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	<title>Kultur Joker &#187; Nachhaltig</title>
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	<description>Freiburger Kultur- und Veranstaltungszeitung</description>
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		<title>Das &#8220;Wildholz-Projekt&#8221; in Müllheim</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Mar 2009 07:48:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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„Graben und hacken macht rote Backen“, so der Volksmund. Ewald Schadt hat die Weisheit der einfachen Natur im Mai 2007 beim Wort genommen und das „Wildholz-Projekt“ gegründet. Der Name klingt ungezähmt und eigenwillig, er lässt an Menschen denken, die seitab vom breiten Weg nach Holz und Glück suchen. Das stimmt: In Niederweiler bei Müllheim hat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong></strong></p>
<div id="attachment_286" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><img class="size-full wp-image-286" title="Das Wildholz Projekt" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2009/03/wildholz-projekt.jpg" alt="Aus wilden Hölzern werden Tische, Regale, Kommoden und Paravents fantasievoll gezimmert. " width="500" height="198" /><p class="wp-caption-text">Aus wilden Hölzern werden Tische, Regale und Kommoden fantasievoll gezimmert. </p></div>
<p><strong>„Graben und hacken macht rote Backen“</strong>, so der Volksmund. Ewald Schadt hat die Weisheit der einfachen Natur im Mai 2007 beim Wort genommen und das „Wildholz-Projekt“ gegründet. Der Name klingt ungezähmt und eigenwillig, er lässt an Menschen denken, die seitab vom breiten Weg nach Holz und Glück suchen. Das stimmt: In Niederweiler bei Müllheim hat der 49-jährige Schadt begonnen, Möbel zu bauen und Körbe zu flechten, alles aus wilden Hölzern und zusammen mit Menschen, deren Lebensläufe ebenfalls kurvig und knorzig daherkommen.<span id="more-284"></span></p>
<p>Die wilden Hölzer, das sind Weiden- und Haselsträucher, Ahorn und Hartriegel. Sie werden im Wald als Ruten geerntet oder als Wurzelstücke aufgelesen. Danach muss man sie ablängen, entrinden, schleifen und ölen und kann sie anschließend weiterverarbeiten zu allerlei Praktischem und Schönem. Die Nähe der Natur spürt man den Gegenständen hier an: Die Lehnen der Stühle lassen den Astwuchs erkennen, sie sind dem Schicksal industrieller Begradigung entgangen, ebenso die fantasievoll gezimmerten Tische und Regale, die Kommoden und Paravents. In allem scheint es noch leise nachzuklingen, das Lied der Bäume und des Waldes. Vom Apfelkörbchen bis zum stabilen Einkaufskorb finden sich Körbe in allen Größen, auch Tabletts und Kerzenhalter aus Flechtwerk gibt es zu bestaunen. Zur Frühlingszeit passen besonders gut die lebendigen Weidenhäuser und Weidenzäune, die es jetzt im März und April anzulegen gilt. Das Wildholz-Projekt ist dabei gerne behilflich.</p>
<p>Seine 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat der Grafiker mit Weiterbildung zum Arbeitstherapeuten selbst angelernt – in allen Arbeitsbereichen. Er ist ein <strong>autodidaktischer Allround-Handwerker</strong>. Unter Schadts Anleitung wurde der ehemalige Schweinestall in der Lindenstraße 36 gemeinsam ausgebaut und saniert – „und jetzt ist es ein richtig ,schöner Saustall‘ geworden“, bemerkt Schadt schmunzelnd und fügt hinzu: „Wir haben alles selbst gemacht, bis auf den Dachstuhl“, darauf kann man zu Recht stolz sein. Und nicht nur darauf. Denn seine Mitstreiter sind weder gelernte Handwerker noch Hobbyheimwerker, es sind Menschen, denen die „normale“ Gesellschaft die Türen gern und schnell verschließt und nur zögernd wieder öffnet. Oder gar nicht.</p>
