Straußenführer 2017


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Spazieren mit der Wissenschaft

Im Gespräch: Martin Schmitz über den Soziologen Lucius Burckhardt

Der Soziologe und Querdenker Lucius Burckhardt (1925-2003) bezeichnete seine Forschungen in den 1980er Jahren als Spaziergangswissenschaft und hat diesen Denkansatz als Dozent, durch Bücher, Aktionen, Fotografien und mit „landschaftstheoretischen Aquarellen“ vermittelt; letztere werden nun auf der documenta 14 in Kassel und Athen gezeigt. Unsere Mitarbeiterin Cornelia Frenkel hat den Burckhardt-Experten Martin Schmitz aus Berlin befragt.

Soziologe Lucius Burkhardt. Foto: Annemarie Burckhardt, © Martin Schmitz Verlag

Soziologe Lucius Burkhardt. Foto: Annemarie Burckhardt, © Martin Schmitz Verlag

Wie bewohnen wir unsere Welt? Um dieser Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln nachzugehen und über Grenzen zu denken, findet die documenta 14 diesmal an zwei Schauplätzen statt, in Athen und Kassel; eines ihrer Mottos lautet „Von Athen lernen“. Ausstellungsleiter Adam Szymczyk hat mehr als 300 internationale Künstler zur Teilnahme geladen, die in ungewöhnlicher Weise die Situation auf unserem Globus beleuchten. Auffallend ist, dass nicht nur junge Künstler dabei sind; vielmehr haben zahlreiche Teilnehmer die 80 überschritten oder sind bereits verstorben, so etwa Maria Lai (1919-2013), Sedje Hémon (1923-2011) und Ernest Mancoba (1904-2002). Für Dokumentaleiter Adam Szymczyk ist Alter kein relevantes Kriterium für Bedeutung, vielmehr hat er bei der Auswahl von Werken aus dem 20. Jahrhundert nach Ideen gesucht, die noch heute wichtig sein könnten; somit wurde etwa Lucius Burckhardt ausgewählt, der sich damit beschäftigt hat, wer entscheidet, wie wir unsere Mitwelt gestalten und wie diese auf uns zurück wirkt.

Kultur Joker: Wie lassen sich die Überlegungen von Lucius Burckhardt charakterisieren, die sich kritisch mit unserer Raumwahrnehmung und unserem „visuellen Analphabetismus“ beschäftigen und von ihm als „Spaziergangswissenschaft“ bezeichnet wurden?

Martin Schmitz: Nachdem Lucius Burckhardt in den 1960/70er Jahren unter anderem ein Vordenker der Urbanismus-Diskussionen gewesen ist, die sich als Folge der Automobilisierung und des großen Umbaus von Stadt und Land in ganz Europa damals entwickelt haben, führt er diese kritische Auseinandersetzung in den 1980er Jahren unter mittlerweile bereits wieder veränderten Bedingungen fort – inzwischen waren viele Autobahnen gebaut worden und die Mobilität war rasant angewachsen – und nennt seine gesamte Forschung Spaziergangswissenschaft, Promenadologie oder englisch auch Strollology. Sie richtet sich an Fachleute und Laien, und ist eine Art Weiterentwicklung der Urbanismus-Diskussionen; durch aufmerksames „Spazieren“ durch eine jeweilige Umgebung sollte diese genauer und vollständiger erkannt, sichtbar gemacht und neu interpretiert werden. Dazu ist dringend notwendig, dass vorgeprägte, mitgebrachte Vorstellungen überprüft werden und auch gefragt wird, wie diese in unsere Köpfe gelangt sind. Zur Gründungszeit der neuen Wissenschaft veröffentlichte Lucius Burckhardt eine Reihe seiner Texte unter dem Titel „Die Kinder fressen ihre Revolution“; damit ist er einfach einen Schritt weitergegangen als die Kritiker der ‘68er Generation, die über grasgedeckte Doppelgaragen kaum hinausdachten und nur merkwürdige Verkehrsberuhigungsmaßnahmen einrichten wollten. Gegenwärtig wird immer noch kräftig beim öffentlichen Nahverkehr gespart, z.B. in Kassel, obwohl die Verantwortlichen nicht wissen, wohin mit den überhandnehmenden Autos. Die Überlegungen von Lucius Burckhardt sind insofern sehr aktuell.

