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	<title>Kultur Joker &#187; Georg Rudiger</title>
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		<title>Let the good times roll</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Apr 2010 07:58:16 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_494" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.kulturjoker.de/?attachment_id=494"><img class="size-full wp-image-494" title="a Platée - photo Alain Kaiser 7" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2010/04/a-Platée-photo-Alain-Kaiser-7.jpg" alt="Platée (Emiliano Gonzalez Toro) und ihre Freundin Clarine (Céline Scheen) in der Seerose" width="500" height="332" /></a><p class="wp-caption-text">Platée (Emiliano Gonzalez Toro) und ihre Freundin Clarine (Céline Scheen) in der Seerose</p></div>
<p>„So prächtig auch die Musik gelungen sein mag, hat man doch Mühe, die Langeweile und Banalität des Textes zu ertragen“, urteilte der Schriftsteller <strong>Charles Collé</strong> 1750 über die fünf Jahre zuvor uraufgeführte Ballettkomödie („Ballet-bouffon“) von Jean-Philippe Rameau. Die Geschichte um <strong>Jupiter </strong>und seine zickende <strong>Gattin Juno</strong> wirkt besonders unter dem heutigen Blickwinkel reichlich konstruiert. Um ihre Eifersucht endgültig zu kurieren, entschließen sich König Cithéron und Merkur, eine Scheinhochzeit Jupiters mit der hässlichen Froschnymphe Platée zu arrangieren. Kurz vor dem Vollzug der Trauung rauscht die keifernde Juno heran, lüpft Platées Schleier und bricht in schallendes Gelächter aus. Das Paar hat seine Ehekrise überwunden, <strong>Platée</strong> verzieht sich fluchend wieder in ihren Sumpf.</p>
<p><span id="more-475"></span><br />
An der <strong>Straßburger Oper</strong> ist Rameaus „Platée“ keine Sekunde langweilig. Die <strong>Regisseurin Mariame Clément </strong>und ihre<strong> Ausstatterin Julia Hansen</strong> verlegen die Geschichte ins Amerika der 1950-er Jahre. Im Prolog wird ein Bett herausgeklappt, aus dem ein sichtlich genervtes Paar entsteigt. Schnell zieht man sich an, mit ein paar Handgriffen wird eine Resopal-Küche aus der Wand ausgerollt. Der Mann (großartig als schmieriger, Zigarre rauchender Jupiter: François Lis) schmeißt sich noch schnell ein paar Cornflakes rein, die Frau (mit guter Miene zum bösen Spiel: Judith Van Wanroij als Juno) darf schon mal die Wohnung saugen. Dann klingelt es an der Tür und Partygäste fallen ein. Zu den barocken Tänzen, die das Barockensemble „Les Talens Lyriques“ unter der Leitung von Christophe Rousset im Orchestergraben zunächst zu zurückhaltend spielt, wird <strong>Rock ’n’ Roll</strong> getanzt. L’Amour (schwerelos: Céline Scheen) betört als Marilyn Monroe im weißen Cocktailkleid.<br />
Die humorvolle Leichtigkeit, mit der Cléments Inszenierung beginnt, behält diese „Platée“ den ganzen Abend. In der technikgläubigen Welt des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg läuft alles wie am Schnürchen. Man ist stets gut gelaunt, achtet auf perfektes Aussehen und eine gewienerte Küche, vertraut auf die klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. In diese geschlossene, heile Welt tritt nun Platée, die von der Gesellschaft Verstoßene, der Julia Hansen neben einer Froschmütze auch blanke Brüste und einen dicken Bauch aufs Kostüm modelliert hat. Und wie das passiert, ist ein weiterer Geniestreich der Regie.<br />