<p><strong>Schlechte Chancen haben Langzeitarbeitslose – „Hartz IV-Empfänger“ – auf dem ersten Arbeitsmarkt. </strong>Manche kommen ohne Ausbildung hierher, die jüngsten sind erst 23 Jahre alt. Ewald Schadt hat schon zwei Teilnehmern wieder zu Lohn und Brot aus eigener Arbeit verholfen, und das ist ein sehr guter Erfolg. Wichtiger als der Erfolgsquotient ist ihm aber, dass er einen Ort der persönlichen Wertschätzung und Wärme geschaffen hat, der ohne kurzlebige Befriedigung durch den Konsum auskommt. Konkret bedeutet das, dass die Teilnehmer der größtenteils von der ARGE finanzierten Maßnahme ein Jahr in Niederweiler arbeiten, essen, sprechen, leben. Manche nehmen das Angebot so dankbar an, dass sie schon vor und noch lange nach der offiziellen Arbeitszeit (von 8.00 bis 16.00 Uhr) vor Ort sind. Andere haben Schwierigkeiten, sich in einer strukturierten Gemeinschaft zu bewegen, der Krankenstand ist entsprechend hoch.</p>
<p>Aber Schadt ist sich sicher: <strong>„Menschen sind nicht für den Müßiggang gemacht. In jedem und jeder steckt so viel Kreativität, man muss sie nur hervorlocken“. </strong>Dazu aber brauche es einen anderen Alltag, als ihn viele der Teilnehmer seit Jahren in den eigenen vier Wänden kennen. „Es ist zwar ein Klischeebild, aber leider stimmt es auch ein bisschen: Die kommen ja überhaupt nicht mehr raus, sitzen von morgens bis abends mit der Bierflasche vorm Fernseher – und das ist nicht sonderlich kreativ.“ Rote Backen gibt es da nur noch vom Schnaps, und von der so viel zitierten sozialen Teilhabe bleibt in der Lebenswirklichkeit vieler Hartz lV-ler keine Spur. Bei Ewald Schadt dagegen spürt man ein schier unbegrenztes Vertrauen – in den heilsamen Kontakt mit der Natur, in die Möglichkeiten des Einzelnen. Die vielen abschätzigen Bemerkungen der Umwelt hätten in eine andere Richtung gewiesen, hätte er ihnen je Gehör geschenkt: „Die meisten Leute haben mich nur belächelt: ,Was du da vorhast, das kriegst du doch mit solchen Leuten niemals hin!‘“</p>
<p>„Solche Leute“, das sind Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus dem  Bezugsrahmen von Arbeitsbindung und sozialem, auch familiärem Netz gefallen sind. Arbeitsplatzverlust und Suchtproblematik, plötzliche Erkrankungen wie ein Schlaganfall mit 55 oder andere Schicksalsschläge führen zum freien Fall ins Aus. Ein einzelnes traumatisches Erlebnis kann das Leben auf Jahre hin zerschlagen. So wie bei Hartmut*, der früher Baggerfahrer war bei der Bahn und einen Kollegen überfuhr. Ein wirklich tragischer Arbeitsunfall, Hartmuts Unschuld steht außer Frage. Und trotzdem: die Beschimpfungen auf der Beerdigung, das Wort<strong> „Mörder“</strong>, das furchtbare Ereignis selbst – er hat es nicht vergessen können.</p>
<p>Was Ewald Schadt „mit solchen Leuten“ alles „hinkriegt“, das zeigt in schönster Weise auch der Garten, ein Stückchen Erde, das 15 Jahre Brachland war. Heute ist hier ein liebevolles Kräuter- und Gemüsegärtchen zu bestaunen. Die Wildholz-Teilnehmer wussten zunächst nichts Rechtes anzufangen mit dem feinwürzigen Ertrag der Sträuchlein. Wer kocht heute schon mit selbst geernteten Kräutern? Jetzt hängen sie in der Küche sorgsam aufgereiht auf einer Leine, die weißen Säckchen mit Petersilie und Thymian, Minze und Rosmarin, Bärlauch und Salbei. Ein jedes ist liebevoll beschriftet. Inzwischen hat es die gesunde Küche aus eigener Produktion den Leuten hier angetan: Jeden Mittag finden sich ein paar zusammen, um das gemeinsame Essen zuzubereiten. Das Ergebnis schmeckt den Gaumen jahrelanger Konserven-Gourmets ungewohnt, aber gut.</p>
<p>Anfangs hagelt es noch flapsige Kommentare, als der Kartoffelbrei aus echten gestampften Kartoffeln gemacht wird statt aus gelblichem Pulver. Inzwischen aber stellt Eva* fest: <strong>„Das nährt mich ja viel besser.“</strong> Sich selbst und andere mit gesunder Kost zu verwöhnen, gemeinschaftlich zu kochen und zu essen, das hält Leib und Seele zusammen – die des Einzelnen ebenso wie die der Gruppe.</p>
