<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Kultur Joker</title>
	<atom:link href="http://www.kulturjoker.de/index.php/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.kulturjoker.de</link>
	<description>Freiburger Kultur- und Veranstaltungszeitung</description>
	<lastBuildDate>Fri, 14 Jun 2013 11:26:51 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.0.4</generator>
		<item>
		<title>Wahn auf religiöser Basis</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2197/wahn-auf-religioser-basis</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2197/wahn-auf-religioser-basis#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 14 Jun 2013 11:26:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Annette Hoffmann]]></category>
		<category><![CDATA[Theater Freiburg]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2197</guid>
		<description><![CDATA[Im Theater Freiburg ist eine Adaption von Ljudmila Ulitzkajas Roman „Daniel Stein“ zu sehen Es ist ein Kreuz mit der Kirche. Im Kleinen Haus des Theater Freiburg ragt ein Laufsteg in den Raum, die drei Zuschauerblöcke umgeben ihn wie ein U. Er hat die Form eines Kreuzes und stellt die Verlängerung der Kirche dar, deren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Theater Freiburg ist eine Adaption von Ljudmila Ulitzkajas Roman „Daniel Stein“ zu sehen</p>
<div id="attachment_2198" class="wp-caption aligncenter" style="width: 209px"><a href="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/06/org_M.KORBEL2013©9033.jpg"><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/06/org_M.KORBEL2013©9033-199x300.jpg" alt="" title="Victor Calero als Daniel Stein Theater Freiburg" width="199" height="300" class="size-medium wp-image-2198" /></a><p class="wp-caption-text">Victor Calero als Daniel Stein            Foto: Maurice Korbel</p></div>
<p>Es ist ein Kreuz mit der Kirche. Im Kleinen Haus des Theater Freiburg ragt ein Laufsteg in den Raum, die drei Zuschauerblöcke umgeben ihn wie ein U. Er hat die Form eines Kreuzes und stellt die Verlängerung der Kirche dar, deren Brettergerüst an der Wand steht (Bühne: Joki Tewes, Jana Findeklee). Ein Torbogen aus einfachen Holzlatten zusammengezimmert liegt auf dem Laufsteg, später wird er mit viel Bohei aufgestellt und zum Sinnbild der neuen Kirche.<br />
<span id="more-2197"></span><br />
Das siebenköpfige, mit blauen Overalls bekleidete Ensemble trägt Umzugkartons herein und breitet Pelze, Ketten, alte Tageszeitungen und Geschirrtücher auf dem Laufsteg aus. Es sind Gegenstände des Alltags, schließlich geht es um das Leben der Gemeinde und ihrer Mitglieder, die alle ihre Geschichten mitbringen. Dann werden die Kartons ordentlich wieder nach draußen gebracht. Auf den drei Projektionsflächen, die auch aus Holz sind, ist jetzt eine animierte Postkarte zu sehen: Boston 1986.<br />
Für Thomas Krupa ist „Daniel Stein“ bereits der zweite Roman der russischen Autorin Ljudmila Ulitzkaja, den er für das Theater Freiburg inszeniert. Zusammen mit einer weiteren Romanadaption, „Gottes kleiner Krieger“ nach Kiran Nagarkar, und einem Dokumentarstück, bildet es den Kern einer Themenwoche am Theater Freiburg über den Glauben. In ihrem knapp 500 Seiten umfassenden Text erzählt Ulitzkaja die Geschichte des Karmelitermönches Daniel Stein, der wie die Autorin auch vom Judentum zum Katholizismus konvertierte.<br />
Ihr Roman beruht im Wesentlichen auf den Lebensumständen Oswald Rufeisens, der sich als Jugendlicher für den Zionismus begeisterte, zusammen mit seinem Bruder nach Israel auswandern wollte, dann aber wird Polen von den Deutschen besetzt, Massaker fanden statt, Erschießungen, Deportationen. Mit viel Glück und auch etwas List überlebt Rufeisen/Stein, er arbeitet kurzzeitig für die Nationalsozialisten, er kämpft bei den Partisanen, dann kommt er bei katholischen Nonnen unter. Mitte der 1940er Jahre reist er, mittlerweile Mönch geworden, nach Israel aus, um dort eine urchristliche Gemeinde aufzubauen. Sie will die Unterschiede zwischen Juden und Christen überwinden und das mitten in den Spannungen des Nahostkonfliktes.<br />
Ulitzkaja erzählt all das in einer Collagetechnik, die nicht eben subtil transportiert, dass wir es hier mit Protagonisten zu tun haben, deren Lebensläufe durch den Holocaust und die Ideologien des 20. Jahrhunderts gebrochen sind und dass sich Biografien überhaupt nur multiperspektivisch vermitteln lassen. Plastisch werden diese Menschen dadurch nicht. Die Lebenswege von Daniel Stein und aller Nebenfiguren sind zwar dramatisch, aber nicht unbedingt theatralisch. Eine gewisse Form des religiösen Rigorismus erzeugt jenseits von Kirchentagen und Bibelkreisen keinen Spannungsbogen.<br />
Victor Calero gibt Daniel Stein als sanften Charismatiker mit durchaus weltzugewandten Zügen. Trifft er nach knapp 20 Jahren mit seinem Bruder (Konrad Singer) zusammen, spricht er in diesem jüdischen Haus ungeniert den Segen. Frank Albrecht schmiegt sich an den Bauch der Mutter (Stephanie Schönfeld) und ein anderes Kind übernimmt die Fußnoten in der Überlebenserzählung der Brüder und erklärt Historisches, eine Karte Israels wird ebenso projiziert wie die silbernen Löffel, die die Mutter den beiden gab, als sie sich das letzte Mal sahen. Wird Steins Blick glasig, ist es Zeit für einen Rückblick. Dann vollzieht sich im Hintergrund eine Art Kasperletheater mit Nazis als Schießbudenfiguren in Uniformen und Strumpfmaske, die die Triangel klingen lassen und die hohen Stiefel aneinander schlagen, während die Musik (Sven Hoffmann) nach vorne drängt. Wenn der junge Daniel Stein (Heiner Bomhard) nach dem Massaker an der jüdischen Bevölkerung Gott schreiend nach dem höheren Sinn fragt, ertönt Klezmer-Musik.<br />
All das ist brav nacherzählt, Episches wird in Dialoge überführt, mitunter imitiert ein Schauspieler sein nicht vorhandenes Gegenüber. Doch weder trägt diese Inszenierung zu einer Analyse oder Zustandsbeschreibung des Nahostkonfliktes bei oder des „Wahns auf religiöser Basis“, dem Jerusalem-Syndrom“ noch kommen die Figuren einem nahe. Und bei einer Dauer von dreieinhalb Stunden ist diese Inszenierung so gut gemeint, aber auch so quälend wie eine zu lange Predigt.<br />
<strong>Weitere Vorstellungen: 4./5. und 7. Juni, jeweils 20 Uhr im Kleinen Haus.<br />
Annette Hoffmann</strong></p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2006/das-gluck-im-spiel" rel="bookmark" class="crp_title">Das Glück im Spiel</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1724/bunte-bilder-der-liebe" rel="bookmark" class="crp_title">Bunte Bilder der Liebe</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/960/utopie-und-krise" rel="bookmark" class="crp_title">Utopie und Krise</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2045/handgestrickte-mutzen-statt-kronen" rel="bookmark" class="crp_title">Handgestrickte Mützen statt Kronen</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1882/inkommensurables-sprechdrama" rel="bookmark" class="crp_title">Inkommensurables Sprechdrama</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2033/in-der-hohle-der-finanzwelt" rel="bookmark" class="crp_title">In der Höhle der Finanzwelt</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/297/sagt-lila-theater-freiburg" rel="bookmark" class="crp_title">&#8220;Sagt Lila&#8221; &#8211; Die Liebe im Schattenhain</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2197/wahn-auf-religioser-basis/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kein Trost in der Kirche</title>
		<link></link>
		<comments>#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 14 Jun 2013 11:12:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Georg Rudiger]]></category>
		<category><![CDATA[Theater Basel]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2193</guid>
		<description><![CDATA[Calixto Bieito überrascht in Basel mit einer subtilen szenischen Deutung von Brittens „War Requiem“ o – da denkt man an radikale Zuspitzungen und realistische Darstellungen von Sex und Gewalt. Und an einen Pessimismus, der selbst in der hellsten dramatischen Vorlage noch die dunklen Seiten zeigt. Nun hat der Katalane am Theater Basel Benjamins Brittens düsteres [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Calixto Bieito überrascht in Basel mit einer subtilen szenischen Deutung von Brittens „War Requiem“</p>
<div id="attachment_2194" class="wp-caption aligncenter" style="width: 209px"><a href="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/06/war_requiem__010.jpg"><img class="size-medium wp-image-2194" title="War Requiem Theater Basel" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/06/war_requiem__010-199x300.jpg" alt="Thomas E. Bauer und Rolf Romei" width="199" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Thomas E. Bauer und Rolf Romei© Hans Jörg Michel</p></div>
<p>o – da denkt man an radikale Zuspitzungen und realistische Darstellungen von Sex und Gewalt. Und an einen Pessimismus, der selbst in der hellsten dramatischen Vorlage noch die dunklen Seiten zeigt.<br />
Nun hat der Katalane am Theater Basel Benjamins Brittens düsteres „War Requiem“ in Szene gesetzt. Und zeigt an diesem großartigen, tief berührenden Abend eine ganz andere Seite. Calixto Bieito deutet an, anstatt wie sonst alles explizit darzustellen. Er lässt interpretatorische Freiräume. Und arbeitet mit starken Bildern, die dem Abend bis zum Schluss eine Offenheit geben, die man so bei diesem Regisseur noch nicht gesehen hat. Ab der kommenden Spielzeit ist Bieito „Artist in residence“ am Theater Basel und Mitglied der künstlerischen Leitung um den Intendanten Georges Delnon. Man darf gespannt sein, ob sich die neu gezeigte Subtilität auch in seinen künftigen, spartenübergreifenden Arbeiten am Haus fortsetzen wird.<br />
<span id="more-2193"></span><br />
