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	<title>Kultur Joker &#187; Interviews</title>
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	<description>Freiburger Kultur- und Veranstaltungszeitung</description>
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		<title>„Ich wünsche mir, dass Ruhe einkehrt“</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 12:10:32 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1244" class="wp-caption aligncenter" style="width: 210px"><img class="size-medium wp-image-1244" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2012/01/MortenSchuldtJensen-credit-Sarah-Platte-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" /><p class="wp-caption-text">Im Gespräch: Morten Schuldt-Jensen, Chordirigent und Professor</p></div>
<p><strong>Schuldt-Jensen in Freiburg und hat als Professor für Chordirigieren, Dirigent des Freiburger Kammerchores und künstlerischer Leiter der Musiktage St. Peter Spuren im Musikleben hinterlassen. Sein bis Sommer 2010 befristeter Vertrag an der Freiburger Musikhochschule wurde allerdings nicht verlängert, was den 53-jährigen Dänen dazu veranlasste, gegen das Land Baden-Württemberg zu klagen. Da das Urteil noch nicht gesprochen ist und der Prozess auf Ende Januar 2012 vertagt wurde, musste Georg Rudiger im Interview das brisante Thema ausklammern. Ein Gespräch über den Reiz des Unterrichtens, Bonsaibäume und Ruhestörungen im Konzert.<br />
</strong><br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Sie sind im Jahr 2006 von Leipzig nach Freiburg gekommen. Wie war für Sie der erste Eindruck von Freiburg?<br />
<strong>Morten Schuldt-Jensen: </strong>Absolut wunderbar. Ich war dort im Herbst 2005, um an der Musikhochschule vorzudirigieren bzw. um einen Probeunterricht zu halten. Die Naturnähe ist etwas ganz Besonderes. Die Freiburger Musikhochschule ist vielleicht die am schönsten gelegene in ganz Deutschland.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Wie haben Sie von der Ausschreibung erfahren?<br />
Schuldt-Jensen: Ein ehemaliger Schüler von Hans-Michael Beuerle, der nun Professor für Chorleitung an der Leipziger Musikhochschule ist, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Beuerles Namen kannte ich, weil ich mich sehr für Brahms interessiere.<br />
<strong>Kultur Joker: </strong>Haben Sie seine Dissertation gekannt?<br />
<strong>Schuldt-Jensen: </strong>Ja. Ich habe als Musikwissenschaftler in Kopenhagen seine Dissertation auf der Literaturliste gehabt. Es war sehr reizvoll mir vorzustellen, so einer großen Persönlichkeit nachfolgen zu dürfen.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> Sie haben neben Dirigieren auch Gesang studiert.<br />
<span id="more-1243"></span><br />
Schuldt-Jensen: Ich habe zunächst Musikwissenschaft und Sportwissenschaft studiert. Dann bin ich an der Musikhochschule von Kopenhagen als Dirigierstudent für Chorund Orchesterleitung aufgenommen worden. Dort habe ich dann auch noch Gesang studiert.<br />
Kultur Joker: Wenn Sie die unterschiedlichen Tätigkeiten gewichten würden – das Dirigieren, das Singen und das Unterrichten – wo ist da die Mitte? Was ist die Hauptsache für Sie?<br />
Schuldt-Jensen: Die Mitte ist in der Mitte. Ohne Singen zu können, macht Chorleitung nicht wirklich Sinn. Und die Chorleitertätigkeit, das Einstudieren von Kompositionen, geht auch bis hin zum Profiniveau schlecht ohne pädagogisches Wissen. Das Unterrichten geht gar nicht, ohne künstlerische Erfahrungen einzubringen. Das heißt, alle drei Sachen sind voneinander abhängig.<br />
Kultur Joker: Was reizt Sie speziell am Unterrichten?<br />
Schuldt-Jensen: Es ist für mich immer wieder eine menschliche und intellektuelle Belebung, im Austausch mit den Studenten zu sein. Es ist zum Beispiel wunderbar, wie Studenten fragen können. Das finde ich pädagogisch sehr reizvoll.<br />
Kultur Joker: Es wurde in ihrem Berufungsvertrag festgelegt, dass sie pro Jahr vier Chorprojekte an der Musikhochschule machen sollen. Das sind, soweit ich weiß, mehr, als es unter Ihrem Vorgänger der Fall war. War es Ihnen wichtig, sich auch verstärkt als Dirigent einzubringen?<br />
Schuldt-Jensen: An der Musikhochschule dienen solche Konzertprojekte einem pädagogischen Zweck. Ich selbst habe in und außerhalb Freiburgs reichlich künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten. Für mich ist es undenkbar, Studenten in Chorleitung auszubilden, ohne dass sie sehen können, wie man das in der Praxis gestaltet. Wir haben ja gerade ein Kammerchorprojekt gemacht.<br />
Kultur Joker: Ja, ich habe das  Konzert gehört.</p>
<p>Schuldt-Jensen: Von einer solchen Woche können die Studenten viel mitnehmen. Sie sehen, wie man solch ein Projekt methodisch, künstlerisch, dirigiertechnisch, stimmbildungstechnisch aufbauen kann. Und wie sich das in dem künstlerischen Ergebnis niederschlägt. Ich gebe ihnen ein Beispiel. Wenn man Koch werden möchte und man nie erlebt, wie ein Menü geplant wird, wie man einkauft, wie man das Timing abstimmt, damit das Eis nicht schmilzt, bevor die Kartoffeln gekocht sind, dann wird das wahrscheinlich nichts werden. Übertragen heißt das: Man kann vielleicht ein guter „Techniker“ sein, aber dies allein macht noch keinen guten Dirigenten und künstlerischen Leiter aus.<br />
Kultur Joker: Im Augenblick läuft ja noch die Klage, die Sie gegenüber dem Land Baden-Württemberg angestrengt haben, weil ihr vierjähriger Vertrag nicht wie üblich in ein Beamtenverhältnis verlängert wurde. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, ungenehmigten Urlaub genommen zu haben.<br />
Schuldt-Jensen: Die Vorwürfe werden von uns bestritten, unter anderem darum geht ja das Verfahren. Aber darüber hinaus darf ich mich zum laufenden Prozess nicht äußern<br />
Kultur Joker: Ich war im Freiburger Verwaltungsgericht und habe die Verhandlung erlebt. Und auch die eisige Stimmung, die zwischen den Beteiligten herrschte. Was war das für ein Gefühl, als Sie im Herbst wieder an die Freiburger Musikhochschule zurückgekommen sind? Der Konflikt hat ja auch in der Musikhochschule sehr polarisiert.<br />
Schuldt-Jensen: Ich bin sehr, sehr gerne mit meinen Studenten zusammen. Und da ist die Welt absolut in Ordnung. Die Leute, die angeblich gegen mich sind, treffe ich nicht. Ich begegne in der Musikhochschule immer freundlichen Menschen.<br />
Kultur Joker: Es ist kein Spießrutenlaufen für Sie.<br />
Schuldt-Jensen: Nein. Als das Rektorat damals bekannt gab, dass der Vertrag mit mir nicht verlängert wird, gab es ja viele Solidaritätsbekundungen für mich von Studierenden und Dozenten. Eine Demonstration gegen mich habe ich nie erlebt.<br />
Kultur Joker: Was ist Ihnen als Chordirigent wichtig? Gibt es einen Idealklang für Sie?<br />
Schuldt-Jensen: Nein, das ist stückeabhängig. Das ist so wie bei einem Maler, der entscheiden muss, welchen Hintergrund er für sein Motiv wählt, ob er Ölfarben oder Wasserfarben verwendet usw.<br />
Kultur Joker: Sie machen jetzt mit dem Freiburger Kammerchor, den Sie seit 2008 leiten, das Deutsche Requiem von Johannes Brahms. Können Sie mir an diesem Beispiel zeigen, welche Farben Sie wählen? Schuldt-Jensen: Ich werde sehr auf Transparenz setzen. Die Einflüsse der alten Musik, diese polyphonen Strukturen, die Brahms verwendet, müssen hörbar sein. Und seine menschliche Größe und Freundlichkeit müssen sich in der Farbwahl niederschlagen.<br />
Kultur Joker: Möchten Sie diese Transparenz nur bei Brahms erzielen? Oder ist das eher ein grundsätzliches Klangideal für Sie?<br />
Schuldt-Jensen: Jedes Stück hat eine große Bandbreite an Texturen und Farben, die ich als Dirigent herausarbeiten muss. Vielleicht ist Durchsichtigkeit im Klang wirklich etwas, das ich immer haben möchte. Aber nicht körperlos. Ich möchte die ganze Stimme und den ganzen Körper hören. Aber dafür sorgen, dass es immer in Abstimmung mit den anderen Stimmen passiert.<br />