<p>Die Gruppe, das natürliche Umfeld, der ganzheitliche Arbeitszusammenhang, wo mit Herz, Hand und Verstand gewerkelt wird, all das ist wichtig. Es trägt und nährt in jeder Hinsicht. Bei manchen so gut, dass sie wie Katharina* nach ihrem Jahr als Teilnehmerin beginnen, selbst in der Anleitung mitzuarbeiten. „Katharina ist der Idealfall“, so Leonie Bruker, die junge Sozialarbeiterin, seit Oktober bei Wildholz tätig, „sie kennt alles aus eigenen Erleben, Hartz IV genauso wie unser Projekt“. Leonie Bruker hilft den Menschen hier auch in Bereichen, wo sie besonders unsicher sind: beim Ausfüllen amtlicher Formulare wie dem Rentenantrag, bei der Suche nach dem geeigneten Therapeuten oder der Vermittlung von Praktikumsplätzen. Da hilft auch <strong>Bürokatze Lina</strong>, die immer auf die gleiche Weise schnurrt und sich sowieso durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. „Eigentlich bräuchten wir mehr Tiere hier“, meint Leonie Bruker nachdenklich, „die haben eine unglaubliche therapeutische Wirkung.“<br />
Gebraucht wird noch vieles mehr: ein Kleintransporter, gern Sachspenden wie z.B. der alte Kirschbaum aus dem Garten, der gerade gefällt worden ist, Geldspenden natürlich sowieso. Und auch neue Mitglieder sind herzlich willkommen! Interessant ist es in diesem Zusammenhang zu wissen, dass das Wildholz-Projekt die erste Sozialgenossenschaft Baden-Württembergs ist. Die genossenschaftliche Struktur ist Ewald Schadt wichtig, denn sie funktioniert basisdemokratisch. Da haben dann alle das gleiche Stimmrecht, egal, wie wild und krumm sie nun gewachsen sind.</p>
<p><em>Heidi Korf</em></p>
<p>* <em>Namen von der Redaktion geändert. </em></p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;"><strong>Wildholz-Projekt</strong><br />
Leitung Ewald Schadt<br />
Lindenstraße 36, 79379 Niederweiler<br />
Telefon 07631-9360202<br />
<a href="mailto:Ewald.Schadt@wildholz-projekt.de">Ewald.Schadt@wildholz-projekt.de</a><br />
<a href="http://www.wildholz-projekt.de" target="_blank">www.wildholz-projekt.de</a></p></blockquote>
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		<title>Arm und Reich ist gar nicht gleich</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Mar 2009 08:40:09 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Dieser Februar-Samstag ist trüb, kalter Nieselregen geht vor den Fenstern der Katholischen Akademie Freiburg nieder. Einen Tag lang wird hier über Armut und Reichtum diskutiert, um Teilhabe und Gerechtigkeit und die Frage, ob das wohl für alle Menschen erreichbar sein mag. Die Veranstalter – die Informationsstelle Peru, die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung und die Katholische Akademie der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_236" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><img class="size-full wp-image-236" title="Foto aus dem Handbuch der Caritas" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2009/03/arm-und-reich.jpg" alt="Die Gnade der reichen Geburt führt - national oder global - immer noch in eine narzistische Illusion der Überlegenheit" width="500" height="198" /><p class="wp-caption-text">Die Gnade der reichen Geburt führt - national oder global - immer noch in eine narzistische Illusion der Überlegenheit. Soziale Gegensätze. Ein Artikel von Heidi Korf.</p></div>
<p>Dieser Februar-Samstag ist trüb, kalter Nieselregen geht vor den Fenstern der Katholischen Akademie Freiburg nieder. Einen Tag lang wird hier über Armut und Reichtum diskutiert, um Teilhabe und Gerechtigkeit und die Frage, ob das wohl für alle Menschen erreichbar sein mag. Die Veranstalter – die Informationsstelle Peru, die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung und die Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg – wollen ebenso globale Armut thematisieren wie die Zustände vor der deutschen Haustür.<span id="more-235"></span></p>