Dabei ist es kein leichtes Unterfangen, das 1962 zur Einweihung der wieder erbauten, im Zweiten Weltkrieg von deutschen Bomben zerstörten Kathedrale von Coventry überhaupt in Szene zu setzen. Es gibt keine expliziten Rollen und keine Handlung. Benjamin Britten hat den traditionellen, lateinischen Requiemtext kombiniert mit Gedichten des englischen Lyrikers Wilfred Owen, der das Grauen des Ersten Weltkrieges in Worte fasste, bevor er 1918 an der Front in Frankreich starb. Das Werk lebt vom Gegeneinander und Miteinander von Chor, Kinderchor und den drei Solisten, von großem Sinfonieorchester und Kammerorchester, von Kollektiv und Individuum. Am Basler Theater entfaltet der Abend bereits Atmosphäre, bevor er begonnen hat.<br />
Susanne Gschwender hat die Bühne in einen weiten, stimmigen Kirchenraum verwandelt. Zwischen Kirchenbänken, mittelalterlich anmutenden Farbfenstern und einem großen Gerüst, das über den Orchestergraben reicht und dem Kammerensemble Platz bietet, entsteht ein religiös aufgeladener Schauplatz, der nicht nur durch das sparsam eingesetzte Licht (Roland Edrich) ein wenig bedrohlich wirkt. Spätestens als die Kirchenbänke zu Türmen, die an Scheiterhaufen erinnern, aufgeworfen werden, bietet der Raum keine Geborgenheit mehr.<br />
Die stete Bedrohung ist auch in der Musik zu hören. Schon nach wenigen Takten schärft Benjamin Britten die Bitte nach ewiger Ruhe mit schneidendem Blech. Das Ewige Licht wird vom ausdrucksstarken Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Gabriel Feltz zum gleißenden Strahl verwandelt, der eher schmerzt als tröstet. Nur in den Stimmen des Kinderchores (stark: Mädchen- und Knabenkantorei Basel, Einstudierung: Cordula Bürgi, Markus Teutschbein) ist noch ein wenig Unschuld zu hören.<br />
Die drei Solisten und die junge Frau, die Bieito als stumme Rolle einführt, sind vom Krieg traumatisiert. Rolf Romei, dessen warmer Tenor in den unbegleiteten Passagen vielleicht eine Spur zu fragil gerät, wird im Leichensack hineingetragen, aus dem er sich erst befreien muss (Kostüme: Ingo Krügler). Die Sopranistin (farbenreich und mit großem dramatischen Potential: Svetlana Ignatovich) schlägt eine Babypuppe gegen die Wand, dass das Blut fließt. Und Thomas E. Bauer (mit mächtigem, dennoch flexiblem Bariton) zückt das Messer. Bieito lässt den Figuren Freiheit. Sie sind Täter und Opfer. Sie suchen die Grenzerfahrung, wenn sie ohne Absicherung auf dem hohen Gerüst herumklettern. Und kommen immer wieder zur Ruhe in diesem eher meditativ gehaltenen Oratorium.<br />
Dirigent Gabriel Feltz findet dafür den richtigen Ton und fließende Tempi. Wie die Regie setzt er die Ausdrucksmittel ökonomisch ein. Und hat mit dem so präsenten wie intonationssicheren Chor und Extrachor des Basler Theaters (Einstudierung: Henryk Polus) und dem Sinfonieorchester Basel hochsensible Klangkörper. Maß halten ist das Stichwort des Abends. Selbst die blutige Opferszene deutet Bieito nur an, indem er Thomas E. Bauer das Messer in der Luft führen lässt, während die Knaben leblos zu Boden fallen. Und wenn am Ende zu den versöhnlichen Dur-Akkorden einer von ihnen auf den Trümmerhaufen steigt und ganz langsam und vorsichtig einen Stahlhelm aufsetzt, dann kann man zumindest hoffen, dass dieser Junge vielleicht die richtigen Lehren aus dem Erlebten gezogen hat.<br />
Weitere Vorstellungen: 8./10./ 15. Juni.Georg Rudiger</p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/230/theater-basel-lul" rel="bookmark" class="crp_title">Nackt und bloß</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2159/barbarei-statt-humanitat" rel="bookmark" class="crp_title">Barbarei statt Humanität</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1663/die-dunkle-seite-des-narren" rel="bookmark" class="crp_title">Die dunkle Seite des Narren</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1476/bachs-matthauspassion" rel="bookmark" class="crp_title">Bachs Matthäuspassion</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/432/voralpen-und-andere-helden" rel="bookmark" class="crp_title">Voralpen- und andere Helden</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/459/tosca-theater-freiburg" rel="bookmark" class="crp_title">TOSCA: Verloren in der Diktatur</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2002/tonale-wohlfuhlinseln-und-avantgardistische-verstorung" rel="bookmark" class="crp_title">Tonale Wohlfühlinseln und avantgardistische Verstörung</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Großes Freiburger Big Band Festival</title>
		<link></link>
		<comments>#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 13 Jun 2013 13:08:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Big Band]]></category>
		<category><![CDATA[Festival]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[SWR]]></category>
		<category><![CDATA[SWR Bigband]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2179</guid>
		<description><![CDATA[Im Gespräch: Ralf Schmid, Professor für Jazz-Klavier an der Hochschule für Musik in Freiburg Stadthalle tut sich was. Zu dem einzigartigen Freiburger Big Band Festival treffen sich am 21. Juni (15-22 Uhr) sechs verschiedene Big Bands aller Alters- und Könnens-Stufen. Das Programm zusammengestellt hat Ralf Schmid, seit 2002 Professor für Jazz-Klavier an der Hochschule für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Gespräch: Ralf Schmid, Professor für Jazz-Klavier an der Hochschule für Musik in Freiburg</p>
<p><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/06/Ralf-Schmid-Detail2-300x246.jpg" alt="" title="" width="300" height="246" class="aligncenter size-medium wp-image-2180" /></p>
<p><strong>Stadthalle tut sich was. Zu dem einzigartigen Freiburger Big Band Festival treffen sich am 21. Juni (15-22 Uhr) sechs verschiedene Big Bands aller Alters- und Könnens-Stufen. Das Programm zusammengestellt hat Ralf Schmid, seit 2002 Professor für Jazz-Klavier an der Hochschule für Musik in Freiburg, Leiter der dortigen Big Band und Leiter der SWR Big Band. Mit Ralf Schmid, der sich auch als Komponist, Arrangeur und Produzent einen Namen gemacht hat, sprach Reiner Kobe.</strong></p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> Welche Idee steckt hinter dem Big Band­Meeting, Herr Ralf Schmid?<br />
<strong>Ralf Schmid:</strong> Schon seit Jahren gibt es an deutschen Schulen mehr Big Bands als sinfonische Orchester, das Genre Big Band blüht. Das sage ich komplett wertfrei, ich begrüße und schätze stilistisch vielfältige Ensemblearbeit für den musikalischen Nachwuchs. Aber wenn es eben viele Big Bands gibt, dann sollten wir als Musikhochschule (MHS) uns darum kümmern und dafür sorgen, dass in diesem Bereich gute Musik gefördert wird.<br />
Dazu kommt, dass für mich persönlich Big Band in den vergangenen Jahren eine große Rolle gespielt hat, da ich als Dirigent viele Jahre intensiv mit deutschen Radio-Big Bands (NDR, HR, RIAS Berlin etc) gearbeitet habe, wobei eine besondere Beziehung zur SWR Big Band entstanden ist.<br />
Diese Gedanken habe ich mit unserem Rektor, Herrn Nolte, diskutiert. Er war sofort von der Idee eines Big Band Festivals begeistert. Es sollte schon im vergangenen Jahr stattfinden, scheiterte aber an den Finanzen. Herr Nolte gab nicht auf und konnte einen Sponsor finden. So konnten wir die Idee dieses Jahr verwirklichen.<br />
<span id="more-2179"></span><br />
Was zusätzlich eine Rolle spielte, war die Tatsache, dass zwei Studenten, Marlon Zickgraf und Sebastian Anders, für ihre Abschlussprüfung eine Open-Air-Bühne wollten, um ein richtig großes Konzert durchzuführen. Jetzt sind diese beiden Ex-Studenten als Hauptorganisatoren mit im Team. Von diesen tollen, engagierten Jungs wird eine Menge Arbeit getragen.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Wie erklären Sie dieses Phänomen, dass es plötzlich so viele Big Bands an Schulen gibt? Das Genre Big Band, heißt es in der Ankündigung der MHS, ist „wie kaum ein anderes in den letzten 20 Jahren expandiert“.<br />
<strong>Ralf Schmid:</strong> Einfach betrachtet: es ist attraktiv, mit vielen Schülern in einem großen Ensemble zu musizieren. Beliebte Instrumente z.B. Saxophon, Gitarre oder Schlagzeug, die in anderen Ensemble-Formen wenig Chancen haben, kommen hier zum Zug. Außerdem ist Big Band-Musik in den letzten 20 Jahren weggekommen vom behäbigen Tanzorchester-Image und auch von extremen Jazz-Spielarten: von diesen gegensätzlichen Polen ist Big Band in die Mitte gerückt. Wenn ich in Deutschland oder auch im Ausland eine Big Band dirigiere, ist viel Publikum da, das Genre fasziniert die Menschen.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Ist die klassische Definition der Big Band, also die Einteilung in Sätze aus Blech und Holz, denen eine Rhythmusgruppe beigefügt ist, noch vorhanden oder wird sie aufgeweicht? Wie beurteilen Sie die Situation?<br />
<strong>Ralf Schmid: </strong>Das Ganze wurde schon immer aufgeweicht. Man denke nur an die Arrangements von Gil Evans in den sechziger Jahren: in den „Sketches of Spain“ von Miles Davis tauchen plötzlich Hörner, Oboe oder Harfe auf. Insofern gab es das schon immer. Pragmatische Sichtweise war stets, wenn ich an der Schule keinen Posaunisten habe, dann habe ich eben keinen, kann aber trotzdem eine Big Band gründen. Es war immer alles im Fluss. Ich glaube auch, dass die Big Band durch einen populären Sänger wie Robbie Williams an junges Publikum herangetragen werden kann, was ja der Fall war. Man hat die Kraft der Big Band wieder entdeckt, freut sich, wenn es groovt und kracht, wenn tolle Solisten hervortreten.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Es geht nicht nur darum, heißt es weiter in Ihrer Ankündigung, die Musik der Big Bands zu genießen. Ganz wichtig ist auch der pädagogische Aspekt. Was verbirgt sich dahinter?<br />