Kultur Joker: Muss man dafür den einzelnen Sänger stark zurücknehmen?<br />
Schuldt-Jensen: Nein. Ich versuche nicht, die Stimmen zu drosseln, sondern da wachsen zu lassen, wo sie noch keine Äste haben.<br />
Kultur Joker: Aber wenn ein Sänger zu laut ist, funktioniert das nicht.<br />
Schuldt-Jensen: Das ist keine reine Frage der Lautstärke. Das, was einem nicht passt, einfach abzuschneiden, ist der einfache Weg. Ich möchte keine Bonsai- Bäume. Im Gewandhaus-Kammerchor habe ich die Stimmen in prof ilierte Stimmen und sammelnde Stimmen aufgeteilt. Jede profilierte Stimme muss von einer sammelnden Stimme aufgenommen werden. Das habe ich auch bei der Sitzordnung berücksichtigt. Kultur Joker: Die profilierten Stimmen sind also die führenden.<br />
Schuldt-Jensen: Nein, das kann man so nicht sagen. Wenn ich zwei profilierte Stimmen nebeneinander stelle, dann kämpfen sie, was die Obertöne angeht, gegeneinander. Wenn ich aber eine voluminöse, sammelnde Stimme daneben stelle, dann können beide laut singen, stechen aber trotzdem nicht heraus, weil sie von der sammelnden Stimme aufgefangen werden. Und die sammelnde Stimme wird gefördert von der profilierten – das ist ein Geben und Nehmen. Man kann auch im Dirigat die eine Seite stärker betonen, um interpretatorisch etwas auszudrücken. Nehmen wir ein Stück wie Anton Bruckners „Christus factus est“, das Sie gerade gehört haben. Da gibt es Strecken mit wenig Stimmgebung, aber enormer Resonanz. Dieses Piano ist so tragend wie eine Schaummatte. Dann gibt es andere Stellen, wo alle auf hartem Stein gehen müssen.<br />
Kultur Joker: Dann müssen die sammelnden Stimmen auch zu profilierten werden, um einen bestimmten Charakter, eine bestimmte Farbe auszudrücken.<br />
Schuldt-Jensen: Genau. Das ist Gesangstechnik – und das lehre ich auch meinen Studenten.<br />
Kultur Joker: Mit dem Freiburger Kammerchor leiten Sie einen Laienchor. Beißt sich das nicht mit dem hohen Anspruch, den Sie haben?<br />
Schuldt-Jensen: Im Gegenteil! Ich bin ja ganz bewusst in diese Arbeit gegangen. Für mich war die Frage: Gibt es hier ein Potential, das man weiterentwickeln kann? Und wie kann ich den Chor, was das Repertoire angeht, weiterbringen? Ich denke, wir sind in beiden Punkten schon weit gekommen.<br />
Kultur Joker: Haben Sie das mit den gleichen Leuten gemacht, die bei Ihrem Antritt schon dabei waren? Schuldt-Jensen: Ja. Ein paar haben mit dem Dirigentenwechsel aus Altersgründen aufgehört. Die anderen damaligen Mitglieder des Chores, die vorgesungen haben, sind genommen worden.<br />
Kultur Joker: Die Chormitglieder mussten neu vorsingen bei Ihrem Amtsantritt?<br />
Schuldt-Jensen: Ich wollte einfach den Stand der Dinge kennenlernen. Nach dem Motto: Dies soll mein Chor werden. Welche Ressourcen habe ich zur Verfügung?<br />
Kultur Joker: Arbeiten Sie mit Laien gleich wie mit Profis?<br />
Schuldt-Jensen: Im Prinzip schon. Manchmal dauern manche Dinge eben etwas länger, aber ich möchte schon auch bestimmte Klangfarben haben usw. Wir haben jetzt gerade ein Jazz-Programm gemacht, das wir mit Werken von Edvard Grieg und einigen A-Cappella-Sachen aus dem 20. Jahrhundert gemischt haben. Die Frage war sozusagen, ob wir eine Klarinette zu einem Saxophon umbauen können. Das war eine enorme Herausforderung, weil ich mit dem Chor nie zuvor Jazz oder Gospels gesungen habe.<br />
Kultur Joker: Jazz hat der Freiburger Kammerchor meines Wissen früher nicht gesungen. Was hat sich noch verändert beim Freiburger Kammerchor, seit Sie ihn leiten?<br />
Schuldt-Jensen: Wir singen viele A-Cappella-Programme. Das war früher nicht fest eingeplant. Wir wechseln jetzt immer ab zwischen einem A-Cappella- Projekt und einem großen, symphonischen Programm. Die Zahl der Projekte haben wir fast verdoppelt. Früher waren es in der Regel zwei pro Jahr, jetzt sind es vier.<br />
Kultur Joker: Was macht für Sie den Freiburger Kammerchor aus?<br />
Schuldt-Jensen: Ich denke, dass der Chor mittlerweile auf semiprofessionellem Niveau singt. Es freut mich, dass der Kammerchor so experimentierfreudig geworden ist. Ich war nicht sicher, ob wir das schaffen, als wir im Herbst mit den Proben zu meiner Jazzsuite begonnen hatten. Wenn man solch einen gestandenen Chor aus Anwälten, Lehrern, Studienräten etc. in fremdes Terrain führt, muss man schon aufpassen, dass sich die Chorsänger wohlfühlen. Dass der Chor dieses Programm letztendlich so überzeugend gesungen hat, freut mich wirklich sehr.<br />
Kultur Joker: Was muss man mitbringen, um im Freiburger Kammerchor zu singen?<br />
Schuldt-Jensen: Zeit, Chorerfahrung, eine gute Stimme und eine gewisse Offenheit.<br />
Kultur Joker: Man muss keinen Gesangsunterricht gehabt haben?<br />
Schuldt-Jensen: Das hilft schon. Aber es gibt auch Stimmen, die noch nicht die gewünschte Qualität haben, aber sehr beeinflussbar sind. Die nehmen wir auch.<br />
Kultur Joker: Ich möchte noch einmal zurückkommen auf das Konzert mit dem Kammerchor der Musikhochschule in der Friedenskirche. Ich war überrascht, wie gut das klingt. Ich war aber auch überrascht, dass Sie einer Frau, deren kleines Kind geredet hat, nahe gelegt haben, den Raum zu verlassen.<br />
Schuldt-Jensen: Viele Zuhörer haben sich anschließend für die klaren Worte bedankt. Und fanden es auch nicht richtig von der Mutter, in diesem Zusammenhang einfach sitzen zu bleiben, obwohl das Kind hörbar das Konzert störte und mehr Aufmerksamkeit erregte als die Akteure.<br />
Kultur Joker: Ich habe so etwas jedenfalls noch nie erlebt, dass ein Dirigent wegen eines lauten Kindes eine Ansage macht. Es hätte ja auch sein können, dass sich das Problem von alleine löst. Unruhe gibt es ja häufig in Konzerten.<br />
Schuldt-Jensen: Deshalb habe ich zunächst abgewartet, ob sich das Kind beruhigt und meine Ansage erst nach dem zweiten Stück gemacht. Ich fordere keine absolute Stille. Das Publikum ist aber in dieses Konzert gekommen und hat Eintritt bezahlt, um Musik zu hören. Ich bin selbst Vater von vier Kindern und finde es sehr wichtig, Kinder an Musik heranzuführen. Wenn man Kinder hat, die nicht in einen solchen Zusammenhang passen, sollte man sie nicht mitnehmen. Dafür gibt es Konzerte speziell für Kinder.<br />
Kultur Joker: Jetzt beginnt ein neues Jahr. Was wünschen Sie sich für 2012?<br />
Schuldt-Jensen: Ich wünsche mir, dass Ruhe einkehrt. Ich wünsche mir, dass diese für mich eigentlich nicht verständliche Situation an der Freiburger Musikhochschule zu einem guten Ende führt. Und dass die Studierenden mit einer gewissen Sicherheit und Planbarkeit studieren können.<br />
Kultur Joker: Was erhoffen Sie sich von dem Konzert im Freiburger Konzerthaus mit dem Kammerchor am 29. Januar, wenn Sie das Brahms-Requiem zur Aufführung bringen?<br />
Schuldt-Jensen: Ich wünsche mir ein großes Publikum. Dieses wunderbare Stück kann uns heute, wo viele orientierungslos sind, sehr viel sagen. Ich haben Ihnen unseren Brahms-Flyer mitgebracht. Wie würden Sie diesen interpretieren?<br />
Kultur Joker: Die schwarze Schrift „Requiem“ wird bunt, ein Schmetterling fliegt davon. Vielleicht möchten Sie die freundliche, helle Note des Werkes betonen.<br />
Schuldt-Jensen: Genau, dieses Stück ist ja kein Requiem im traditionellen Sinne. Es ist ein wunderbares Werk, das sehr modern ist. Es meint: Es werde Licht.<br />
Kultur Joker: Herr Schuldt- Jensen, vielen Dank für das Gespräch. Konzerte mit dem Freiburger Kammerchor (Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem) und dem Leipziger Kammerorchester unter der Leitung von Morten Schuldt-Jensen am 28. Januar 2012 im Franziskaner/Villingen und am 29. Januar 2012 im Konzerthaus Freiburg, jeweils 20 Uhr (19 Uhr: Einführung durch den Dirigenten). Firmendienst : 0761/38 20 78 Touristik : 0761/38 10 21 Fax : 0761/28 00 30 e-mail: info@funfly.de internet: www.fun-fly.de W i l h e l m Moltkestrs. 2t r8. 1 a •• 7 970909988F Fr reeiibbuurrgg</p>