<p>Rómulo Torres Seoane spricht über die Situation in seinem Land: Peru, das ist in den Augen vieler westlicher Ökonomen ein südamerikanisches Paradebeispiel für gelingende Entwicklung, ermöglicht durch eine großzügig liberalisierte Freihandelspolitik. Und tatsächlich, das Bruttoinlandsprodukt ist gestiegen, die sozialen Konflikte dabei aber gleich mit – so haben im Peru des Jahres 2008 harte Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene deutlich zugenommen. Die Zivilbevölkerung gibt ihrer Unzufriedenheit immer klarer Ausdruck, an den Entscheidungsprozessen des eigenen Landes hat sie kaum Anteil, da ein Übergang zu echten demokratischen Strukturen nie stattgefunden hat.</p>
<p><strong>Die Korruption in den höchsten politischen Rängen dagegen treibt satte, bunte Blüten.</strong> Und die sozio-ökonomischen Gegensätze klaffen immer heftiger, denn leider sagt das Wachstum der Exportrate in volkswirtschaftlich tragenden Sektoren wie dem Bergbau und der Textilindustrie nichts über die Verteilungsgerechtigkeit aus, ebenso wenig wie das gestiegene Pro-Kopf-Einkommen bedeutet, dass jeder peruanische Kopf mehr Geld erhält. Die Gewinne sind so ungleich verteilt, dass Perus Armutsrate weiterhin bei 40 % liegt, in ländlichen Gebieten sind bis zu 80% der Bevölkerung betroffen. Viele Menschen leben von den staatlichen Sozialprogrammen. Unternehmensansiedlungen ausländischer Investitoren sind angenehm unkompliziert und durch extrem niedrige Steuersätze begünstigt. Dass die ressourcenreichen Ländereien – fette Brocken für internationale Bergbauunternehmen – nicht selten Lokalbesitz indigener Gemeinschaften sind, stört den Staat wenig, Erdöl-Probebohrungen im Urwald z.B. sind kein Problem. Höchstens für die Betroffenen, im Amazonasbecken sind das Indianerstämme, die ihr Leben zum Teil sogar freiwillig fernab der westlichen Zivilisation gestalten. Andernorts trifft der liberale Wirtschaftskurs die Kleinbauern, deren Existenz eng mit Grund und Boden zusammenhängt. Vom Ertrag ihrer landwirtschaftlichen Produktion können sie immerhin überleben, wenn man sie lässt. Auch im industriellen Sektor fehlt die politische Konsenssuche mit der lokalen Produktion: Kleinere Textilproduzenten wurden in großer Zahl von der Flut chinesischer Importe verdrängt.</p>
<p>Der Trend gehe gegen das Lokale, so Rómulo Torres Seoane, weitere Bauern und Indianer werden ihren Besitz verlieren. Das sogenannte <strong>„nationale Interesse“</strong> stehe auch im öffentlichen Diskurs im Vordergrund. Und den führt offensichtlich eine urbane Mittelschicht, der es ja auch so schlecht nicht geht. Sie repräsentiert die „Lebensform der Einkaufszentren“ und kennt Andersdenkenden gegenüber vor allem Herablassung, brandmarkt sie als „altmodisch“ und „schwach“. Ja, die peruanische Gesellschaft droht mehr und mehr zu zerbrechen, wenig verbindet noch diese Mittelschicht mit der fast stimmlosen Landbevölkerung. Es bräuchte, so Rómulo Torres Seoane, ein gemeinsames Bewusstsein, am besten verkörpert von einer öffentlichen Person, es bräuchte also eine/n, der / die jene verlorene Verbindung zwischen den sozialen Klassen wieder herzustellen wüsste.</p>
<p>Verbindung, Einheitsbewusstsein, Gemeinschaftsdenken vor rüdem Ego-Individualismus. Den Blick auf die Mikroebene der Lebensrealität vieler zu richten, statt einseitig die Makroebene einer international agierenden Wirtschaftselite zu fokussieren. Das sind auch in Deutschland Themen.</p>
<p>Natürlich ist es wichtig zu unterscheiden. Armut in Peru kommt in ganz anderer Gestalt daher als die deutsche Luxus-Schwester. Das physische Überleben ist bei uns nicht unmittelbar bedroht. <strong>Man trennt daher zwischen absoluter und relativer Armut.</strong> Nach der Weltbank-Definition ist absolut arm, wer weniger als 1,50 $ pro Tag zur Verfügung hat. Relative Armut orientiert sich am Durchschnittswert des Einkommens der jeweiligen Nation.</p>