Ralf Schmid: Dies ist schon im Programm des Festivals ersichtlich. Es ist durchgängig besetzt, von der führenden Big Band des Südwestens, der des SWR, bis zu einer Grundschul-Big Band, absoluten Newcomern, über das Freiburger Schüler Jazzorchester bis zur Big Band der Jazz und Rock Schulen und der Big Band der MHS. Wir versuchen, alle Ausbildungsschichten einzubeziehen, um zunächst einmal gegenseitiges Interesse zu wecken. Es ist gut, einerseits Musiker der SWR Big Band zu erleben, andererseits zu sehen, wie es um den Nachwuchs bestellt ist. Wichtiger noch sind die Workshops. Musiker aus der SWR Big Band kommen in die Schul-Big Bands, proben gemeinsam und es entstehen Querverbindungen. So entsteht ein gemeinsames Interesse, auch bei den jeweiligen Leitern. Man tauscht sich aus über Repertoire und Gepflogenheiten. Das Festival ist damit ein großer Markt mit viel gegenseitiger Inspiration.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Sie haben die Auswahl der Big Bands vorgenommen. War die Auswahl schwierig, wie stellte sich die Situation dar?<br />
<strong>Ralf Schmid: </strong>Die Ursprungsidee war die Präsentation der SWR Big Band, Konzert und Workshops, was extrem attraktiv ist. Klare Vorgabe war natürlich auch, dass an einer derartigen Veranstaltung der MHS auch die eigene Big Band dabei ist. Das andere Ausbildungsinstitut in der Stadt, die Jazz und Rock Schulen, sollten natürlich auch mit ihrer Big Band vertreten sein. So kommt ein Pool von Freiburger Musik-Studenten zusammen. Von den Schüler-Big Bands ist fraglos das Freiburger Schüler Jazz-Orchester (FSJ) eine geniale Einrichtung, die schon seit Jahrzehnten besteht und nicht fehlen durfte. Bei den weiteren Schul-Big Bands wurde die Auswahl schwieriger, da es in der Region viele Highlights gibt. Von Titisee bis Breisach ist einiges vorhanden. Es gibt tolle Big Band-Leiter, die einiges auf die Beine stellen. Alte Connections haben mich zur Emmendinger Big Band des Goethe-Gymnasiums gebracht. Hochinteressant ist auch die Grundschul-Big Band, die an uns herangetreten ist. Es ist toll, wenn <strong>Kinder da sind.<br />
Kultur Joker:</strong> Sie leiten an der MHS die eigene Big Band. Wie ist die Situation an der Hochschule. Ist es immer noch so, dass die meisten Musiker der Band von außerhalb kommen?<br />
<strong>Ralf Schmid:</strong> Nein, aber es war wirklich so. Inzwischen sind es noch ein, zwei Musiker von außerhalb, weil es sich organisatorisch nicht anders machen ließ. Die Big Band muss natürlich aus der Hochschule kommen, worauf ich großen Wert lege. Wir haben Studenten, die sich schon viel mit Big Band auseinandergesetzt haben, die teilweise aus guten Schul-Big Bands kommen und fundiert sind in diesem Genre. Es gibt aber auch Studenten, die bislang damit nichts zu tun hatten. Sie funktionieren prima in einem Sinfonie-Orchester, sind aber neu in der Big Band. Das ist gerade der Reiz einer Hochschul-Big Band. Zusätzlich versuchen wir noch das Schreiben von Arrangements zu etablieren. Wir haben eine Schar von Arrangeuren an der MHS, die jetzt für die SWR Big Band, aber auch immer wieder für die Big Band der MHS schreibt. So entsteht ein unglaublich interessantes Repertoire.<br />
Kultur Joker: A propos Repertoire: was wird von dieser Big Band beim Festival zu hören sein?<br />
<strong>Ralf Schmid:</strong> Wir haben zwei Eigenkompositionen von Studenten, ein eigenes Arrangement mit einem Gesangsquintett von Studentinnen vor der Band. Zwei Klassiker von Bob Mintzer und Thad Jones sind im Programm, insgesamt sehr gemischt.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Höhepunkt wird die bereits erwähnte SWR Big Band sein, die Sie ja bereits sehr oft geleitet haben– was jetzt auch der Fall sein wird &#8211; und mit der sie verschiedene Projekte durchgeführt haben. Wie beurteilen Sie diese Big Band und was ist an diesem Abend zu hören?<br />
<strong>Ralf Schmid: </strong>Es gibt in Deutschland vier Radio-Big Bands. Die des SWR ist in einer besonderen Situation, weil sie nicht mehr direkt an den Sender gekoppelt ist, also nicht mehr diese wöchentlichen Dienste verrichten muss wie die genannten anderen Orchester. Die SWR Big Band arbeitet projektweise, sehr viel, fast so viel wie die anderen Orchester. Trotzdem ist es ein anderes Lebensgefühl, weil mögliche negative Seiten der Berufsorchester-Routine hier nicht stark ausgeprägt sind. Die SWR Big Band ist ein sehr flexibles Ensemble von großartigen Musikern, die auch den Markt außerhalb ihrer SWR-Verpflichtungen gut kennen. Die Spieler haben große Lust auf Musik. Ich habe das Glück, mit dieser Big Band seit vielen Jahren Dinge ausprobieren zu können. Vor zehn Jahren habe ich das Programm mit Joo Kraus, das wir beim Festival spielen, erarbeitet. Es war die erste große Produktion, danach kam das Brasil-Projekt „bossarenova“ und jüngst die Aufnahmen mit Ivan Lins. Ich habe immer versucht, mit diesem Orchester auszuloten, was möglich ist im Big Band-Bereich. Mit Joo Kraus ging es damals darum, HipHop- und Funk-Elemente einzubeziehen in den Big Band-Kontext. Die Platte war wegweisend, würde ich sagen. Es war immer viel Herzblut dabei, auch von Seiten der Verantwortlichen beim SWR, in hochklassige Produktionen zu investieren und an den Rand dessen zu gehen, was das Big Band-Genre heute verträgt, aber morgen erst selbstverständlich wird. Insofern hatten wir in den vergangenen Jahren eine sehr fruchtbare, beim Publikum und in den Medien überaus positiv bewertete Zusammenarbeit.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Es gibt freien Eintritt beim Meeting. Wie ist dies möglich bei so hohen Kosten?<br />
Ralf Schmid: Es geht nur mit Sponsoren. Wir wollen natürlich die Türen aufmachen, was für eine Hochschule ganz wichtig ist. Open Air heißt bei uns nicht nur unter freiem Himmel, sondern es ist draußen. Wir wollen die Türen öffnen und einladen. Als Kooperationspartner haben wir zuletzt noch Südwest-Audio und den Bürgerverein Oberwiehre hinzugewonnen. Wir laden alle gemeinsam ein und da sollte der Eintritt frei sein.   </p>
<p><strong>1. Freiburger Big Band Festival, 21. Juni 2013, 15-22 Uhr, Freiluftbühne vor der alten Stadthalle Freiburg (Uni-Bibliothek), Eintritt frei.</strong></p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1605/open-air-konzert-mit-%e2%80%9ephil%e2%80%9c" rel="bookmark" class="crp_title">Open-Air-Konzert mit „Phil“</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1645/mittelalterlich-phantasie-spectaculum%c2%ae" rel="bookmark" class="crp_title">Mittelalterlich Phantasie  Spectaculum®</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/637/%e2%80%9ebuxe-voll%e2%80%9c" rel="bookmark" class="crp_title">„Buxe voll“</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2015/alle-macht-der-kleinkunst" rel="bookmark" class="crp_title">Alle Macht der Kleinkunst</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1772/wishbone-ash-thin-lizzy-the-pogues" rel="bookmark" class="crp_title">Wishbone Ash, Thin Lizzy, The Pogues</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/871/hard-rock-session-ben-harper-50-cent-status-quo-und-mehr" rel="bookmark" class="crp_title">Hard Rock Session, Ben Harper, 50 Cent, Status Quo und mehr</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2150/geschichten-vom-jazz" rel="bookmark" class="crp_title">Geschichten vom Jazz</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Ich bin ein Sonderfall“</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2167/%e2%80%9eich-bin-ein-sonderfall%e2%80%9c</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2167/%e2%80%9eich-bin-ein-sonderfall%e2%80%9c#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 13 Jun 2013 11:00:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Prinz Pi]]></category>
		<category><![CDATA[Prinz Pi Stuttgart]]></category>
		<category><![CDATA[Prinz Pi Zürich]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2167</guid>
		<description><![CDATA[Im Gespräch: Prinz Pi, Rapper mit Altgriechisch-Kenntnissen und Hochschuldiplom. Prinz Pi ist der Rapper mit Altgriechisch-Kenntnissen und Hochschuldiplom. Der Gegenentwurf zu den Ghettokids Sido und Bushido. Ohne große Plattenfirma im Rücken hat der Berliner, der bürgerlich Friedrich Kautz heißt, bis dato 15 Soloalben veröffentlicht und zahlreiche Tourneen absolviert. Mit „Kompass ohne Norden“ könnte Prinz Pi [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Gespräch: Prinz Pi, Rapper mit Altgriechisch-Kenntnissen und Hochschuldiplom.</p>
<p><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/06/prinzp_band_lg-300x242.jpg" alt="" title="" width="300" height="242" class="aligncenter size-medium wp-image-2168" /></p>
<p><strong>Prinz Pi ist der Rapper mit Altgriechisch-Kenntnissen und Hochschuldiplom. Der Gegenentwurf zu den Ghettokids Sido und Bushido. Ohne große Plattenfirma im Rücken hat der Berliner, der bürgerlich Friedrich Kautz heißt, bis dato 15 Soloalben veröffentlicht und zahlreiche Tourneen absolviert. Mit „Kompass ohne Norden“ könnte Prinz Pi nun der große Durchbruch gelingen. In 13 Songs zieht der 33-jährige Schnellsprecher das Resümee seines bisherigen Lebens. Sie handeln von Depressionen, Eliteschulen und der Kunst der Rede. Die Fragen stellte Olaf Neumann.</strong><br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Prinz Pi, was gab Anlass zu Ihrem musikalischen Rückblick?<br />
<strong>Prinz Pi:</strong> Meine Tochter. Sie ist jetzt dreieinhalb. Das ist die Zeit, wo sie beginnt, die Welt richtig wahrzunehmen und ihr Charakter sich entwickelt. Diese Beobachtung war für mich eine Zäsur, und so habe ich das erste Drittel meines Lebens musikalisch verarbeitet.<br />
<span id="more-2167"></span><br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Schwarze Wolken“ ist ein Lied über Depressionen. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Krankheit?<br />
<strong>Prinz Pi:</strong> Depression ist in meiner Familie ziemlich verbreitet. Leider. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind tagelang so richtig traurig war. Dieser Zustand war für mich etwas völlig normales. Erst später wurde mir bewusst, dass er das nicht ist. Depression wird ja auch erst seit ein paar Jahren als solche benannt. Aber seitdem das Thema in den Medien ist, ist es en vogue, sowas zu haben.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Hilft Ihnen die Musik heute, aus solchen Phasen wieder herauszukommen?<br />