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		<title>„Die Essensvernichter“</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Oct 2011 11:30:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Die grenzenlose Verfügbarkeit von Nahrung ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch die Überflussgesellschaft hat ihre Schattenseiten: Täglich werden in den Industrieländern bis zu 50 Prozent der Lebensmittel vernichtet, während weltweit 20.000 Menschen an Unterernährung sterben. Ein Viertel des weltweit verbrauchten Wassers wird verschwendet und bis zu 80 Prozent der gefischten Tiermasse werden als Müll [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die grenzenlose Verfügbarkeit von Nahrung ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch die Überflussgesellschaft hat ihre Schattenseiten: Täglich werden in den Industrieländern bis zu 50 Prozent der Lebensmittel vernichtet, während weltweit 20.000 Menschen an Unterernährung sterben. Ein Viertel des weltweit verbrauchten Wassers wird verschwendet und bis zu 80 Prozent der gefischten Tiermasse werden als Müll zurück ins Meer geworfen. Diese traurige Realität zeigt der Kölner Journalist Valentin Thurn in seiner schonungslosen Kinodokumentation „Taste The Waste“ und dem begleitenden Buch „Die Essensvernichter“. Gleichzeitig schlägt er auch Lösungen vor. Mit Valentin Thurn sprach Olaf Neumann.</p>
<p><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/10/Thurn-hf-300x184.jpg" alt="" title="Thurn hf" width="300" height="184" class="aligncenter size-medium wp-image-1127" /></p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Eigentlich werden genug Lebensmittel produziert, um alle auf der Erde satt machen zu können. Sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich Essen wegwerfe, weil woanders eine Milliarde Menschen hungern müssen?</em><br />
<strong>Valentin Thurn:</strong> Durchaus. Denn bereits heute verschärft unser Wegwerfen die Hungerkrise etwa in Somalia, weil dadurch die Preise auf den Getreidebörsen steigen. Langfristig gesehen ist es noch schlimmer, weil die Ressourcen unseres Planeten nicht für die wachsende Weltbevölkerung reichen werden. In 20, 30 Jahren haben wir nur noch begrenzte Ackerflächen zur Verfügung. Dann wird unsere Wegwerfmentalität generell dafür sorgen, dass anderswo auf der Welt weniger konsumiert werden kann.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong><em> Bis zu 40 Prozent der Feldfrüchte werden erst gar nicht geerntet, weil sie nicht der Handelsqualität entsprechen, heißt es in Ihrem gemeinsam mit Stefan Kreutzberger verfassten Buch „Die Essensvernichter“. Ist das allgemein bekannt?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Mir war es jedenfalls nicht bekannt, als wir mit der Recherche anfingen. Nicht mal den Erzeugerverbänden waren die großen Zusammenhänge bewusst. Das ist eigentlich das Tragische. Weder die Regierung noch die handelnden Personen aus der Wirtschaft haben diese Dimensionen erahnt.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Für die Unternehmen ist es offenbar rentabel, Überschuss für die Mülltonne zu produzieren. Hat die Nahrungsmittelindustrie Ihnen das offiziell bestätigt?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Der Handel sagt, es sei bei ihm gar nicht so viel. Im Frischebereich mache es gerade mal fünf Prozent aus. Die Bäcker sind allerdings offener. Manche Betriebe werfen bis zu 20 Prozent der Tagesproduktion in die Tonne. Meistens reden sie aber nicht so gerne darüber. Die Zahlen, die ich wirklich für glaubhaft halte, stammen von Wissenschaftlern aus Österreich, England oder den USA. Leider nicht aus Deutschland, weil es hier keine Studien gibt. Auf jeden Fall ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem, da hängen alle drin. Ich habe händeringend nach einem Positivbeispiel gesucht, das habe ich in Deutschland aber nicht gefunden.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Ist der Wettbewerbsdruck im Lebensmittelhandel das eigentliche Problem?</em><br />
<strong>Thurn: </strong>Der Wettbewerbsdruck trägt natürlich dazu bei. Und der ist in Deutschland größer als andernorts. Der Handel will nicht, dass ein Kunde, der seinen Lieblingsjoghurt abends um 22 Uhr nicht mehr kriegt, zur Konkurrenz geht. Deswegen gibt es in den großen, modernen Innenstadtflächen bis Ladenschluss immer alles. Brot vom Vortag findet man in einem Supermarkt so gut wie gar nicht. Das wird in die Tonne gehauen.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong><em> Können Kunden bzw. Erzeuger gegen das Diktat des Handels etwas tun?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Der Kunde hätte eine Macht. Letztens wollte ich ein Netz von acht Pfirsichen kaufen, einer war angeschimmelt. Ich habe gefragt, ob ich es billiger kriegen könnte. Ging nicht. Aufreißen durfte man auch nicht. Sie wollten die Pfirsiche lieber wegwerfen. Dagegen habe ich beim Geschäftsführer höflich, aber bestimmt protestiert. Ich glaube, wenn das mehr Kunden täten, würde es etwas bringen. Die Händler wollen ja für den Kunden da sein und nicht gegen ihn. Bei denen hat sich die Annahme eingeschlichen, dass wir Verbraucher dem Überfluss zustimmen. Ich glaube aber nicht, dass dem so ist. Die Drachenfrucht zum Beispiel wird in Deutschland so gut wie gar nicht nachgefragt. Sie schmeckt nämlich nicht, sieht aber schön aus, weshalb sie dem Exotik-Regal ein edles Gepräge gibt.<br />
<strong>Kultur Joker</strong><em><strong>:</strong> Inwieweit konnten Sie den großen Nahrungsmittelproduzenten in die Karten gucken?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Wir haben im vergangenen Oktober bereits einen Fernsehfilm zum Thema gemacht. Damals haben wir im Vorfeld alle Ketten kontaktiert. Von ihnen selbst bekam man aber keine konkreten Aussagen, sondern nur über den Verband des Lebensmitteleinzelhandels. Inzwischen sind sie aber soweit, dass der Rewe-Vorstand zur Filmpremiere von „Taste The Waste“ kommt und zum Thema etwas sagen will.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Multinationale Konzerne beziehen sogar Agrar-Fördergelder aus Brüssel, die eigentlich Bauern gegen Preisschwankungen an den Weltmärkten absichern sollen. Haben Sie Politiker darauf angesprochen?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Wir haben Ilse Aigner und andere Politiker interviewt. Das Thema Landwirtschaftssubventionen wird mein nächstes Filmthema. (lacht) Die Politik setzt hier offensichtlich ein Ziel in die eine Richtung, aber die Gelder fließen in der Realität nicht zu den Kleinbauern, sondern zu den Großbetrieben. Es ist noch keine zwei Generationen her, dass wir fast gar nichts weggeworfen haben. Eigentlich müsste es uns noch bewusst sein, wie Mangelversorgung aussieht. Dass sich das Bild komplett gewandelt hat, hat mit den industriellen Erfolgen und Verteilungsprozessen zu tun. Sie sind per se nicht schlecht, aber sie führen auch dazu, dass hier und da was runter fällt, weil Massen verarbeitet werden. Andererseits ist es auch eine Chance, solche Prozesse zu optimieren.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Inwieweit wirkt sich die Massenproduktion von Lebensmitteln aufs Klima aus?</em><br />