<p>In Deutschland heißt das, dass man von weniger als 781,00 Euro pro Monat leben muss. Das gilt immerhin für <strong>13 Prozent</strong> der deutschen Bevölkerung. Weidlich bekannt ist, dass Menschen ohne Arbeit, besonders Langzeitarbeitslose, ein erhöhtes Armutsrisiko haben. Dass neben den Erwerbslosen auch Arbeitende arm sein können, ist weniger bekannt: 5 Prozent brauchen Zuschüsse vom Staat, um leben zu können, sie gehören damit zu den „working poor“. Deren Anzahl steigt. Zur Armutsrisikogruppe gehören neben den Erwerbslosen Alleinerziehende und Alleinlebende, Menschen aus Haushalten mit geringer Bildung (i.e. beide Eltern ohne Schulabschluss) und Menschen, die selbst keinen Schulabschluss besitzen.</p>
<p>Es wird deutlich, dass der Armutsbegriff in Industrienationen kein<strong> rein ökonomischer</strong> sein kann, und das ist wichtig zu sehen. Faktoren wie Arbeit, Gesundheit und Bildung sind Dimensionen, die  Armut einerseits mit bewirken und andererseits widerspiegeln. Ja, es ist tatsächlich so: Geld macht gesund, Erwachsene ohne Abitur weisen eine kürzere Lebenserwartung auf. Die subjektive Wahrnehmung der eigenen Gesundheit hängt mit der sozialen Schichtzugehörigkeit zusammen, Kinder und Jugendliche aus unteren Schichten fühlen sich kränker als sozial besser gestellte Altersgenoss/innen. Dass ein guter Finanz- und Sozialstatus hierzulande zu mehr Bildungschancen führt, bestreitet schon seit Jahren niemand mehr. Arbeiterkinder – und das ist nur eine der betroffenen Gruppen – sind an den Hochschulen in der Minderheit, verglichen mit ihrem Anteil an der altersspezifischen Bevölkerung. Der liegt bei 41 %, unter den Studienanfänger/innen machen sie aber nur 20 % aus. Im Gegenzug studieren 83 von 100 Akademikerkindern. Die sogenannte „Bildungsvererbung des Studiums“ hat in den letzten Jahren in sämtlichen Fächern zugenommen.</p>
<p><strong>Deutsche Armut bedeutet nicht Hunger, sondern schlechtere Lebensmöglichkeiten bis hin zum Ausschluss. </strong>Ausschluss und Rückzug, Scham und Resignation – das alles hängt in deutschen Köpfen oft damit zusammen, ob man überhaupt eine Arbeit hat. Hierbei ist ausschließlich von Lohnarbeit die Rede. Lohnarbeit an sich hat einen schier unhinterfragt hohen Stellenwert, das spiegelt sich in der Hierarchie unserer Ängste. Auf der Skala möglicher Lebensschrecknisse rangiert Arbeitslosigkeit im Jahr 2007 mit 50,8 % auf Platz 1, gefolgt von der Angst vor Krankheiten mit 43 %. Krebs ist also nicht so schlimm wie den Arbeitsplatz zu verlieren? Lieber den Partner als den Job einbüßen? Hier geht es offensichtlich um kollektive Werte, es geht um Fragen des Bewusstseins: Was ist uns als Gesellschaft wichtig? Was macht ein „richtiges“ Leben aus? Wer darf dazugehören und warum? Wer ist mein/e „Nächste/r“, wo beginnt, wo endet meine Bereitschaft zum gemeinschaftlichen Denken? Und wie weit weg ist eigentlich Peru?</p>
<p><strong>Soziale Gegensätze beginnen im Kopf.</strong> Die „Gnade der reichen Geburt“ führt – national oder global – immer noch in eine narzisstische Illusion der Überlegenheit, der Unabhängigkeit vom Rest der Welt. Heimlich führt sie zu Gedanken wie „Arm sind die anderen“ oder „Katastrophen sind anderswo“. Und noch viel heimlicher zum Nachsatz „Und das ist gut so“. Denn niemand will, dass es ihn selbst hart trifft, das „Schicksal“, das keines sein müsste. Aber die „Schere zwischen Arm und Reich“ ist nur als Sprachbild etwas stumpf geworden, die faktischen sozialen Unterschiede wachsen. Scheren sind aus zwei beweglichen Klingen gebaut. Fehlt die Schraube in der Mitte, besteht die Gefahr, dass die sich kreuzen.</p>
<p><em>Heidi Korf</em></p>
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