<strong>Prinz Pi:</strong> Die Musik ist für mich streckenweise wie ein Therapeut, nur dass man dafür kein Geld bezahlen muss. Bestenfalls läuft es sogar andersherum. Indem ich etwas aufschreibe, was mir auf der Seele liegt, verarbeite ich es auch ein Stück weit. Heute mache ich mir viel mehr Gedanken darüber, was ich da so sage und wie ich es sage.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Setzen Sie in Ihren Texten das Leben direkt um?<br />
<strong>Prinz Pi</strong>: Meine Texte sind zu großen Teilen autobiografisch. „Kompass ohne Norden“ ist für mich einer der wichtigsten Tracks auf dem Album. Einerseits bildet er originäre persönliche Erlebnisse ab, andererseits steht er stellvertretend für meine Generation. Das machen Johnny Cash, Bob Dylan und Bruce Springsteen auch immer.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong>„Frühstücksclub der toten Dichter“ lässt darauf schließen, dass Sie keine glückliche Schulzeit hatten…<br />
Prinz Pi: Ich war auf einem so genannten Elitegymnasium, einer Schule, die sich für unheimlich toll hielt. Ich meine, sie war auch wirklich gut. Aber dort wurde man extrem nach seiner Herkunft und seinen Klamotten beurteilt. Ich war in der Schule leider ein totaler Außenseiter, weil ich in keine der beiden großen Gruppen reingepasst habe. Ich habe mich dann selber in einer Subkultur verortet und mit Graffiti angefangen. In der Hip-Hop-Szene spielt es keine Rolle, wo du herkommst. Es geht nur um dein Werk.<br />
Kultur Joker: Hip-Hop ist eine ausgesprochene Jugendkultur. Darf man in Ihrem Beruf überhaupt erwachsen werden?<br />
Prinz Pi: Ich bin sozusagen Berufsjugendlicher. Die gesamte Gesellschaft ist doch von dem Gedanken der Jugend besessen. Ich finde das schön, weil sich dadurch die Kleidungsnormen gelockert haben. Das bricht die Klassencodes auf.<br />
Kultur Joker: Die eitle Figur Patrick Bateman aus dem Kult­roman „American Psycho“ bezeichnen Sie als wichtige Referenz. Was reizt Sie an solch einem „Monster“?<br />
Prinz Pi: Nun, Patrick BateGreueltaten nur. Er ist für mich eine wichtig Referenz, weil er glasklar die Grenzen sieht, die da gesellschaftlich gezogen werden. Er beobachtet sehr genau, wie die Upper Class von New York wahrgenommen werden will. Dieses aufs Korn nehmen habe ich mir zu eigen gemacht, indem ich über meine Zeitgenossen schreibe. Meine Eltern haben meine Musik lange nicht erst genommen, aber ich selbst nehme meinen Beruf sehr ernst. Der Umstand, dass ich aus der Gesellschaft ein bisschen ausgeklinkt bin, ermöglicht mir eine gute Beobachter-Position.<br />
Kultur Joker: In einem Stück beschreiben Sie die „Säulen der Gesellschaft“. Wo ordnen Sie sich selbst ein?<br />
Prinz Pi: Ich bin ein Sonderfall. Ich habe in Weissensee Kommunikationsdesign studiert und mit einem Diplom abgeschlossen, aber ich habe damit nicht mehr viel am Hut. Niemand hat mich für meinen heutigen Beruf ausgebildet. In der Welt der Rapper bin ich eine Ausnahmeerscheinung, weil die meisten Kollegen einen ganz anderen Background und eine ganz andere Motivation haben. Sie machen es wahrscheinlich wegen des Ruhms oder weil sie einfach keine anderen Möglichkeiten haben.<br />
Kultur Joker: Haben Sie sich mit Kollegen wie Sido oder Bushido etwas zu sagen?<br />
Prinz Pi: Ne, mit denen habe ich mir überhaupt nichts zu sagen. Ich gönne denen ihren Erfolg und finde es toll, dass sie mit ihrer Musik reich geworden sind. Aber was sie da inhaltlich verzapfen, ist überhaupt nicht meine Baustelle. Kunst ist ja nicht automatisch gut, nur weil sie authentisch ist.<br />
Kultur Joker: Sie selbst nannten sich anfangs „Prinz Porno“. Eine Anspielung auf die sogenannte Porno-Rap-Szene?<br />
Prinz Pi: Ich habe mit Graffiti angefangen und „Porno“ als Synonym gewählt. Auf Altgriechisch heißt das „dreckig“. Für mich der beste Name, weil Graffiti eine schmutzige und wilde Kunst ist. Sie wird nachts im Verborgenen ausgeführt; man schmiert sie an die Wand, es tropft und stinkt und die meisten mögen es nicht. Den Namen habe ich noch eine Zeitlang beibehalten, nachdem ich mit der Musik angefangen hatte. Ich dachte, das interessiert eh niemanden. Aber auf einmal kamen dann doch die Fans.<br />
Kultur Joker: Inzwischen sind Sie 33 und haben 15 Soloalben und zahlreiche Kollaborationen veröffentlicht. Wie erklärt sich diese enorme Schaffenskraft?<br />
Prinz Pi: Na ja, wenn ich jetzt ein Maler wäre, würden nicht nur meine großen Ölgemälde gezeigt werden, sondern es wären auch ein paar kleine Skizzenbücher und Vorstudien dabei. Zu meiner Sprache habe ich erst so richtig in den letzten fünf Jahren gefunden.<br />
Kultur Joker: Was fasziniert Sie als junger Künstler an Legenden wie Johnny Cash und Bob Dylan?<br />
Prinz Pi: Mir gefällt die Art, wie Johnny Cash zu seinen Fehlern stand. Er hatte zuletzt eine total kaputte Stimme. Zudem hatte er vieles in seinem Leben verbockt, aber seine Musik war immer sehr ehrlich. Und an Bob Dylan mag ich die extrem verschiedenen Seiten, die in dem Film „I’m Not There“ besonders zum Tragen kommen. Im Hip-Hop bevorzuge ich die eher unbekannten Künstler wie den Rapper Grouch aus Oakland. Und Kanye West natürlich. Durch seine Offenheit hat er das Genre sehr verändert.<br />
Kultur Joker: In „Rost“ zeichnen Sie das Bild eines Landes im Verfall. Bedienen Sie hier das Klischee des pessimistischen Deutschen?<br />
Prinz Pi: Der Song „Rost“ geht über das Ruhrgebiet und den Niedergang unserer Industrie. Werke, Fabriken und Zechen werden geschlossen. Hier habe ich versucht, ganz viele Dinge in ein Stück Musik zu drücken. Der Song ist inspiriert von dem Buch „Ruß“ von Feridun Zaimoglu. Es ist sehr verstörend und zeichnet ein beängstigendes Bild vom Ruhrgebiet. Ich habe dann anfangen, mich weiter mit dem Thema zu beschäftigen und mich mit großen Problematiken auseinandergesetzt. Zum Beispiel mit Hedgefonds-Managern, die als kalt und unmenschlich gelten, aber eigentlich agieren sie nur im Sinne der Aktionäre. Und der Aktionär kann ja auch der kleine Opa von nebenan sein. Oder mit Arbeitern, den Rädern im System, die aber vieles hinnehmen, was ihnen das System so vorsetzt.<br />
Kultur Joker: Was hat Ihr soziales Gewissen geschärft, was hat Sie politisiert?<br />
Prinz Pi: Das Buch „De re republica“ von Cicero, dem berühmtesten Redner der römischen Antike.<br />
Darin erklärt Cicero, warum man seinem Land auch einen großen Dienst erweisen kann, wenn man einfach nur berufstätiger Redner ist. Und das möchte ich auch machen.<br />
Wenn irgendjemand an die jungen Leute rankommt, dann sind es wir Musiker.<br />
Die Politiker schaffen das nicht.<br />
<strong><br />
Prinz Pi veröffentlichte im April „Kompass ohne Norden“ (CD, Keine Liebe Records/Groove Attack). Prinz Pi live: z.B. am 21. November im LKA Stuttgart und im Komplex 457 in Zürich.</strong></p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2150/geschichten-vom-jazz" rel="bookmark" class="crp_title">Geschichten vom Jazz</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/550/die-grose-schwester" rel="bookmark" class="crp_title">Die große Schwester</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/681/aus-dem-reich-der-fantasy" rel="bookmark" class="crp_title">Aus dem Reich der Fantasy</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/637/%e2%80%9ebuxe-voll%e2%80%9c" rel="bookmark" class="crp_title">„Buxe voll“</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1243/%e2%80%9eich-wunsche-mir-dass-ruhe-einkehrt%e2%80%9c" rel="bookmark" class="crp_title">„Ich wünsche mir, dass Ruhe einkehrt“</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1858/museum-als-ort-der-konfrontation" rel="bookmark" class="crp_title">Museum als Ort der Konfrontation</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/564/gut-genuschelt-udo" rel="bookmark" class="crp_title">Gut genuschelt, Udo!</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2167/%e2%80%9eich-bin-ein-sonderfall%e2%80%9c/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Raum für Selbstbestimmung</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2163/raum-fur-selbstbestimmung</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2163/raum-fur-selbstbestimmung#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 May 2013 12:10:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2163</guid>
		<description><![CDATA[„Fleisch und Puppen“ mit DOSSIER 3-D-Poetry im E-Werk Weißes Fleisch blitzt aus dem Dunkeln. Im Zwielicht schälen sich zwei kniende Männer mit heruntergelassenen Hosen heraus, auf deren nackten Rücken ein launiger Zeichentrick-Film projiziert wird: Ein Krikelkrakelkind schiebt eine Karre, hüpft munter über Muskelberge. – Eine starke Eröffnungssequenz für das in der Kölner Wachsfabrik 2012 uraufgeführte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Fleisch und Puppen“ mit DOSSIER 3-D-Poetry im E-Werk</p>
<div id="attachment_2164" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/05/FLEISCHundPUPPEN14©Wolfgang-Zurborn-300x200.jpg" alt="" title="" width="300" height="200" class="size-medium wp-image-2164" /><p class="wp-caption-text">Emily Welther: Mutter oder Femme fatale?Foto: Wolfgang Zurborn</p></div>
<p>Weißes Fleisch blitzt aus dem Dunkeln. Im Zwielicht schälen sich zwei kniende Männer mit heruntergelassenen Hosen heraus, auf deren nackten Rücken ein launiger Zeichentrick-Film projiziert wird: Ein Krikelkrakelkind schiebt eine Karre, hüpft munter über Muskelberge. – Eine starke Eröffnungssequenz für das in der Kölner Wachsfabrik 2012 uraufgeführte und für den Kölner Tanz- und Theaterpreis nominierte Stück „Fleisch und Puppen“, mit dem Marion Dieterles 2006 in Freiburg gegründete DOSSIER 3-D-Poetry jetzt zweimal im ausverkauften E-Werk-Saal gastierte.<br />
<span id="more-2163"></span><br />