<strong>Thurn: </strong>Beim Klimawandel denkt man immer an Industrie und Autos. Die tragen natürlich ihren Teil dazu bei. Wir haben das mal von einem Wiener Klimaforscher hochrechnen lassen: Unser Lebensmittelmüll trägt zur globalen Erwärmung genauso viel bei wie der gesamte Transportsektor inklusive Autos, Schiffe, Flugzeuge. Diese Größenordnung hat man bisher komplett unterschätzt. Ein Verbot von Autos lässt sich politisch nicht durchsetzen, aber eine effizientere Lebensmittelerzeugung und -verteilung schon. Und das kratzt noch nicht mal am Lebensstandard.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Lassen sich die mächtigen Lebensmittelkonzerne überhaupt zu einem Umdenken bewegen?</em><br />
<strong>Thurn: </strong>Ja, wenn man in der Logik des marktwirtschaftlichen Systems bleibt. Vorschriften, die das wirtschaftliche Handeln einengen, sind bei der Politik sehr unpopulär. Soweit muss man auch gar nicht gehen. Es reicht schon, das Wegwerfen so teuer zu machen, dass es sich nicht mehr lohnt. Dann wird sich die Wirtschaft schon andere Lösungen überlegen. Das Entsorgen ist heutzutage offenbar billiger als die Ware zu verschenken. Und: Je mehr Verbraucher sich zu Kooperativen verbinden, die direkte Lieferverträge mit Bauern schließen, desto stärker wird das auch die Supermärkte verändern. Es reicht schon, wenn den Großen zehn Prozent des Marktes entgleitet. Dann werden die sich komplett umkrempeln.<br />
<strong>Kultur Joker:<em> </em></strong><em>Die hohen Lebensmittelpreise sind ein Grund für die Hungerkatastrophe in Ostafrika. Könnten Lebensmittel eigentlich viel günstiger sein?</em><br />
<strong>Thurn: </strong>Tatsächlich ist das so. Eine Hungerkatastrophe entsteht ja nicht aus dem Grund, dass es auf der Welt zu wenig Lebensmittel gibt. Sondern Menschen in der Dritten Welt können sich bestimmte Grundnahrungsmittel wie Brot und Weizen, die oft importiert werden müssen, nicht mehr leisten. Wir haben auf mehreren Wegen Verantwortung für solche Preisschübe, die ja auch in diesem Jahr erfolgt sind. Wenn wir die Hälfte dessen, was angebaut wird, wegschmeißen, dann verdoppeln wir damit unsere Nachfrage. Wir werden das sinnlose Wegwerfen nicht auf null reduzieren können, aber die Welternährungsorganisation geht davon aus, dass wir den Lebensmittelmüll zumindest halbieren können. Für Preisschübe sorgt auch, dass wir ganz viel Getreide zu Biosprit verarbeiten oder an unsere Tiere verfüttern. Aber da steckt wenigstens eine Nutzung dahinter.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Hungersnöte, behauptet der Globalisierungskritiker Michel Chossudovsky, würden durch das globale Angebot von Getreide ausgelöst. Eine Lösung könnte eine Weltgetreidebank sein. Lässt sich solch eine Idee durchsetzen?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> 2008 kam es wegen der hohen Lebensmittelpreise in 30 Ländern zu Unruhen, am Ende wurden einige Regierungen gestürzt. Nicht nur linke Globalisierungskritiker, sondern auch konservative Institutionen, die der UN nahe stehen, machen sich Gedanken über unser marktwirtschaftliches System, bei dem die Preise auf dem Weltmarkt stark schwanken. Eine Weltgetreidebank kann diese Spitzen abfangen. Natürlich ist damit der Hunger noch nicht beseitigt, aber der Tod von Hunderttausenden ist damit unterbunden. Getreidebanken beziehungsweise Lager gab es ja früher schon. Die Weltbank hatte zum Beispiel Malawi untersagt, Getreide für Notzeiten zu lagern, weil der Weltmarkt immer genug vorrätig hätte.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong><em> Gemeinsam mit Umwelt- und Entwicklungsorganisationen haben Sie eine öffentliche Kampagne ins Rollen gebracht. Was ist deren Ziel?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Ich habe festgestellt, mit dem Thema kann man Gruppen zusammenbringen, die sonst eher wenig gemeinsam unternehmen. Wir wollen unterschiedliche Verbände wie Slow Food, Greenpeace, die Tafeln, Oxfam, die Welthungerhilfe und Brot für die Welt nicht nur zusammenbringen, sondern auch dafür sorgen, dass daraus eine neue Bewegung entsteht. Unsere Message ist ganz simpel: Wir bauen bei Veranstaltungen in den deutschen Innenstädten lange Tafeln für 500 bis 1000 Menschen auf. Sie essen gemeinsam Lebensmittel, die eigentlich zur Vernichtung bestimmt wären. Die Botschaft: Mit dem Motto „Quantität statt Qualität“ verspielen wir uns unseren Lebensstandard. Wir haben als Städter einfach verlernt, gut von schlecht zu unterscheiden. Wenn wir uns wieder mit der Qualität unseres Essens beschäftigen, dann werden wir automatisch weniger wegwerfen.<br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Brauchen wir ein Gesetz, das die Lebensmittelverschwendung reguliert?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Es ist ein kompliziertes System, an dem wir alle teilhaben. Eine einzelne Maßnahme würde nichts bewirken. Die Politik müsste zum Beispiel das Mindesthaltbarkeitsdatum anders benennen. Es hat nämlich nichts mit Gesundheitsgefährdung zu tun. Hersteller und Handel sind gar nicht daran interessiert, die Verbraucher darüber aufzuklären, denn dann würden sie weniger verkaufen. Der größte Hebel sind die Normen und Standards. Bisher hat der Handel die EU dazu gebracht, Normen festzusetzen. Die EU hat einzelne wieder gelockert, aber der Handel behält sie einfach bei. Jetzt haben wir eine Aldi-Norm und eine Rewe-Norm. Es wäre schön, wenn der Handel und die Politik sich Wege überlegen würden, wie man Ware, die ein bisschen anders geformt ist, unter die Leute bringt. Das könnte zum Beispiel über Restemärkte geschehen. Dadurch könnten Lebensmittel noch billiger werden. Denn für das Wegwerfen zahlt der Kunde bislang mit.<br />
<strong>Kultur Joker: </strong><em>Wie mächtig sind die Global Player ADM, Cargill, Bunge Ltd. und Louis Dreyfus, die Sie im Buch als Agrarmafia bezeichnen?</em><br />
<strong>Thurn:</strong> Diese vier beherrschen den Getreidemarkt, also alles, was über die Börsen vertickt wird. Bei diesen Prozessen gibt es das unheimliche Element der Spekulation. Geld, das auf den Aktienmärkten herumvagabundiert und nach neuen Anlagemöglichkeiten sucht, hat dafür gesorgt, dass die Preisausschläge an den Getreidebörsen immer schärfer wurden. Das ist für eine Krisensituation ganz fatal und es macht Sinn, solche Schwankungen nicht dem freien Markt zu überlassen. Die Spekulanten sind an die Börsen gegangen, weil sie langfristig eine Knappheitssituation sehen. Der Nahrungsmittelüberschuss wird immer kleiner werden, weil die Schwellenländer mehr und mehr Fleisch essen, die Weltbevölkerung zunimmt und die Agrarflächen abnehmen. Das hat auch dazu geführt, dass die Chinesen Land in Afrika kaufen.<br />
<strong>Kultur Joker: </strong><em>Hat die Politik Interesse, Spekulanten stärker an die Kandare zu nehmen?</em><br />
<strong>Thurn: </strong>Nein, eine Regulierung des Finanzmarktes scheint bei unseren derzeitigen politischen Verhältnissen unmöglich. Ein Verbot des Handels mit Optionsscheinen würde schon einmal die schlimmsten Ausschläge beseitigen. Der Sekundenhandel, bei dem rund um den Globus Waren hin und her geschoben werden, würde sich nicht mehr lohnen, wenn da eine Steuer drauf läge. Eine Regulierung ändert jedoch nichts daran, dass es enger wird mit der Versorgung des Planeten. Darauf müssen wir uns einstellen, indem wir weniger Fleisch essen und einen großen Teil unserer Ernte nicht in den Tank füllen und schon gar nicht in die Tonne werfen.<br />
<strong>Kultur Joker: </strong><em>In England tragen die Supermarktketten inzwischen selbst zur Müllvermeidung bei. Was haben Sie in Amerika in Erfahrung gebracht?</em><br />
<strong>Thurn: </strong>Die Amerikaner sind definitiv große Verschwender. Gleichzeitig haben sie den ersten Lebensmittelmüllforscher hervorgebracht, Timothy Jones. Er hat alle anderen inspiriert. Ihn ereilte jedoch das Schicksal der kritischen Forschung in den USA: Er bekam keine Drittmittel aus der Industrie, sein Institut wurde geschlossen. Der Vordenker steht heute auf der Straße. Aber er hat ein System mitbegründet, das komplett auf den Handel verzichtet. Die Verbraucher gehen direkt mit dem Bauern eine Vertragsbeziehung ein und beziehen dadurch hochwertiges Gemüse zu einem unschlagbaren Preis. Dieses System hat auch in Deutschland erste Nachahmer gefunden.</p>
