.
„Gala = Starke Stücke zum 40.“ Ab dem 22. September bis zum 11. November, jeden Freitag und Samstag, um 20 Uhr.
www.dieschoenen.com

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