Wo der gedoppelte Ken strotzende Männlichkeit demonstriert, ist Barbie nicht weit: Während Tim Behren und Florian Patschovsky sich in eine Runde Liegestützen werfen, schiebt Marion Dieterle in knallengem Minikleid auf schwindelerregenden High Heels einen Miniatur-Kinderwagen, der ihr Rückrat so zu Boden knechtet, dass der Po wie ein Ausrufezeichen in die Luft ragt. Als sie immer wieder erschöpft zusammenbricht, werden ihre Puppenglieder von Emily Welther verbogen, herumgeschleudert und wieder in die Senkrechte gezwungen.<br />
Mutter und Hure, Macht und Ohnmacht, Familienfalle, Krieg der Geschlechter – ein Strom unterschiedlichster Assoziationen flimmert da am inneren Auge vorbei. Wo zwischen gesellschaftlich und multimedial zementierten Stereotypen noch Raum ist für Selbstbestimmung, Lust, Nähe oder gar ein glückendes Familienexperiment, das loten die vier Tänzer während der folgenden Stunde in einem ebenso poetischen wie kraftvollen Bilderbogen aus.<br />
„Anziehen – Ausziehen“ , tönt es aus dem Off, im Hintergrund leuchtet ein blau florenzierendes Plastikbecken, dazu plätschert und ploppt eindringlicher Synthesizer-Sound (Musik: Ralf Freudenberger). Und richtig: Man zieht sich an und stößt sich ab, man zieht sich aus und wieder an, sucht Halt und hält. Das sind traumverlorene, berührende, aber auch rüde Szenen: Wenn Marion Dieterle ihren riesigen Schatten auf der Leinwand zwischen Selbstvergewisserung und Projektion für fremde Augen tanzen lässt, wenn sie dann Emily Welther in die Knie zwingt und wie einen Hund an der Leine führt, wenn Tim Behren und Florian Patschovsky Begrifflichkeiten wie „aufeinander stehen“ oder „einander verfallen“ in atemberaubende Akrobatik umsetzten – dann zeigt sich die Güte dieser Produktion: Statt Abstraktion liefert man unmittelbare, aber raffinierte Körperbilder, die der Zuschauer meist mühelos auf eigenes Erleben übertragen kann. Damit knüpft Dieterle am Konzept der preisgekrönten Nouveau Cirque-Kompanie HeadFeedHands an, der auch Behren und Patschovsky angehören.<br />
Im dramatischen Hell-Dunkel der acht Scheinwerfer, die rechts und links der leeren Bühne Spalier stehen (Licht: Wolfgang Pütz), wird so um Identität, Autonomie und Nähe gerungen: Die Frau, die manisch ihre Pumps sortiert und dazu Müttersprüche schreit. Das Begehren und die Zärtlichkeit, die zwischen den Paaren in unterschiedlichen Konstellationen aufblitzten und ganz schnell in Übergriffe, Abhängigkeit und Enttäuschung kippen. Der ganze, alte Beziehungsdschungel und dessen Brüche – und mittendrin das Kind wie ein Versprechen: Erst als putzig brabbelnde Holzpuppe, dann als Dritter, der sich ein Nest zwischen den Körpern baut. Das ist trotz kleiner Trivialitäten fesselnd und immer großartig getanzt. – Eine ehrliche und facettenreiche Zustandsbeschreibung, mit großer Ernsthaftigkeit umgesetzt. So ernsthaft, dass trotz launiger Familienposen am Ende auch viel Schwere bleibt&#8230;<br />
Marion Klötzer</p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1181/doppelt-ausgezeichnet" rel="bookmark" class="crp_title">Doppelt ausgezeichnet!!</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2156/%e2%80%9ebin-ich-dein-geliebter%e2%80%9c-ruft-der-fan" rel="bookmark" class="crp_title">„Bin ich dein Geliebter?“, ruft der Fan</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2197/wahn-auf-religioser-basis" rel="bookmark" class="crp_title">Wahn auf religiöser Basis</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1999/das-leben-proben" rel="bookmark" class="crp_title">Das Leben proben</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2144/kopfkino-auf-touren-bringen" rel="bookmark" class="crp_title">Kopfkino auf Touren bringen&#8230;</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1898/vorhange-masken-und-ein-taschentuch" rel="bookmark" class="crp_title">Vorhänge, Masken und ein Taschentuch</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1563/karikaturen-statt-charaktere" rel="bookmark" class="crp_title">Karikaturen statt Charaktere</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2163/raum-fur-selbstbestimmung/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Barbarei statt Humanität</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2159/barbarei-statt-humanitat</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2159/barbarei-statt-humanitat#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 May 2013 12:04:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2159</guid>
		<description><![CDATA[David Bösch reduziert am Theater Basel Mozarts „Idomeneo“ auf seine dunkle Seite Eigentlich sind bei diesem leuchtenden, schwungvollen Schluss alle glücklich. Idomeneo übergibt seinem Sohn Idamante die Herrschaft, der endlich seine geliebte Ilia zur Frau erhält. Der Chor singt freudig „Die Göttin der Ehe senke ihnen nun den Frieden der Seele ins Herz.“ Am Theater [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>David Bösch reduziert am Theater Basel Mozarts „Idomeneo“ auf seine dunkle Seite </p>
<div id="attachment_2161" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/05/idomeneo_0091-300x199.jpg" alt="" title="" width="300" height="199" class="size-medium wp-image-2161" /><p class="wp-caption-text">Solenn‘ Lavanant-Linke und Rolf Romei© Hans Jörg Michel</p></div>
<p>Eigentlich sind bei diesem leuchtenden, schwungvollen Schluss alle glücklich. Idomeneo übergibt seinem Sohn Idamante die Herrschaft, der endlich seine geliebte Ilia zur Frau erhält. Der Chor singt freudig „Die Göttin der Ehe senke ihnen nun den Frieden der Seele ins Herz.“ Am Theater Basel tragen die Choristen blutbefleckte, weiße Kleider und haben Messer in der Hand. Die verzweifelte Elettra schneidet sich die Pulsadern auf. Auch die Leichen, die auf der dunklen Bühne liegen, verbreiten nicht gerade die gelöste Stimmung, die Wolfgang Amadeus Mozart für sein Opernfinale komponiert hat. So etwas nennt man wohl „gegen den Strich bürsten“. Die vermeintlich verstaubte Vorlage wird auf eine ganz andere Botschaft hin abgeklopft.<br />
<span id="more-2159"></span><br />
Kein Einzug der Humanität also, obwohl Idomeneo auf das Menschenopfer verzichtet hat und die Götter mit dem Machtverzicht zufrieden sind, sondern Barbarei. Alle sind Täter, haben getötet und werden es wieder tun, will David Bösch wohl damit sagen. Der junge, erfolgreiche Regisseur, der vom Schauspiel kommt und seine ersten Opernarbeiten an der bayerischen Staatsoper München vorlegte, sieht bei seinem Debüt am Theater Basel nur die dunkle Seite dieses Dramas. Deshalb reiht er an dem heftig beklatschten Premierenabend eine Nachtszene an die andere. Und wenn ein wenig Licht auf die Bühne fällt, dann wirkt es bedrohlich.<br />
Zur vom La Cetra Barockorchester Basel unter der Leitung von Andrea Marcon vital musizierten, mit funkelnden Mannheimer Raketen befeuerten Ouvertüre erzählt ein Kindervideo mit Marionetten die Vorgeschichte (Video und Kostüme: Falko Herold). Die trashige Bühne von Patrick Bannwart und Falko Herold zeigt einen versifften Strand, auf dem sich so mancher Schrott versammelt hat. Ein Benzinkanister liegt neben einem trojanischen Holzpferd, ein Teddy neben einer Sandburg. Zum Finale des ersten Aktes, wenn die Gefangenen angesichts der Rückkehr Idomeneos freikommen, wird die Konfettikanone gezündet. Auch die Fransenkrake, die als Neptun vom Schnürboden schwebt, erinnert an einen Kindergeburtstag. Die comic­artigen, expressionistischen Zeichnungen, die immer wieder eingeblendet werden und das Geschehen bebildern, dagegen erzählen von Verwundungen und Traumata. Unvereinbares kracht aufeinander.<br />
Eine Beziehung zu ihrer Umgebung nehmen die Protagonisten nicht auf. Zumindest die Personenführung gelingt David Bösch ein wenig besser, wenn Idomeneo zum ersten Mal auf seinen Sohn Idamante trifft und sein Schwur, den Erstbesten als Götterdank zu opfern, grausame Wirklichkeit wird. Diese Mischung zwischen Freude und Angst, zwischen ersehnter Nähe und verstörender Distanz ist in Basel zu spüren. Trotz cooler Kapuzenjacke zeigte die wunderbar fragile Gesangslinien zeichnende Solenn’ Lavanant-Linke Idamantes Unsicherheit. Erst im Duett mit der glockenhell timbrierten Ilia von Laurence Guillod erhält dieser Idamante seine Zuversicht wieder. Und das auf historischen Instrumenten spielende, verbindliche La Cetra Barockorchester Basel schenkt dem  Liebesband warmen Farben.<br />
Auch die Partie des Idomeneo ist mit dem kraftvollen lyrischen Tenor Steve Davislim hervorragend besetzt. Aus Arbace macht Karl-Heinz Brand einen invaliden Veteranen mit irrer Ausstrahlung; Alexey Birkus hat eine mächtige Götterstimme. Am Dramatischsten wird es, wenn Simone Schneider als Elettra ihren gewaltigen Koloratursopran in Fahrt bringt und das Orchester mit harten Strichen und klaren Akzenten, Windmaschine und Donnerblech zu stürmen beginnt. In dieser aufgewühlten Musik ist die düstere Seite, auf die David Bösch das Stück reduziert, durchaus angelegt. Kurz vor dem Schlusschor (die letzte, versöhnliche Idomeneo-Arie „Torna la pace al core“ ist von der Regie gestrichen) schleudert diese Elettra in ihrer letzten Arie „D’Oreste, d’Aiace, ho in seno i tormenti“ ihre Hassgefühle direkt und unverstellt in den Sternenhimmel. Dirigent Andrea Marcon ist der entscheidende Impulsgeber dieses musikalisch herausragenden „Idomeneo“. Und schenkt der Oper – im Gegensatz zur Regie – auch helle Farben.<br />
Weitere Vorstellungen: 8./ 12./20./25./28./30. Mai, 1./3./ 5./7. Juni 2013. Karten:www. theater-basel.ch<br />