<p><em>„Taste The Waste“: Filmstart: 8.9.2011, Kinos unter www.tastethewaste.com.<br />
Stefan Kreutzberger/Valentin Thurn:„Die Essensvernich­ter“ (Kiepenheuer &amp; Witsch, 304 S., 16,99 Euro, ISBN: 978-3462043495). </em></p>
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		<title>Schönes muss schön bleiben</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Sep 2011 10:36:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Gespräch: Marc Clémeur, Intendant der Straßburger Opéra national du Rhin Er entdeckt gerne Talente und findet deutsches Regietheater abstoßend. Er mag Koproduktionen und hat ein junges Publikum. Intendant Marc Clémeur ist zufrieden mit seinem Start an der Straßburger Opéra national du Rhin. Zum Beginn der neuen Spielzeit sprach Georg Rudiger mit ihm über deutsche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Gespräch: Marc Clémeur, Intendant der Straßburger Opéra national du Rhin</p>
<p><img class="aligncenter size-medium wp-image-983" title="PHOTO VALIDEE PAR MARC CLEMEUR" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/09/PHOTO-VALIDEE-PAR-MARC-CLEMEUR-225x300.jpg" alt="Foto: Opera National du Rhin" width="225" height="300" /></p>
<p>Er entdeckt gerne Talente und findet deutsches Regietheater abstoßend. Er mag Koproduktionen und hat ein junges Publikum. Intendant Marc Clémeur ist zufrieden mit seinem Start an der Straßburger Opéra national du Rhin. Zum Beginn der neuen Spielzeit sprach Georg Rudiger mit ihm über deutsche Kritiker, französische Opern und über eine anstehende Uraufführung.<span id="more-982"></span></p>
<p><strong>Kultur Joker</strong>: <em>Sie sind nun zwei Jahre Intendant der Opéra national du Rhin. Was haben Sie erreicht in dieser Zeit? Wo steht die Straßburger Oper im Augenblick?</em></p>
<p><strong>Marc Clémeur:</strong> Ich denke, dass wir in vielen Punkten schon weit gekommen sind. Ein wichtiges Ziel von mir war es, verstärkt das deutschsprachige Publikum anzusprechen. Von unseren Spielorten Straßburg, Colmar und Mulhouse ist die deutsche bzw. schweizerische Grenze nur ein paar Kilometer entfernt. Die wichtigste Entscheidung war sicherlich die Einführung von zweisprachigen Übertiteln bei allen Vorstellungen. Als guter Belgier bin ich Zweisprachigkeit ja gewohnt. Ingesamt ist die Zahl der auswärtigen Zuschauer auf 21 Prozent gestiegen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Sind sie zufrieden mit diesem Schnitt? Er lag vor zwei Jahren bei 18 Prozent.<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Ja, zumal wir bei den Abonnementzahlen für die kommende Saison Anzeichen sehen, dass sich diese Tendenz fortsetzen wird. In der Pariser Opéra Bastille, dem größten Opernhaus Europas, liegt die Zahl der auswärtigen Besucher bei nur 10 Prozent. Und eine zweite Zahl, auf die ich ein wenig stolz bin: 28 Prozent unseres Publikums ist unter 26 Jahre alt. Meine deutschen Intendantenkollegen werden immer blass vor Neid, wenn sie das hören. Da haben natürlich auch unsere erfolgreichen Kinderopern großen Anteil daran. Noch eine dritte erfreuliche Entwicklung: Das Presseecho ist stärker geworden. Kürzlich erschienen in zwei wichtigen deutschen, überregionalen Zeitungen halbseitige Kritiken über „Die Sache Makropulos“. Das ist eine internationale Aufmerksamkeit, die die Rhein­oper früher nicht hatte.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Was hat nicht so funktioniert, wie Sie es sich vorgestellt hatten?</em></p>
<p><strong>Clémeur:</strong> Mein Vorhaben, hier auch gerade für das französische Publikum unbekanntere französische Opern anzubieten wie „Louise“ in der ersten Spielzeit oder „Hamlet“ in der vergangenen, stieß bislang nicht auf die Resonanz, die ich mir erhofft hatte. Diese Vorstellungen war zum Beispiel deutlich weniger gut besucht als zum Bespiel die „Götterdämmerung“. Vielleicht hängt das auch ein bisschen mit der germanischen Kultur zusammen, die die Elsässer auch haben.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Das wird sie aber nicht beeinflussen in der Progammkonzeption.</em></p>
<p><strong>Clémeur: </strong>Nein, ich werde weitermachen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Als wir vor zwei Jahren zu Ihrem Amtsantritt miteinander gesprochen haben, war auch der Neubau eines Opernhauses ein wichtiges Thema. Was ist daraus geworden?<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Es gab in der Stadt in den letzten beiden Jahren eine große Diskussion über ein neues Opernhaus. Der neue Stadtrat hatte dafür den Rheinhafen als Standort vorgeschlagen. Dieses Gebiet ist aber eine reine Industriezone, deshalb war ich gegen diese Option. Inzwischen wurde die Idee eines Neubaus aber ganz aufgeben, auch aus finanziellen Gründen. Nun möchten wir das bestehende Haus, das ja auch als historisches Gebäude für das Publikum attraktiv ist, renovieren und auch erweitern. Wir müssten dabei auch den Bühnenturm erhöhen. Im Grunde könnten wir für einen relativ niedrigen Betrag dieses Opernhaus ausbauen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Sie machen verhältnismäßig viele Koproduktionen am Haus. Die „Fledermaus“ in der kommenden Saison beispielsweise ist gemeinsam mit dem Theater Nürnberg entstanden.<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Nächstes Jahr gibt es wirklich einige Koproduktionen – das ist aber ein reiner Zufall. Die „Fledermaus“ hatte ich schon länger im Auge. Da wir kein eigenes Ensemble haben, müssen wir ja viel langfristiger planen als deutsche Opernhäuser. Mein Kollege aus Nürnberg brauchte die „Fledermaus“ aber ein Jahr früher – deshalb hat dort die Premiere bereits stattgefunden. Der ursprüngliche Plan war aber von mir. „Katja Kabanova“ ist eine Übernahme aus Antwerpen. Sie ist Teil meines von Robert Carsen inszenierten Janácek-Zyklus’, in dem nur zwei Produktionen Wiederaufnahmen sind. Die Antwerpener „Jenufa“ wurde hier schon in meiner ersten Spielzeit gezeigt. Die „Katja Kabanova“, die nun kommen wird, ist wirklich eine herausragende Produktion, die auch schon an der Mailänder Scala war und den italienischen Theaterkritikerpreis gewonnen hat. „Das schlaue Füchslein“ in der übernächsten Spielzeit produzieren wir wieder neu. Aber ich weiß, deutsche Kritiker reagieren allergisch auf Koproduktionen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Sehen Sie nicht die Gefahr, dass das Haus an Profil verliert? Wenn Koproduktionen ganz unproblematisch wären, würde sie ja jedes Opernhaus eingehen. Das Festspielhaus Baden-Baden beispielsweise setzt seit neuestem bei der Oper nur noch auf Eigenes.</em></p>