Das Aquarium, das im Prolog noch einen optischen Akzent in der glatten Wohnung des Götterpaares gesetzt hatte, erscheint nun im ersten Akt im vergrößerten Maßstab. Drinnen sitzen Platée (zum Brüllen komisch, mit wandlungsfähigem Tenor: <strong>Emiliano Gonzalez Toro</strong>) und ihre Freundin Clarine (auch hier: <strong>Céline Scheen</strong>) zwischen den riesigen Seerosenblättern. Citherón (leider etwas schwachbrüstig und intonationsgetrübt:  Evgueniy  Alexiev) lümmelt mit Strippenzieher Mercure (mit berührendem, fragilem Tenor: Cyril Auvity) vor dem kleinen Aquarium am Bühnenrand, bis dieser seine rote Krawatte ins Wasser baumeln lässt. Ein riesenhaftes Pendant dazu schwebt gleichzeitig von der Decke herunter und zieht Platée aus dem Sumpf.<br />
Auch wenn sie sich noch so sehr an die Mode und Gepflogenheiten dieser Welt anpasst – Platée bleibt die Außenseiterin. Ihr langer grüner Schwanz ist das für jeden erkennbare Zeichen ihrer anderen Herkunft. Aber Cléments kluge, an Ideen überreiche Interpretation hebt nicht den moralischen Zeigefinger. Die vielen eingebauten Ballette, die die Handlung eigentlich bremsen, integriert die Regisseurin wie selbstverständlich in die Geschichte  (<strong>Choreographie:  Joshua Monten</strong>) – und gibt dem Affen Zucker. Ob als <strong>Indianer und Cowboys im amerikanischen Fernsehen, Nymphen mit Badehaube oder Kunden im Fast-Food-Restaurant</strong> – immer entstehen die kreativen Tänze des Straßburger Balletts aus der Situation heraus. Platée stiefelt schließlich als <strong>Miss Piggy</strong> zur vermeintlichen Hochzeit, nicht ohne zuvor mit einem beherzten Tritt gegen den Frontkühler Jupiters Chevi zu schrotten. Das Verrückte, dem Rameau mit der Figur La Folie (nicht immer ganz koloraturensicher: Salomé Haller) ein Gesicht gegeben hat, ist das Normale. Es braucht nur den Blick von außen, um es zu entlarven. Am Ende ist Platée die Verlassene. Sie tut einem richtig leid, wie sie sich in ihrem pinkfarbenen Kostüm, von allen verlacht, an ihrer Handtasche festhält. Jupiter und Juno dagegen landen im Ehebett – bis zur nächsten Krise.</p>
<p><em>Artikel von: Georg Rudiger</em></p>
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		<title>Nackt und bloß</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Mar 2009 08:47:58 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wenn Kamerateams schon vor der Premiere im Foyer filmen und in der Pause Zuschauer interviewt werden, dann liegt ein Skandal in der Luft. Der katalanische Regisseur Calixto Bieito, der in seinen Inszenierungen Sex und Gewalt ungeschönt auf die Bühne bringt (am Freiburger Theater wird der Katalane am 9. Mai „La vida breve“ inszenieren), hat sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_231" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><img class="size-full wp-image-231" title="Lulu" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2009/03/lulu.jpg" alt="Calixto Bieito inszeniert eine beklemmende Lulu am Theater Basel" width="500" height="198" /><p class="wp-caption-text">Calixto Bieito inszeniert eine beklemmende Lulu am Theater Basel</p></div>
<p>Wenn Kamerateams schon vor der Premiere im Foyer filmen und in der Pause Zuschauer interviewt werden, dann liegt ein <strong>Skandal</strong> in der Luft. Der katalanische Regisseur Calixto Bieito, der in seinen Inszenierungen <strong>Sex und Gewalt</strong> ungeschönt auf die Bühne bringt (am Freiburger Theater wird der Katalane am 9. Mai „La vida breve“ inszenieren), hat sich am Theater Basel mit dem Sex-and-Crime-Stück der Operngeschichte auseinandergesetzt: Alban Bergs „Lulu“.<span id="more-230"></span><br />