Georg Rudiger </p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="" rel="bookmark" class="crp_title">Kein Trost in der Kirche</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2045/handgestrickte-mutzen-statt-kronen" rel="bookmark" class="crp_title">Handgestrickte Mützen statt Kronen</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1663/die-dunkle-seite-des-narren" rel="bookmark" class="crp_title">Die dunkle Seite des Narren</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2138/von-totengrabern-und-glucksbringern" rel="bookmark" class="crp_title">Von Totengräbern und Glücksbringern</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/230/theater-basel-lul" rel="bookmark" class="crp_title">Nackt und bloß</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2033/in-der-hohle-der-finanzwelt" rel="bookmark" class="crp_title">In der Höhle der Finanzwelt</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1876/der-kriegsheld-ist-der-dumme" rel="bookmark" class="crp_title">Der Kriegsheld ist der Dumme</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2159/barbarei-statt-humanitat/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Bin ich dein Geliebter?“, ruft der Fan</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2156/%e2%80%9ebin-ich-dein-geliebter%e2%80%9c-ruft-der-fan</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2156/%e2%80%9ebin-ich-dein-geliebter%e2%80%9c-ruft-der-fan#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 May 2013 11:28:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2156</guid>
		<description><![CDATA[Ultimative Adaption von Brechts „Baal“ im Theater der Immoralisten Eigentlich begann Berthold Brecht seinen Baal als Parodie auf einen Dichter-Zeitgenossen – und landete schließlich bei sich selbst. So geht es vermutlich jedem ernsthaften Künstler, der sich mit Brechts erstem Drama befasst, denn hier geht es um Totalität und Kompromisslosigkeit, um eine unerbittliche Suche, die nie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ultimative Adaption von Brechts „Baal“ im Theater der Immoralisten</p>
<div id="attachment_2157" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/05/BAAL_PResse_Foto-Frank-Mueller-300x200.jpg" alt="" title="" width="300" height="200" class="size-medium wp-image-2157" /><p class="wp-caption-text">Baal (Markus Schlüter) und Emilie (Anna Tomicsek)    Foto: Frank Müller</p></div>
<p>Eigentlich begann Berthold Brecht seinen Baal als Parodie auf einen Dichter-Zeitgenossen – und landete schließlich bei sich selbst. So geht es vermutlich jedem ernsthaften Künstler, der sich mit Brechts erstem Drama befasst, denn hier geht es um Totalität und Kompromisslosigkeit, um eine unerbittliche Suche, die nie gestillt sein wird.<br />
<span id="more-2156"></span><br />
Doch ist Baal eigentlich kein Künstlerdrama, gemeint ist auch nicht das verkannte oder verkommene Genie. Vielmehr geht es um die Intensität des Lebens, nach der im Grunde jeder Mensch strebt. Die Freiburger Immoralisten, die mit Baal (Regie: Manuel Kreitmeier) bereits den zweiten von drei Teilen innerhalb ihrer mehrfach geförderten Reihe „Pulverfass: Weimar!“ zeigen, transponierten das Stück folgerichtig in den heutigen Starkult der Rockmusik. Als singender Rockstar, dem alle zu Füßen liegen, gibt Baal (Markus Schlüter) mit seiner Stimme sogleich die radikale Schlagrichtung des ganzen Stückes vor, begleitet von Florian Wetter am Flügel – er zeichnet auch für die beachtlichen Kompositionen verantwortlich – und Hannah Schwegler am Cello.<br />
Die Intensität des Lebens – der umschwärmte Baal lebt sie vor. Dadurch zieht er den Neid anderer auf sich, wirkt aber sowohl auf Männer als auch auf Frauen ungemein anziehend. Erstere, Bewunderer und Angstgegner seiner Wildheit und Freiheitsliebe, biedern sich an und werden verächtlich abgewiesen. Die Frauen: bloße Spielbälle seiner erotischen Launen, benutzt und entsorgt auf dem Müllberg seiner Verachtung. Da ist der Mäzen Mech (Uli Herbertz), dessen Frau Emilie (Anna Tomicsek) er zur Geliebten nimmt. Oder sein Bewunderer Johannes (Uwe Gilot), der ihm die eigene Geliebte Johanna (Chris Juliane Meiser) vor die Füße legt. An Freund Ekart (Jochen Kruß) will Baal die schwangere Sophie (Christina Beer) loswerden. In seiner grenzenlosen Verachtung treibt er andere in den Tod, wird schließlich selbst zum Mörder und Verfolgten und krepiert am Ende elend und verlassen.<br />
„Die Welt ist nicht Ihr Zirkus!“, sagt einmal der Pope und hält Baal ein weißes Plastikkreuz entgegen. „Was ist sie dann?“, fragt dieser, doch hat er längst begriffen, dass eigentlich er es ist, der vorgeführt wird. Im Wahn gegen jede Vereinnahmung und Baals Hinneigung zum schrankenlosen Leben gilt dieses Stück häufig als wüste Eloge auf die Selbstliebe; entsprechend erschwert ist die Identifikation mit der Figur des Baal. Manuel Kreitmeiers Inszenierung versteht diesen Widerspruch stimmig aufzulösen, der letztlich aus Baals Abgrenzung gegenüber der Mittelmäßigkeit seiner Mitmenschen resultiert. Er zeigt Baal als einen Suchenden nach Vollendung, die er nicht finden kann; der aus Enttäuschung darüber, dass er trotzdem verehrt wird, trinkt. Baals Kunstwerk ist aber das Leben selbst, durch das er kopf- und kompromisslos stürzt, das Werk eines Manikers.<br />
Wie immer kommt die Regie mit wenigen Requisiten aus. Im Hintergrund der Szene das versammelte Ensemble (hier wären noch Antonio Denscheilmann, Daniel Leers und Uli Winterhager zu nennen), das während des ganzen Stückes präsent bleibt und so wie eine Art Background agiert. Wahrhaft sparsam auch der Einsatz der Kostüme – viel weiße Rips-Unterwäsche bei den Herren, die Damen in schwarze Spitze gekleidet –, dabei zuweilen etwas überzogen, ohne überladen zu wirken. Diese Balance, die ja letztlich große Kunst ausmacht, zieht sich durch die gesamte Inszenierung, die bei aller Radikalität und Kompromisslosigkeit des Inhalts durch die Einhaltung einer strikten äußeren Form stets gewahrt wird. Eine Gegensätzlichkeit, die auf den Zuschauer einen starken Reiz ausübt. Darin liegt auch die große Stärke der Darsteller, die diesen Widerspruch zwischen äußerer Form und innerer Rolle gleichsam aufzulösen verstehen, getragen von großer Spielfreude und schauspielerischer Qualität. Die Wiederholung abstrakter kleiner Bewegungssequenzen, wie sie Manuel Kreitmeier jedem ihrer Charaktere einverleibte, erinnert gar ein wenig an Robert Wilsons Bewegungsregie. Auch die Musik, anfangs von Baal noch veräußert wie ein Wutschrei, verkehrt sich im Laufe des Stückes nach innen und leuchtet dessen Gefühlswelten aus.<br />
Baal ist das Publikum unwürdig wie ein unterwürfiges Weib, das sich dem Star anbiedert. „Bin ich dein Geliebter?“, ruft der Fan, ruft es immer wieder und eindringlicher. Er wird am Ende anstelle einer Antwort erschlagen. Das Publikum der Immoralisten bekommt hingegen viel, und zwar für wirklich große Kunst. Es dankt mit lang anhaltendem, frenetischem Applaus.<br />
Weitere Aufführungen: Bis Ende Juni jeweils Do, Fr und Sa, um 20 Uhr. www.immoralisten.de<br />
Friederike Zimmermann</p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1563/karikaturen-statt-charaktere" rel="bookmark" class="crp_title">Karikaturen statt Charaktere</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1281/vom-broadway-bis-zum-psychodrama" rel="bookmark" class="crp_title">Vom Broadway bis zum Psychodrama</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2006/das-gluck-im-spiel" rel="bookmark" class="crp_title">Das Glück im Spiel</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1260/aufbruch-in-die-katastrophe" rel="bookmark" class="crp_title">Aufbruch in die Katastrophe</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2144/kopfkino-auf-touren-bringen" rel="bookmark" class="crp_title">Kopfkino auf Touren bringen&#8230;</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1999/das-leben-proben" rel="bookmark" class="crp_title">Das Leben proben</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1892/kultiges-open-air-mit-riesenrad" rel="bookmark" class="crp_title">Kultiges Open Air mit Riesenrad</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2156/%e2%80%9ebin-ich-dein-geliebter%e2%80%9c-ruft-der-fan/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Geschichten vom Jazz</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2150/geschichten-vom-jazz</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2150/geschichten-vom-jazz#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 24 Apr 2013 10:33:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2150</guid>
		<description><![CDATA[Im Gespräch: Paul Kuhn, der singende Mann am Klavier Gesichter erzählen Geschichten. Dass Paul Kuhn alle Höhen und Tiefen eines Künstlerdaseins erlebt hat &#8211; davon berichten markante Falten und die wohl weit und breit größten Tränensäcke. Der singende Mann am Klavier wurde am 12. März 85 Jahre alt. Seit über sechs Dekaden ist er mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Gespräch: Paul Kuhn, der singende Mann am Klavier</p>
<div id="attachment_2152" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/04/Paul_Kuhn_LA_Capitol_Studios_2011_4013-1-300x268.jpg" alt="" title="" width="300" height="268" class="size-medium wp-image-2152" /><p class="wp-caption-text">Paul Kuhn</p></div>
<p><strong>Gesichter erzählen Geschichten. Dass Paul Kuhn alle Höhen und Tiefen eines Künstlerdaseins erlebt hat &#8211; davon berichten markante Falten und die wohl weit und breit größten Tränensäcke. Der singende Mann am Klavier wurde am 12. März 85 Jahre alt. Seit über sechs Dekaden ist er mit gleich bleibendem Elan im Einsatz, hat wie kaum ein anderer die deutsche Jazz- und gehobene Unterhaltungsmusik geprägt. Olaf Neumann traf auf einen, der ohne Musik nicht leben kann.<br />
</strong></p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> Herr Kuhn, Ihr neues Album „The L.A. Session“ haben Sie in den Capitol Studios aufgenommen, der vielleicht legendärsten Tonschmiede in den USA. Sind Sie stolz, dass Ihnen dies gelungen ist?<br />
<strong>Paul Kuhn:</strong> Stolz nicht, aber ich bin froh, dass es stattgefunden hat. Ich war ein bisschen nervös, als ich in die Höhle des Löwen kam, weil dort noch dieselben Flügel und Mikrofone herumstanden wie zu Sinatras Zeiten. Auch der Tonmeister war noch derselbe. Dort läuft alles ab wie am Schnürchen.<br />
<strong>Kultur Joker: </strong>Der Produzent und Toningenieur Al Schmitt ist 21-facher Grammy-Gewinner. Seinen Namen findet man auf Plattenhüllen von Frank Sinatra, Ray Charles, Neil Young oder Al Jarreau. Wie kamen Sie mit ihm zusammen?<br />
<span id="more-2150"></span><br />