<p><strong>Clémeur:</strong> In diesem Fall geht es um Produktionen von Robert Carsen, den ich, wenn ich das so sagen darf, in Antwerpen unter anderem mit Puccini groß gemacht habe. Ich bin jetzt von Antwerpen nach Straßburg umgezogen – ich nehme das Profil also mit, wenn sie so wollen. Der Grund, warum deutsche Häuser so wenig koproduzieren, liegt im Repertoiresystem. Wir haben eine ganz bestimmte Periode, in der wir eine Produktion brauchen. Danach können wir sie ausleihen an ein anderes Theater. Ein deutsches Haus, das vier Vorstellungen einer Produktion im Januar hat, zwei im Februar, eine im März und eine im Juni, kann so etwas nie machen. Gemeinsam mit „La Monnaie“ in Brüssel produzieren wir in der nächsten Spielzeit „Die Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer in einer Inszenierung von Olivier Py. Ich wollte den Regisseur schon lange mit einer Inszenierung betreuen, dann erzählte er mir von den „Hugenotten“. Das passte auch perfekt in meine Serie mit unbekannten französischen Opern. Und außerdem ist dieses Werk ein so riesiges Spektakel, das selbst ein großes, finanziell gut ausgestattetes Haus wie Brüssel froh ist, mit uns einen Partner an der Seite zu haben. Wir machen die „Hugenotten“ aber mit einem anderen Dirigenten und einer anderen Besetzung – und werden auch die Oper ein wenig kürzen, damit sie nicht wie in Brüssel sechs Stunden dauert.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong><em> Insgesamt haben Sie am Straßburger Opernhaus eine andere Ästhetik als an vielen deutschen Häusern wie beispielsweise dem in Freiburg. Es muss in Straßburg auf der Bühne schön sein. Ist das Ihre Ästhetik? Oder eher ein Zugeständnis an das französische Publikum?<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Es muss nicht schön sein. Haben Sie „Macbeth“ gesehen mit all den Kadavern auf der Bühne? Wenn das Sujet hässlich ist, darf es auch hässlich sein. Ich denke nur, dass man ein schönes Sujet nicht hässlich machen sollte. Das deutsche Regietheater, das aus jedem Stück, wie harmonisch es auch gedacht ist, nur Armut, Sex und Gewalt herausarbeitet, entwirft eine pessimistische Sicht auf die Welt, die ich nicht teile. Wenn ich das sehen möchte, dann kann ich zu Hause in Straßburg den Fernseher anschalten. Ich denke, das Theater müsste ein Ort sein, an dem wir die Probleme unter einem optimistischen Blickwinkel zeigen. Ich finde das deutsche Regietheater nihilistisch. Diese Lebenseinstellung teile ich nicht.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong><em> Denken Sie, dass ein Theater auch aufrütteln muss?<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Selbstverständlich. Aber dann sollte man auch aufrüttelnde Stücke spielen. Und nicht Regiekonzepte über ganz anders gelagerte Werke stülpen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Sie haben einmal gesagt, Sie hätten eine Nase für Talente. Welche Talente haben Sie in den letzten beiden Jahren an der Straßburger Oper am meisten beeindruckt?<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> In „Le Monde“, der wichtigsten französischen Zeitung, hat vor einem Jahr ein Kritiker über unsere „Ariadne auf Naxos“ geschrieben, dass die Zerbinetta mit einer drittklassigen Soubrette besetzt war. Diese „drittklassige Soubrette“ Julia Novikova hat darauf den Wettbewerb von Placido Domingo gewonnen und an seiner Seite in dem neuen „Rigoletto“-Film die Gilda gesungen. Nun ist sie die Königin der Nacht im Ensemble der Wiener Staatsoper. Ich denke, dass ich da beispielweise eine gute Nase gehabt habe. Ich entdecke auch nicht immer Sänger, ich bringe manchmal auch bereits bekannte Sänger zu bestimmten Rollen. Stéphane Degout beispielsweise hatte bisher vor allem Mozartpartien gesungen wie Papageno oder Guglielmo. Ich habe ihm gesagt, dass er nun reif sei für das romantische Repertoire. In der vergangenen Saison hat er bei uns nun ein fulminantes Rollendebüt als Hamlet gegeben. Ich habe ihn also nicht entdeckt, sondern an ein neues Repertoire herangeführt.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Und welches Regietalent hat Sie am meisten beeindruckt?<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Unsere beste Produktion war meiner Meinung nach Rameaus „Platée“, die Mariame Clément inszeniert hat. Deshalb habe ich ihr in der kommenden Saison den „Rosenkavalier“ anvertraut. Und in der Spielzeit 2012/13 wird sie die „Zauberflöte“ bei uns machen. Auch sie habe ich nicht entdeckt, aber ich gebe ihrem großen Talent den nötigen Raum. Niemand ist komplett neu. Als ich Robert Carsen wegen meines Puccini-Zyklus’ angefragt hatte, arbeitete er gerade an einer studentischen Produktion. Natürlich war Carsen auch zu dieser Zeit nicht gänzlich unbekannt. Aber als Intendant kann man Talente auf ein anderes Niveau heben.</p>
<p><strong>Kultur Joker: </strong><em>Die nächste Spielzeit beginnt mit der Uraufführung von „La Nuit de Gutenberg“ von Philippe Manoury.<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Als ich vor vier Jahren zum Intendanten der Straßburger Opéra national du Rhin ernannt wurde, hatte ich bereits die Idee, einen Kompositionsauftrag zu vergeben, der eng mit der Geschichte Straßburgs zu tun haben sollte. So kam ich auf Gutenberg, der in Straßburg den Buchdruck erfunden hat. Von Philippe Manoury hatte ich vor rund zehn Jahren die Oper „K&#8230;“ nach Kafkas „Prozess“ in der Bastille gesehen und war sehr angetan davon. In „La Nuit de Gutenberg“ geht es um die Frage: Wie hat die Schrift die Welt verändert? Das beginnt bei Hieroglyphen in Mesopotamien und endet in der Gegenwart bei der Kommunikation im Internet, wo die Verpackung oftmals viel wichtiger ist als der eigentliche Inhalt. Manoury nennt das den „Fetischismus der Schrift“. Es wird viel elektronische Musik integriert. Und auch Videokunst spielt in der Produktion eine wichtige Rolle. Aber es ist eine große Oper für Chor, Orchester, Solisten etc.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Auf was freuen Sie sich besonders in der kommenden Spielzeit – und warum?<br />
</em><br />
<strong>Clémeur:</strong> Das ist schwierig zu sagen. Die Frage ist so ähnlich wie: Welche Schallplatten würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen? Ich würde gerne drei Titel nennen. „La Nuit de Gutenberg“, weil es eine Uraufführung ist und ich das sehr wichtig finde, „Farnace“, weil wir mit einer besonderen Regisseurin, Lucinda Childs, die eigentlich Choreographin ist, eine Barockoper erarbeiten. Und natürlich freue ich mich ganz besonders auf den „Rosenkavalier“ von Mariame Clément.</p>
<p><em>Philippe Manoury: La Nuit de Gutenberg, Uraufführung. 24. September, 20 Uhr, Opéra national du Rhin, Strasbourg, Saisoneröffnung.</em></p>
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		<title>Rock The Kasbah</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Aug 2011 09:50:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Gespräch: Arian Fariborz, Politik- und Islamwissenschaftler Die arabische Revolution hat einen ganz eigenen Sound. In seinem detailliert recherchierten Buch „Rock The Kasbah“ untersucht der in Hamburg geborene Politik- und Islamwissenschaftler Arian Fariborz Musik als Ventil für sozialen und politischen Protest in der arabisch-islamischen Welt. Olaf Neumann wollte wissen, unter welchen Bedingungen junge Rockmusiker in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Gespräch: Arian Fariborz, Politik- und Islamwissenschaftler</p>
<div id="attachment_954" class="wp-caption aligncenter" style="width: 206px"><img class="size-medium wp-image-954" title="Arian Fariborz" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/08/Arian-Fariborz-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" /><p class="wp-caption-text">Arian Fariborz</p></div>
<p>Die arabische Revolution hat einen ganz eigenen Sound. In seinem detailliert recherchierten Buch „Rock The Kasbah“ untersucht der in Hamburg geborene Politik- und Islamwissenschaftler Arian Fariborz Musik als Ventil für sozialen und politischen Protest in der arabisch-islamischen Welt. Olaf Neumann wollte wissen, unter welchen Bedingungen junge Rockmusiker in der islamischen Republik Iran arbeiten. Kann Rap zur Versöhnung zwischen der neuen Generation der Israelis und der Palästinenser beitragen?<br />
<span id="more-953"></span></p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Nationale Pop-Musik ist in Nordafrika und im Mittleren Osten Ausdrucksmittel politischen Protests oder gesellschaftlicher Verweigerung. Welche Rolle spielen Musiker bzw. Künstler bei der arabischen Revolution in Ägypten, Tunesien, Libyen, Syrien oder Iran?</em></p>