Kultur Joker: Lucius Burckhardt stellt auf der documenta seine „Landschaftstheoreti-schen Aquarelle“ aus, die Sie erstmals als Buch herausgegeben haben. Welche Rolle spielen diese im Lebenswerk von Lucius Burckhardt?

Martin Schmitz: Die Ästhetik der Landschaft nimmt einen breiten Raum in der Promenadologie ein. Landschaft, so Lucius Burckhardt, ist ein Konstrukt in unseren Köpfen. Jede Generation hat eine solche Konstruktion, wie sich etwa anhand von Schillers Gedicht „Der Spaziergang“ oder Vergils Hirtengedichten, in denen der Begriff Arkadien auftaucht, begreifen lässt.
Bei Schiller spaziert der Städter vor die Tore der Stadt und sieht die Bauern auf dem Feld. Erst der Städter, der nicht mehr von Acker und Viehhaltung leben muss, ist in der Lage, die Landschaft als Bild wahrzunehmen. Später werden die Alpen entdeckt, und in den Köpfen entsteht die Vorstellung von Erhabenheit. Ganz scharf lassen sich diese unterschiedlichen Konstrukte von Landschaft durch die Jahrhunderte selbstverständlich nicht trennen, weder in der Literatur noch in der Malerei. Diesen Zwischenraum, für den eine sprachliche Beschreibung nicht ausreicht, füllt Lucius Burckhardt mit seinen Aquarellen aus und macht ihn wahrnehmbar.

Kultur Joker: Auch in unserer Gegenwart ist die Trennung von Stadt und Land sehr unscharf geworden?

Martin Schmitz: Wenn wir unterwegs sind, wissen wir oft nicht, ob wir noch in der Stadt sind oder schon auf dem Land. Wir leben in Metropolen. Zeitschriften wie z.B. „Landlust“ offenbaren diese neue metropolitane Konstruktion der Landschaft in unseren Köpfen. Die Städte werden immer grüner, und in der Landschaft stehen große, weiße Kisten, Hochregallager und andere Zeichen einer industrialisierten Landwirtschaft. Ferien auf dem Bauernhof können heutzutage in Wirklichkeit bedeuten, mit 20.000 Mastschweinen zu frühstücken. Und die Sehnsucht nach intakter Landschaft und idyllischen Städten wächst; nur so kann man sich z.B. den Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt erklären, nachdem sie viele Jahre zerstört wurde. Die landschaftstheoretischen Aquarelle sollen helfen, diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen. Lucius Burckhardt hat sich immer sehr unterschiedlicher Medien bedient, um seine Anliegen zu vermitteln.

Kultur Joker: Lucius Burckhardt sagt über seine Arbeit: „Wir nennen solche Forschungen mangels eines besseren Ausdrucks Kunst“. Welche Spitze gegen den Kunstbetrieb steckt darin?

Martin Schmitz: Das sagt jemand, der in vielen Disziplinen tätig ist und sich zwischen ihnen bewegen kann. In der Spaziergangswissenschaft bringt er Mobilität, Medien, Wahrnehmung und die Rückkopplung auf die Gestaltung, das Planen und Bauen zusammen, während Spezialisten immer die Neigung haben, auf ihrem Fachgebiet zu bleiben. Es steckt also vielleicht eher eine Spitze gegen die Spezialisten in dieser Formulierung. Lucius Burckhardt drückte es früher auch so aus: Fachleute brauchen immer mehr Fachleute, um die Folgen ihrer Eingriffe zu beheben.

Kultur Joker: 1972 hat Lucius Burckhardt ebenfalls an der documenta mitgewirkt, was präsentierte er damals?

Martin Schmitz: Auf der 5. documenta 1972 wirkte er in der Abteilung „Planung und Utopie“ mit. Dort wurden die großen Pläne von Kenzo Tange oder Yona Friedman u.a. gezeigt, die sich mit stapelbaren und mobilen Städten beschäftigten. Das hat ihn sehr interessiert, aber er wusste schon Anfang der 1970er Jahre, dass diese Entwürfe nicht für die Zukunft taugen, da sie nur die Probleme der Gegenwart abbildeten und nicht lösen konnten. Das hat er kurze Zeit nach der Ausstellung in Kassel in der Schweizer Zeitschrift „Werk“ dargelegt.