Kuhn: Der Kontakt zu Al Schmitt kam über meinen deutschen Produzenten zustande. Alle waren sehr freundlich und nett. Das muss nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein, aber von dieser Zusammenarbeit waren wirklich alle Beteiligten sehr angetan.<br />
Kultur Joker: Macht es einen Unterschied, ein Album in Deutschland oder in Amerika aufzunehmen?<br />
Kuhn: Nun, im Capitol Studio haben viele große Namen ihre Platten aufgenommen. Und das ist einfach ein angenehmes Gefühl. Zudem freut man sich, mit solchen Profis spielen zu dürfen. Ohne viel geprobt zu haben, haben wir in zweieinhalb Tagen mehr als 15 Titel eingespielt. Wir brauchten uns nur anzugucken und schon konnte es losgehen. Dort war alles so präzise vorbereitet, dass überhaupt keine Zeit verloren ging. Zwischendurch mussten die Kollegen sogar noch mal weg, um woanders ein paar Titel aufzunehmen.<br />
Kultur Joker: Mit Schlagzeuger Jeff Hamilton und Bassist John Clayton hatten Sie eine Rhythmusgruppe im Rücken, die zuvor mit Ella Fitzgerald, Quincy Jones, Michael Bublé, Whitney Houston und Diana Krall gearbeitet hat. Was macht diese Leute so speziell?<br />
Kuhn: Jeff Hamilton ist zum Beispiel ein Schlagzeuger erster Qualität, sehr feinfühlig und kein Haurucktyp. Es gibt in Europa sicher Musiker, die genauso gut sind, aber man darf nicht vergessen, dass die Musik, die wir auf dieser Platte machen, daher kommt. Und das macht sich doch bemerkbar. Aber nichts gegen meine Leute in Deutschland.<br />
Kultur Joker: Warum wollten Sie überhaupt nach Amerika?<br />
Kuhn: Das wollte ich gar nicht, sondern mein Produzent hat es mir angeboten. Meine Frau und ich waren zum Golfspielen in Florida und sind dann nach L.A. geflogen, wo wir direkt gegenüber vom Capitol Studio gewohnt haben. Der Turm ist ja weithin bekannt. Al Schmitt, der dort der Chef ist, erzählte mir, dass schon Frank Sinatra über das Mikrofon gesungen und auf dem Klavier gespielt hätte. Nichts wurde seither verändert. Man ist dort irgendwie beflügelt.<br />
Kultur Joker: Wird Ihr Album denn auch in Amerika erscheinen?<br />
Kuhn: Das weiß ich nicht. Es ist auch nicht so, dass dieses Volk so ungeheuer swingt. Es sind immer nur die Jazz-Leute, die das machen. Die Allgemeinheit hat eigentlich keine Ahnung vom Jazz. Deshalb sind die ganzen Jazzer damals auch nach Europa gegangen. In Paris fing es an. Ich habe einige davon persönlich kennen­gelernt.<br />
Kultur Joker: Auch Ihr damaliges Idol Frank Sinatra?<br />
Kuhn: Ich habe ihn mehrfach live erlebt, aber leider nie persönlich getroffen. Er war der einzige, der mich mit seiner Singerei wirklich bewegt hat. Seine Musik war so ehrlich empfunden. Und sie wurde von richtig guten Jazzern gespielt.<br />
Kultur Joker: Wie nähert man sich eigentlich einem Klassiker wie „As Time Goes By“, der bereits tausendfach interpretiert wurde?<br />
Kuhn: Ich betrachte dieses Lied aus einem anderen Blickwinkel. Deshalb hat es für mich eine tiefere Bedeutung. Man darf nicht vergessen, dass es 1931 geschrieben wurde und der Autor Herman Hupfeld von einer Zeit erzählt, die mit Vorsicht zu genießen sei. Einstein mache da Versuche, die uns allen missfallen, aber doch nötig seien. Forschung hin oder her, die Welt dreht sich weiter und das wirklich Wichtige sind eine Umarmung und ein Kuss. Ich habe diesen Titel schon tausendmal gesungen und er macht mir immer noch Spaß.<br />
Kultur Joker: Haben Sie die Arrangements für Ihr Album selbst geschrieben?<br />
Kuhn: Ich habe sie nicht vorher geschrieben, sondern es sind spontane Head-Arrangements. Die beiden Jungs haben sich da drauf gehängt. Bei einer kleinen Besetzung ist sowas durchaus üblich, aber es muss vorher schon eine Besprechung über die Übergänge und die Tonartwechsel stattfinden. Das Improvisatorische ist der Spaß, den diese Musik mit sich bringt.<br />
Kultur Joker: Haben Sie das Gefühl, dass Sie Musik desto tiefer empfinden, je älter Sie werden?<br />
Kuhn: Ja, dem ist wirklich so. Im Jazz kann man wirklich alles verändern, und das ist auch erlaubt und sogar erwünscht. Ich spiele einen Titel jedes Mal ein bisschen anders, und dafür braucht man Begleiter, die das sofort kapieren.<br />
Kultur Joker: Wegen einer Augenkrankheit können Sie nicht mehr gut sehen. Schärft dieser Umstand die anderen Sinne?<br />
Kuhn: Ich höre immer wieder, dass Leute, die blind sind, sich über die Musik besonders gut ausdrücken können. Aber noch bin ich es nicht. Ich kämpfe hier und da damit, dass ich nicht so oft auf die Tasten gucke. Ich erfühle die Tasten so, wie sie sind. Bei großen Sprüngen muss man schon hingucken, aber es ist auch viel Glück dabei. Wissen Sie, Spielen ist eine Frage des Gefühls, die sehr schwer zu erklären ist. Man macht einfach weiter, unabhängig davon, ob man sehen kann oder nicht.<br />
Kultur Joker: Ist Jazz die Musik, mit der man am würdevollsten altern kann?<br />
Kuhn: Ich hoffe mal, dass es würdevoll bleibt.<br />
Kultur Joker: Denken Sie beim Spielen oft an frühere Zeiten?<br />
Kuhn: Nicht beim Spielen. Da denke ich eher daran, wie ich eine harmonische Verbindung von A nach C am schönsten, interessantesten oder virtuosesten hinkriegen kann. An das, was ich in meiner langen Karriere so gemacht habe, denke ich aber schön öfter. Und es macht mich ganz zufrieden. In der Jazz-Ecke kann ich eigentlich nicht mehr erreichen. Zudem bin ich der Meinung, dass der Jazz im Grunde abgeschlossen ist. Man weiß, wie die großen Improvisatoren spielen, die Ideen, wie man ein bestimmtes Stück anders interpretieren kann, sind allmählich ausgeschöpft.<br />
Kultur Joker: Ihren ersten Soloauftritt hatten Sie vor 77 Jahren bei der Berliner Funkaufstellung von 1936, als die Fernsehtechnik erstmals einem Publikum präsentiert wurde. Sie sind sozusagen der erste deutsche Fernsehschaffende überhaupt.<br />
Kuhn: Ich erinnere mich noch dunkel daran, wie ich als kleiner Junge auf dem Messegelände Volkslieder auf dem Akkordeon gespielt habe – ohne viel Tamtam. Genau dort, wo ich später beim Sender Freies Berlin tätig war.<br />
Kultur Joker: Und wie haben Sie zum Jazz gefunden?<br />
Kuhn: 1943/44 bei der Invasion der Alliierten war die Glenn Miller Band schon in England. Sie haben dort Sendungen gemacht für die „geknechtete deutsche Jugend“. Es war Tanzmusik mit ein paar Jazz-Titeln. So was wollte ich auch machen. Die Heimat der Jazzmusiker sind gute Tanzorchester, denn dort hat man die Möglichkeit, frei zu improvisieren.<br />
Kultur Joker: Im Nationalsozialismus gab es die oppositionellen „Swing Kids“, die Tanzlokale besuchten und ihre Lieblingsmusik hörten. Wussten Sie davon?<br />
Kuhn: Man wusste schon davon, aber dieser Club wurde natürlich geheim gehalten. Das waren Jazz-Fans. Immer wenn ein berühmter Jazzer gestorben war, trugen diese Jugendlichen Trauerflor. Und die Gestapo hat sich darüber gewundert. Ich war damals noch zu jung, um dazuzugehören. Ich ging während des Krieges in Frankfurt aufs musische Gymnasium und habe in Wiesbaden Musik studiert. Nach dem Krieg war Frankfurt die deutsche Hauptstadt des Jazz, weil alle amerikanischen Maschinen dort landeten. Ella Fitzgerald und Oscar Peterson spielten immer zuerst in der Festhalle.<br />
Kultur Joker: Kannten Sie die große Ella Fitzgerald persönlich?<br />
Kuhn: 1955 war ich mit meiner damaligen Frau in New York, dort hat Ella mich tatsächlich wiedererkannt. Es war eine rein private Reise, aber mir wurde dann von einem der modernen Komponisten angeboten, doch gleich drüben zu bleiben. Nur hatte ich in Deutschland gerade die ersten Erfolge mit diesen Bier-Schlagern. Ich wollte in Amerika nicht einer unter vielen sein.<br />
Kultur Joker: In Deutschland arbeiteten Sie mit Stars wie Oscar Petersen, Shirley Bassey, Dionne Warwick, Gilbert Bécaud und Catharina Valente. Wer ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?<br />
Kuhn: Oscar Peterson. Er war ein Gigant, so ein Pianist kommt nicht so schnell wieder. Und in Berlin habe ich Aufnahmen mit der Count-Basie-Band gemacht. Die Amerikaner waren immer erstaunt, dass es in Deutschland überhaupt so etwas gab wie mein Orchester.<br />
Kultur Joker: Ihr Gesang ist berührend wie eh und je. Wie halten Sie Ihre Stimme fit?<br />
Kuhn: Meine Stimme ist so wie sie ist. Ich mache gar nichts. Bis 2005 habe ich noch geraucht, aber nach meiner vierstündigen Herzoperation war damit Schluss. Angst ist die beste Möglichkeit aufzuhören. Ich bin meinen Ärzten sehr dankbar.<br />
Kultur Joker: Unvergesslich geblieben sind Ihre TV-Auftritte mit Harald Juhnke. War das für Sie eine besondere Zusammenarbeit?<br />
Kuhn: Harald war ein sehr guter Schauspieler, aber sein musikalisches Talent hat gerade gelangt, um im Showbusiness zu sein. Ich habe die Aufnahmen oft geleitet und ihm geraten, er solle nicht so einen Sinatra-Quatsch machen. Da habe ich nicht so drauf gestanden. Aber Juhnke war ein totaler Fan, er glaubte, er sei selber Sinatra. Das musste man ihm ein wenig ausreden. </p>
<p>Paul Kuhn – The L.A. Session (CD, In + Out Records);<br />
Paul Kuhn – Swing 85. Birthday Box (2CD/1DVD, In + Out Records);</p>
<p>Am 28. April (20 Uhr) kommt das Paul Kuhn Trio nach Freiburg ins Jazzhaus, special guest: Gaby Goldberg. Infos: www.jazzhaus.de</p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/550/die-grose-schwester" rel="bookmark" class="crp_title">Die große Schwester</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2167/%e2%80%9eich-bin-ein-sonderfall%e2%80%9c" rel="bookmark" class="crp_title">„Ich bin ein Sonderfall“</a></li><li><a href="" rel="bookmark" class="crp_title">Großes Freiburger Big Band Festival</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/637/%e2%80%9ebuxe-voll%e2%80%9c" rel="bookmark" class="crp_title">„Buxe voll“</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1243/%e2%80%9eich-wunsche-mir-dass-ruhe-einkehrt%e2%80%9c" rel="bookmark" class="crp_title">„Ich wünsche mir, dass Ruhe einkehrt“</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/681/aus-dem-reich-der-fantasy" rel="bookmark" class="crp_title">Aus dem Reich der Fantasy</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1734/woodstock-auf-badisch" rel="bookmark" class="crp_title">Woodstock auf Badisch</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2150/geschichten-vom-jazz/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Länderschwerpunkt Argentinien</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2146/landerschwerpunkt-argentinien</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2146/landerschwerpunkt-argentinien#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 10 Apr 2013 10:41:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2146</guid>