<p><strong>Arian Fariborz:</strong> Sie haben in einigen Ländern eine beachtliche Rolle gespielt. Das macht das Beispiel der sogenannten „Jasmin-Revolution“ in Tunesien, die den Diktator Ben Ali hinweggefegt hat, nur allzu deutlich. Der Song „Rayes le-Bled“ des Rappers El Général (alias Hamada Ben Amor) avancierte in der „heißen Phase“ des Volksaufstands zu einer Revolutionshymne, die die junge Facebook-Generation begeistert aufnahm und in Umlauf brachte. Bands haben die Proteste dort musikalisch begleitet und sich solidarisch mit der Reformbewegung gezeigt. Diese Protestwelle beschreibe ich in meinem Buch.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>In Ägypten und Marokko ist Heavy Metal sehr populär, in Palästina und Algerien wird eher gerappt. Woher kommen die unterschiedlichen Vorlieben?<br />
</em><br />
<strong>Fariborz:</strong> Tatsächlich lässt sich das nicht ohne weiteres eingrenzen oder pauschalisieren. Auch in Marokko existiert eine vitale Metal- und Rockszene. Sie präsentiert sich alljährlich auf dem Boulevard de Jeunesse-Festival in Casablanca. Das Beispiel der Metal­szene in Ägypten unterstreicht lediglich, wie eine Subkultur, die sich bis Mitte der 1990er Jahre zu einer beachtlichen Jugendmusikbewegung etablieren konnte, dem Staat und den religiösen Autoritäten zunehmend ein Dorn im Auge wurde. In der Folge wurde sie zerschlagen. Dieses Phänomen scheint mir bezeichnend für viele autoritär regierte Staaten im Nahen Osten und im Iran – allesamt Regime, die eine restriktive Kulturpolitik verfolgen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Auch in der islamischen Republik Iran existiert eine lebendige Musikszene. Die populärste Rockband hieß O-Hum, sie wurde 2005 verboten. Inwieweit sind Rock- und Pop-Gruppen unter Präsident Ahmadinedschad offiziell noch erlaubt?</em></p>
<p><strong>Fariborz:</strong> Ihre kulturelle Freiheit verläuft in sehr engen Bahnen, sofern sie sich nicht den Auflagen des Ministeriums für Kultur und islamische Führung („Ershad“) entsprechen. Mit anderen Worten: Sie landen in der Illegalität, spielen im Untergrund und versuchen über das Internet ihre Musik bekannt zu machen. Das Internet stellt vor allem in den autoritär regierten Staaten das primäre Medium zur Verbreitung offiziell verbotener oder zensierter Musikproduktionen dar. Im Iran haben Undergroundrock-Musiker, die im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund spielen müssen, da ihre Klänge bei den religiösen Obrigkeiten zu sehr anecken, keine andere Wahl, als auf das Internet zurückzugreifen. Allerdings fristen sie allzu oft ein Schattendasein. Sofern ihre Musik verboten ist, dürfen sie nicht öffentlich auftreten oder ihre Produktionen auf Tonträgern verbreiten. Sich als professioneller Musiker durch das Labyrinth an Restriktionen zu winden, gleicht da schon einem Spießrutenlauf.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Wo verlaufen die Grenzen zwischen erlaubten und verbotenen Tönen?<br />
</em><br />
<strong>Fariborz:</strong> Man muss hierzu wissen, dass in der Islamischen Republik sämtliche Musikproduktionen dem Ministerium für Kultur und islamische Führung („Ershad“) vorgelegt werden müssen, bevor ihnen der „Segen“ zur Veröffentlichung erteilt wird. So etwas gibt es wohl in keinem anderen Land der Welt. Wer gegen die Auflagen des Kulturministeriums verstößt, wird mit Auftrittsverboten belegt oder darf keine Tonträger mehr herausgeben. Falls sie sich daran nicht halten sollten, drohen ihnen Strafen und unangenehme Befragungen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Worüber singen die iranischen Bands heute?</em><br />
<strong><br />
Fariborz:</strong> Viele musikbegeisterte junge Iraner schwören derzeit auf iranische Rock- und Bluesbands wie Ohum und Abjeez, aber auch den Singer/Songwriter Mohsen Namjoo. Sie treffen den Nerv der Jugend, indem sie die gesellschaftliche Tristesse in der islamischen Republik, die fehlenden persönlichen Freiheiten, das oktroyierte religiöse Regelwerk aus Ge- und Verboten mit ihren Songs in Frage stellen. Auf diese Weise sprechen sie der jüngeren Generation – und zwar nicht nur der gehobenen Mittelklasse – aus dem Herzen.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Haben die jungen Musiker Möglichkeiten, sich der Kontrolle durch Mullahs und Tugendwächter zu entziehen, die Popmusik als „westlich-dekadentes Teufelszeug“ brandmarken?</em></p>
<p><strong>Fariborz:</strong> Den Bands gelingt es, dank ihrer sehr kreativen, originellen und metaphernreichen Spielweise und Texte, der Jugend Hoffnung zu geben. Sie brechen das erstarrte Gesellschaftsgebäude um sie herum auf, wobei plumper politisch angehauchter Agit-Prop völlig fehl am Platz ist.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Ortswechsel: Die bekannteste palästinensische Hip-Hop-Gruppe ist DAM. Das bedeutet auf Hebräisch „unbesiegbar“, auf Arabisch „Blut“. Welchen Einfluss haben solche Bands auf die Jugend?</em></p>
<p><strong>Fariborz:</strong> Einen großen, zumal die palästinensische Jugend eher über Musik zu erreichen ist, als über die immer gleichen schnöden Parolen und Versprechen der politischen Führer, derer sie seit langem überdrüssig sind. Ihre Musik ist Ausdruck von Verweigerung und sozialem sowie politischem Protest. Damit zielen sie bewusst gegen die Herrschenden in ihrem Land &#8211; sowohl gegen die Hamas als auch gegen die Fatah. Man darf nicht vergessen, dass in jüngster Vergangenheit Hip-Hop-Musiker von der Hamas verfolgt wurden, da ihnen ihre Musik ohnehin als westlich-dekadent und zu rebellisch gilt. Und auch die Fatah dürfte es nicht als besonders schmeichelhaft auffassen, wenn palästinensische Rapper in ihren Songs die grassierende Korruption der politischen Eliten im Westjordanland anprangern.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong><em> Kann Musik zur Versöhnung zwischen der neuen Generation der Israelis und der Palästinenser beitragen?</em><br />
<strong><br />
Fariborz:</strong> In jedem Fall. Es gab bereits in der Vergangenheit engagierte Musikkooperationen und Projekte zwischen israelischen und arabischen Musikern. Bandformationen, die ihre Hoffnung in eine Wiederaufnahme der festgefahrenen Nahostfriedensgespräche und einen neuen gesellschaftlichen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern Ausdruck gegeben haben. Auch wenn heute der Frieden in weite Ferne gerückt zu sein scheint, glaube ich, dass die jüngere Generation in dieser Region an diesem Ziel festhalten wird. Dass irgendwann die Mauern in den Herzen fallen werden und die offensichtlich gescheiterte Politik der älteren Generation, der greisen Funktionäre und Apparatschiks, ein Ende haben wird. Die Zukunft gehört der Jugend.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>In den 90er wurden in Algerien populäre Rai-Sänger wie Cheb Hasni von Islamisten ermordet. Die Thrash-Metal-Band Acrassicauda aus Bagdad bekam Morddrohungen und musste den Irak 2006 verlassen, nachdem in ihrem Proberaum eine Bombe explodierte. Sind die Islamisten für die Bands inzwischen gefährlicher als der repressive Staat?</em></p>
<p><strong>Fariborz:</strong> Die Islamisten stellen tatsächlich für viele junge Kulturschaffende eine große Gefahr dar – schon allein deshalb, weil sie versuchen, ihre orthodoxen Glaubensvorstellungen der Jugend aufzuzwingen. Ihre Toleranz verläuft in sehr engen Bahnen. Das gilt übrigens für den gesamten islamisch geprägten Raum. Militante Islamisten schrecken vor physischen Attacken oder Mord nicht zurück. Sie brandmarken künstlerische Produktionen als westlich-dekadent oder ketzerisch. Erschreckende Beispiele für diese Intoleranz und Verfolgung von unabhängigen Kulturschaffenden findet man von Jakarta bis Rabat.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Im syrischen Exil spielte Acrassicauda 2006 ein Konzert und nahm dort auch eine Demo-CD auf. War al-Assad vor der syrischen Revolution liberaler als andere arabische Despoten, was Kunst und Kultur betrifft?</em></p>