Die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Frau, von der <strong>„Allzerstörerin“</strong>, die „von allen zerstört ward“ (Frank Wedekind) ist nach wie vor ein Schocker, der sexuelle Obsessio­nen mit eruptiven Gewaltausbrüchen verbindet. Im Prolog präsentiert der Tierbändiger (zynisch: Andrew Murphy) schon einmal die Protagonisten als Tiere: das Bestiarium ist eröffnet. Immer wieder lässt Calixto Bieito diesen Tierbändiger auftreten. Mit einer Tüte Popcorn, die er auch dem Publikum anbietet, kommt er gelegentlich vorbei und schaut, wie sich seine menschlichen Bestien gegenseitig quälen. Das Blut auf der Bühne hinterlässt auch bei ihm Spuren. Er aber kaut weiter Popcorn. Gewalt als Unterhaltung, Sex als reine Triebbefriedigung – wieder einmal hält Bieito der voyeuristischen, verrohten Gesellschaft den Spiegel vor. Und die Kameras halten drauf.</p>
<p><strong>Von Beginn an zieht diese „Lulu“ in Bann. </strong>Marisol Montalvo spielt und singt sie mal mit Intensität, dann wieder betont distanziert, fast gelangweilt. Stimmlich bewegt sie sich leicht und lyrisch durch den exzessiven Abend. Ihre Textverständlichkeit ist suboptimal, was aber nicht sehr ins Gewicht fällt. Dafür entfaltet Montalvo vor allem körperlich eine solche Präsenz, dass einem der Atem stockt. Im ersten Akt präsentiert sich Lulu in Dessous (Kostüme: Ingo Krügler). Ein Fotoshooting ist angesetzt, die Frau wird zum Star gemacht. Der Maler (sängerisch wie darstellerisch präsent: Rolf Romei) ist hier Fotograf. Die Bühne ist wie meist in Bieitos Inszenierungen eine Art Installation, in der die Beziehungen zwischen den Menschen bloßgelegt werden – kein Dekor lenkt ab.</p>
<p>Die fünf quer laufenden Stahlträger (Bühnenbild: Alfons Flores) erinnern an Bieitos Basler <strong>„Don Carlos“</strong>. Im zweiten Akt senken sich riesige Poster von der Bühnendecke, die Lulu nackt und zum Teil gefesselt in verschiedenen Posen zeigen. Selbst in ihrem eigenen Haus ist Lulu den geilen Blicken der Betrachter ausgeliefert. Und wenn Marisol Montalvo ganz am Ende ihre Hüllen fallen lässt und ganz nackt und verletzlich vor dem Publikum steht, um es noch ein letztes Mal auf Müllsäcken mit ihrem Mörder Jack the Ripper/Dr. Schön (beängstigend intensiv: Claudio Otelli) zu treiben, dann blickt man tief in die Seele dieser Frau. Tanja Ariane Baumgartner gibt die lesbische Gräfin Geschwitz als Frau ohne jeden Stolz, die sich für ihre geliebte Lulu demütigen lässt. In ihren vollen Mezzotönen spürt man das Leid dieser Liebenden. Auch Karlheinz-Heinz Brandt als geriatrischer Prinz, Erin Caves (Alwa) und Aurea Marston (Gymnasiast) erfüllen das hohe Niveau des Abends. <strong>Calixto Bieitos Inszenierung ist erschütternd und beklemmend, sensibel und radikal, klug und expressiv.</strong> Und da auch das Sinfonische Orchester Basel unter der Leitung von Gabriel Feltz an diesem Abend immer auf der Höhe des Dramas ist, wird diese „Lulu“ zu einem packenden, hochemotionalen Musiktheaterabend.</p>
<blockquote><p><strong>Weitere Vorstellungen: </strong><br />
9./15.3., 4./7.4., 4./7./10./16./23./30.5., 16.6.<br />
Karten: <a href="http://www.thea­ter-basel.ch" target="_blank">www.thea­ter-basel.ch</a> und Tel. unter 0041/ 61/2951133</p></blockquote>
<p><em><br />
Georg Rudiger</em><br />
<hr size="1" noshade>
<p style="text-align: center;"><strong>Durch die Nacht mit Calixto Bieito und Michel Houellebecq</strong><br />
<p><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/230/theater-basel-lul"><em>Click here to view the embedded video.</em></a></p></p>
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