		<description><![CDATA[CineLatino Festival im Kommunalen Kino in Freiburg Ein Doppeljubiläum erwartet das Festivalpublikum in Tübingen, Stuttgart und Freiburg: Das CineLatino Festival feiert sein 20-jähriges Bestehen. Was als kleine Filmreihe begann, hat Durchhaltevermögen bewiesen und sich zur wichtigsten Plattform für den lateinamerikanischen Film in Deutschland entwickelt. Als eines der traditionsreichsten Festivals des Filmtage-Vereins in Tübingen bietet das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>CineLatino Festival im Kommunalen Kino in Freiburg</p>
<div id="attachment_2148" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2013/04/o-som-ao-redor_cinelatino_koki1-300x199.jpg" alt="" title="" width="300" height="199" class="size-medium wp-image-2148" /><p class="wp-caption-text">„O som ao redor“, Brasilien, 2012</p></div>
<p>Ein Doppeljubiläum erwartet das Festivalpublikum in Tübingen, Stuttgart und Freiburg: Das CineLatino Festival feiert sein 20-jähriges Bestehen. Was als kleine Filmreihe begann, hat Durchhaltevermögen bewiesen und sich zur wichtigsten Plattform für den lateinamerikanischen Film in Deutschland entwickelt.<br />
Als eines der traditionsreichsten Festivals des Filmtage-Vereins in Tübingen bietet das CINELATINO seinem Publikum immer wieder faszinierende Einblicke in entfernte Kulturen, Raritäten des internationalen Kinos und Begegnungen mit renommierten Filmemachern. Eröffnet wird das Festival, das in Freiburg vom 17. bis 24. April zu erleben sein wird, mit dem Film „O som ao redor“ („Geräusche von nebenan“) am 17. April, 19.30 Uhr. Der Film ist das Debüt von Kleber Mendonça Filko und erzählt in einer bissigen Mischung aus Sozialdrama und Milieustudie von den Abgründen der brasilianischen Mittelklasse. Der Film erhielt in Rotterdam den Fipresci-Preis und ist der meistausgzeichnete brasilianische Film der letzten Jahre.<br />
Der diesjährige Länderschwerpunkt Argentinien stellt eine der bedeutendsten lateinamerikanischen Filmnationen vor. Ihr aktuell wichtigster Vertreter ist der Berlinale-Preisträger Daniel Burman und sein jüngster Film „La suerte en tus manos“, der auch im Rahmen des Festivals gezeigt wird. Zudem machen „Infancia clandestina“ von Benjamin Ávila, der Dokumentarfilm „Papirosen“ von Gastón Solnicki oder „Abrir puertas y ventanas“ von Milagros Mumenthaler (Goldener Leopard Locarno 2011) neugierig auf ein Land, das sich mit seiner Vergangenheit als Militärdiktatur, einem starken Gefälle zwischen Arm und Reich und mit der deutschen Migration während und nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt. Weitere Infos: www.koki-freiburg.de.</p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2015/alle-macht-der-kleinkunst" rel="bookmark" class="crp_title">Alle Macht der Kleinkunst</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/967/eine-annaherung-an-eine-katastrophe" rel="bookmark" class="crp_title">Eine Annäherung an eine Katastrophe</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2019/europas-grostes-reportagefestival-feiert-geburtstag" rel="bookmark" class="crp_title">Europas größtes Reportagefestival feiert Geburtstag</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/269/hildegard-wohlgemuth-ausstellung" rel="bookmark" class="crp_title">Ausstellung: Hildegard Wohlgemuth</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1808/munstersommer-freiburg-2012" rel="bookmark" class="crp_title">Münstersommer Freiburg 2012</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/184/geschuttelt-nicht-geruhrt" rel="bookmark" class="crp_title">Geschüttelt nicht gerührt</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1645/mittelalterlich-phantasie-spectaculum%c2%ae" rel="bookmark" class="crp_title">Mittelalterlich Phantasie  Spectaculum®</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2146/landerschwerpunkt-argentinien/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kopfkino auf Touren bringen&#8230;</title>
		<link>http://www.kulturjoker.de/index.php/2144/kopfkino-auf-touren-bringen</link>
		<comments>http://www.kulturjoker.de/index.php/2144/kopfkino-auf-touren-bringen#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 10 Apr 2013 10:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kulturjoker.de/?p=2144</guid>
		<description><![CDATA[Freiburger Figurentheatertage im Vorderhaus: überbordend kreativ und handwerklich perfekt. loake Singapurs? Einen Dorfbrand en miniature, bei dem sich leuchtendrote Zottelhaare über eine Holzkiste ergießen? Eine Ente, die dem Tod das Gründeln zeigt? – All das und vieles mehr gab es jetzt bei den vierten Freiburger Figurentheatertage im Vorderhaus zu sehen. Fünf Tage lang präsentierten bekannte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Freiburger Figurentheatertage im Vorderhaus: überbordend kreativ und handwerklich perfekt.</p>
<p>loake Singapurs? Einen Dorfbrand en miniature, bei dem sich leuchtendrote Zottelhaare über eine Holzkiste ergießen? Eine Ente, die dem Tod das Gründeln zeigt? – All das und vieles mehr gab es jetzt bei den vierten Freiburger Figurentheatertage im Vorderhaus zu sehen. Fünf Tage lang präsentierten bekannte Ensembles aus ganz Deutschland ihre Produktionen für große und kleine Leute – und zeigten dabei nicht nur überbordende Kreativität, sondern auch große handwerkliche Perfektion.<br />
<span id="more-2144"></span><br />
Dabei waren auch komplexe Literatur- Adaptionen wie das Ein- Mann- Stück „Schlafes Bruder“ nach dem Bestseller von Robert Schneider (Regie: Pit Holzwarth, Renato Grünig). So verortet Detlef Heinichen vom Theatrium Dresden dieses ebenso fesselnde wie verstörende Dorfdrama in ein mittelalterliches Beinhaus samt Triptychon aus klapprigen Holzkästen, wobei er als weißgeschminkter Nachfahre die Geschichte von hinten aufrollt und mit rund zwanzig schauerlich-expressiven Tischfiguren (Matthias Hänsel) in rasanten Wechseln in Szene setzt. Station für Station wird so über zwei Stunden lang das Leben des verkannten Musik-Genies Elias in einer klaustrophobisch – engen Welt aus Inzucht, Gewalt und Aberglaube erzählt. Das ist streckenweise von so beklemmender Dichte, dass man sich bei aller Bewunderung für die Raffinesse dieser Inszenierung doch zunehmend von Tempo, Textfülle und Atmosphäre erschlagen fühlt, zumal der Lichtblick Musik fast außen vor bleibt. Und doch schwingt diese Inszenierung noch lange in einem nach, so grandios sind ihre Bilder.<br />
Dass sich auch philosophische Stoffe kindgerecht auf eine Bühne bringen lassen, bewiesen die Berliner Figurenspieler Martina Couturier und Heiki Ikkola mit ihrem preisgekrönten Stück „Ente, Tod und Tulpe“. Fantastisch, wie die beiden den Bilderbuchklassiker von Wolf Erlbruch zum Leben erwecken und dabei nicht nur ganz nah an der Vorlage bleiben, sondern auch ganz neue Bilder schaffen: Da gibt es in blaues Licht getauchte Unterwasserszenen, Lieder, Live-Musik und Schattenspiel – und am Ende sogar eine Dia- Show: Ente in den Bergen, am Eiffelturm und schließlich in der Brandung des Meeres&#8230;<br />
Die Mittel sind so reduziert wie wirkungsvoll: Mit zwei Handpuppen, einer Mischung aus Figuren- und Schauspiel und viel Live-Musik (Marie Elsa Drelon) wird hier umwerfend komisch, dann zunehmend poetisch und schließlich zum Heulen schön erzählt, dass der Tod zum Leben gehört&#8230; (Regie: Jörg Lehmann).<br />
Eine turbulente Odyssee in Sachen Objekttheater zeigte Erfreuliches Theater Erfurt mit seiner „Reise zum Mittelpunkt der Welt“ frei nach Jules Verne. So ist das Metallbett der beiden schrulligen Forscher (Ronald Mernitz, Tilo Müller) mal unbekannter Planet, Tiefsee oder Mount Everest, während Waschmaschinentrommel und Sonnenschirm als wandelbares Equipment auf ihrer unglaublichen Expedition fungieren&#8230; Vielschichtige Welten in vielfältigen Darstellungsformen – Figurentheater kann vieles. Vor allem aber das Kopfkino auf Touren bringen&#8230;<br />
Marion Klötzer</p>
<div id="crp_related"><hr size="1" noshade><h3>Artikel mit ähnlicher Thematik:</h3><ul><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1999/das-leben-proben" rel="bookmark" class="crp_title">Das Leben proben</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2156/%e2%80%9ebin-ich-dein-geliebter%e2%80%9c-ruft-der-fan" rel="bookmark" class="crp_title">„Bin ich dein Geliebter?“, ruft der Fan</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/1569/man-muss-es-unbedingt-wollen" rel="bookmark" class="crp_title">Man muss es unbedingt wollen!</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2138/von-totengrabern-und-glucksbringern" rel="bookmark" class="crp_title">Von Totengräbern und Glücksbringern</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/960/utopie-und-krise" rel="bookmark" class="crp_title">Utopie und Krise</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/681/aus-dem-reich-der-fantasy" rel="bookmark" class="crp_title">Aus dem Reich der Fantasy</a></li><li><a href="http://www.kulturjoker.de/index.php/2197/wahn-auf-religioser-basis" rel="bookmark" class="crp_title">Wahn auf religiöser Basis</a></li></ul></div>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kulturjoker.de/index.php/2144/kopfkino-auf-touren-bringen/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
<!-- WP Super Cache is installed but broken. The path to wp-cache-phase1.php in wp-content/advanced-cache.php must be fixed! -->