Kultur Joker: Das von Ihnen herausgegebene Buch „Landschaftstheoretische Aquarelle und Spaziergangswissenschaft“ dokumentiert auch verschiedene künstlerische Aktionen wie den „0-Meter-Spaziergang“, „Die Fahrt nach Tahiti“ etc. Was waren dies für experimentelle Unternehmungen?

Martin Schmitz: Wie schon gesagt, Lucius Burckhardt bediente sich immer mehrerer Möglichkeiten, um seine Forschung zu vermitteln. Unser Buch zeigt diese Aktionen zum ersten Mal zusammen mit seinen kommentierten Aquarellen und vielen bisher in Buchform unveröffentlichten Burckhardt-Texten. Diese Aktionen könnten auch Happenings oder Performances genannt werden; sie führten jeweils öffentlich ein größeres Publikum in die Gedankenwelt des kritischen „Spazierens“ ein. Beim Tahiti-Spaziergang 1987, auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz z.B., passten die Beschreibungen der Landschaft in Tahiti von Georg Forster aus dem Jahr 1772, die von einem Schauspieler während der Aktion an verschiedenen Stationen vorgetragen wurden, genau zur vorhandenen Umgebung. Da wurde sofort klar, wie schwierig es überhaupt ist, Landschaft zu beschreiben. Beim sogenannten Autofahrer-Spaziergang von 1993 gingen wir mit großen Windschutzscheiben, die vor die Brust gehalten wurden, auf einer stark befahrenen Straße. Der enge Blickwinkel durch die vorgehaltene Scheibe sowie das Fehlen des schützenden Bleches wurden zu einer unmittelbaren Erfahrung; und dass Parkplätze nur für Autos da sind, obwohl auch Fußgänger einen Parkschein lösen können und sich auf dem Parkplatz aufhalten, führte bei einem Seminar, das in einer innerstädtischen Parkbucht abgehalten wurde, zu großem Ärger mit wütenden Autofahrern, die auf Parkplatzsuche waren.

Kultur Joker: Auf der jetzigen d14 wird indigenen Völkern und Opfern von Kolonialismus ausdrücklich Raum gegeben. Zudem werden hochbetagte und sogar bereits verstorbene Künstlerinnen und Künstler berücksichtigt und gewürdigt. Möchte Adam Szymczyk nebenbei auch die Kunst- und Geschichtsschreibung korrigieren und ergänzen?

Martin Schmitz: Was Lucius Burckhardt angeht, nimmt Adam Szymczyk einige Gedanken aus der Spaziergangswissenschaft auf, wenn er z.B. sagt, wir müssen „entlernen“. Wenn wir heute irgendwohin fahren, haben wir durch Werbung, Film und viele andere Medien schon immer unsere Vorstellungen im Gepäck. Das beschränkt unsere Wahrnehmung. Wir sehen nur das, was wir gelernt haben zu sehen. Ich denke, dass es um einen erweiterten Blick geht, auf die Kunstgeschichte, die Geschichtsschreibung und die Realität. Die Spaziergangswissenschaft möchte unsere Umgebung wieder vollständiger sichtbar machen und neu interpretieren. Dazu ist eine Überprüfung unserer jeweils mitgebrachten Vorstellungen – und wie diese in unsere Köpfe kommen – dringend nötig.

Kultur Joker: Athen gilt als Wiege der Demokratie und des philosophischen Denkens. Inwiefern kann für Sie die documenta14 ihr Motto „Von Athen lernen“ einlösen?

Martin Schmitz: Das Motto gilt in meinen Augen für jede Stadt, für jeden Ort, für jede Umgebung. Es bedeutet, lernen von der menschengemachten Umgebung. Als Laien und Profis mischen wir mit, und da wäre an Mitwirkung noch viel mehr möglich!

Kultur Joker: Sehr geehrter Herr Professor Schmitz, wir bedanken uns für Ihre Auskünfte.

 

Karten für die documenta 2017 können im Internet sowie in den documenta-Shops in Kassel und Athen erworben werden. Das Ticket berechtigt zum Besuch aller Ausstellungsorte der documenta 14. Info: 0561/7072770 und visitors@documenta.de. Bis 17. September 2017.

Literatur

Lucius Burckhardt. Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft. Martin Schmitz Verlag 2006

Lucius Burckhardt. Landschaftstheoretische Aquarelle und Spaziergangswissenschaft. Hrsg. von Noah Regenass, Markus Ritter und Martin Schmitz. 400 Seiten, farbige Abbildungen. Martin Schmitz Verlag 2017

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