<p><strong>Fariborz:</strong> Das glaube ich nicht. Vielleicht hat einer der vielen syrischen Geheimdienste geschlafen und den infernalischen Lärm nicht mitbekommen? Nein, ich glaube, dass sofort der Stecker gezogen worden wäre, wenn die Band irgendetwas gegen das Baath-Regime gesagt hätte. Von einem liberalen Kulturklima in Syrien kann nicht die Rede sein. Alles wird dort vom Staat kontrolliert.</p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Welchen Stellenwert haben Rock- und Pop-Sänger in der arabisch-islamischen Welt? Gibt es dort eine ähnliche Star-Anbetung wie bei uns?<br />
</em><br />
<strong>Fariborz:</strong> Bei den Musikern, die ich in meinem Buch vorstelle, handelt es sich um keine Stars der Mainstream Rock- und Popszene, die über kommerzielle Sender wie Rotana-TV in der arabischen Welt allgegenwärtig sind. Ich stelle Bands und Musiker vor, die in der Öffentlichkeit eher ein Schattendasein führen, da sie mit ihren Klängen zu sehr anecken. Populär sind sie aber gewiss innerhalb bestimmter alternativer Musikkreise: Die Rede ist hier von den iranischen Rockbands Ohum oder Abjeez, aber auch von Hip-Hop-Gruppen wie der palästinensischen Rap-Crew DAM, der algerischen Band „Le Micro brise le silence“ (MBS) und den ägyptischen Rappern von „Arabian Knightz“. Fakt ist, dass all diesen sehr überzeugenden, originellen Bands schon allein aufgrund fehlender Spielräume und Restriktionen in ihren Heimatländern bislang kaum Chancen hatten, auch im internationalen Maßstab wahrgenommen zu werden.</p>
<p>Arian Fariborz – Rock The Kasbah. Popmusik und Moderne im Orient (Palmyra Verlag, Broschur, 182 S., Euro 17,90).</p>
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		<title>Botschaft statt Business</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jul 2011 12:04:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Es hat Komponisten wiederentdeckt, die im Nationalsozialismus verfemt waren. Es sucht den Kontakt zur außereuropäischen Musik. Es möchte aufrütteln und emotional bewegen, möchte Stachel sein und auf keinen Fall langweilen. Das Freiburger Ensemble Aventure feiert seinen 25. Geburtstag. Wolfgang Rüdiger war als Fagottist und Mitbegründer des Ensembles von Anfang an dabei. Georg Rudiger spracht mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_910" class="wp-caption aligncenter" style="width: 250px"><img src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/07/IMG_20100515_105710-240x300.jpg" alt="" title="IMG_20100515_105710" width="240" height="300" class="size-medium wp-image-910" /><p class="wp-caption-text">Wolfgang Rüdiger, Künstlerischer Leiter des Freiburger Ensemble Aventure</p></div>
<p>Es hat Komponisten wiederentdeckt, die im Nationalsozialismus verfemt waren. Es sucht den Kontakt zur außereuropäischen Musik. Es möchte aufrütteln und emotional bewegen, möchte Stachel sein und auf keinen Fall langweilen. Das Freiburger Ensemble Aventure feiert seinen 25. Geburtstag. Wolfgang Rüdiger war als Fagottist und Mitbegründer des Ensembles von Anfang an dabei. Georg Rudiger spracht mit dem künstlerischen Leiter, der in Düsseldorf auch eine Professur für Musikpädagogik inne hat, über Geschenke und Gefühle, über das Ende einer Epoche, über die Kunst der Vermittlung – und nicht zuletzt darüber, wie man es 25 Jahre lang miteinander aushält.<br />
<span id="more-909"></span><br />
<strong>Kultur Joker:</strong> <em>Die Basel Sinfonietta hat gerade zum 30. Geburtstag von ihrem Publikum eine Kaffeemaschine und einige Notenständer geschenkt bekommen, für das 25-jährige Jubiläum des Freiburger ensemble recherche im letzten Jahr haben viele Komponisten Liebeslieder geschrieben. Was wurde dem Ensemble Aventure zum 25. Geburtstag geschenkt? </em><br />
<strong><br />
Wolfgang Rüdiger: </strong>Wir bekommen stets geschenkt, dass viele Menschen zu unseren Konzerten kommen und uns mit ihrer emotionalen Resonanz bereichern. Das letzte Konzert zum Beispiel, bei denen wir unter dem Motto „Anti-Luxus“ Werke vorstellten, in denen es um das Überleben geht, war von einer solchen emotionalen Wucht, dass viele Zuhörer mit Tränen in den Augen nach Hause gegangen sind und gefragt haben: „Geht das jetzt so weiter?“. Und ich habe ihnen versprochen: „Ja, bestimmt für die nächsten 25 Jahre.“ (lacht). </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>War das alles an Geschenken? </em><br />
<strong><br />
Rüdiger:</strong> Nein, natürlich nicht. Es gibt zwei wesentliche Geschenke, die uns in dieser Spielzeit überreicht wurden. Zum einen ein toller Preis der Ernst von Siemens Musikstiftung für unser Projekt „Doppelte Identitäten – Grenzgänger der Disziplinen“. Wir werden unter diesem Motto vier Kompositionsaufträge verteilen und das Ergebnis dann in der Saison 2012/13 in einem ganz neuen Konzertformat vorstellen. Und das zweite ist eine vom Goetheinstitut unterstützte Lateinamerikareise, die uns im August erneut für zwei Wochen nach Uruguay und Argentinien zu vier Konzerten und Workshops führen wird. Außerdem bekommen wir gerade verstärkt Einladungen von wichtigen Veranstaltern und bedeutenden Festivals – das freut uns natürlich auch.<br />
<strong><br />
Kultur Joker:</strong> <em>Wir haben bereits vor fünf Jahren zum 20-jährigen Jubiläum ein Titelinterview für den Kultur Joker geführt. Was hat sich seither beim Ensemble Aventure verändert? </em></p>
<p><strong>Rüdiger:</strong> Es ist mehr geworden. Wir machen noch mehr Gastspielreisen ins Ausland. Wir haben neue, junge Leute eingebunden, die mit neuen Ideen die Zukunft des Ensembles garantieren. </p>
<p><strong>Kultur Joker: </strong><em>Zum Beispiel?</em></p>
<p><strong>Rüdiger:</strong> Akiko Okabe, unsere Pianistin mit vielen Kontakten zu japanischen Künstlern, hat zum Beispiel das Zukunftsprojekt angeregt, jüngere Komponistinnen und Komponisten weltweit systematisch zu entdecken und zu fördern. Diese Talentsuche war zwar immer schon wichtiger Teil unseres künstlerischen Selbstverständnisses, aber das wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Gewandelt hat sich auch sicherlich die Einstellung zu dem, was man so locker und flockig „Neue Musik“ nennt, die meiner Meinung an ihre Grenze, in ihre Abenddämmerung gekommen ist. Neue Musik, die seit rund 100 Jahren unter dieser Bezeichnung gefasst wird, ist nach meinem Dafürhalten als Epoche abgeschlossen. Wir befinden uns in einer restaurativen Übergangszeit, in der ein Innehalten festzustellen ist. Es gilt deshalb mehr denn je, eine neue Positionsbestimmung vorzunehmen. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Wie könnte die aussehen? </em></p>
<p><strong>Rüdiger:</strong> Wir möchten gute Werke des 20. Jahrhunderts häufig spielen, neue Verbindungen zwischen den Künsten schaffen und das, was im Laufe der Jahre am Wegrand liegen geblieben ist, gezielt ins Bewusstsein holen. Denken wir hier zum Beispiel an Claude Vivier, den großen kanadischen Komponisten. Oder auch an den Russen polnischer Abstammung Mieczyslaw Weinberg, dessen erschütternde Auschwitz-Oper „Die Passagierin“ im letzten Jahr bei den Bregenzer Festspielen mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Seine beeindruckende Kantate „Drei Palmen“ op. 120 haben wir gerade beim „Antiluxus“-Konzert aufgeführt. Anton Webern, um in die klassische Moderne zu verweisen, wird so gut wie nie gespielt. Da gibt es viel zu tun. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Woran machen Sie die These von der restaurativen Übergangszeit überhaupt fest? </em></p>
<p><strong>Rüdiger:</strong> Ich mache das fest an Komponistinnen und Komponisten, die zurzeit hoch im Kurs stehen und viel gespielt werden – große Könner und erstklassiger Musiker ohne Zweifel, die alle Stile handwerklich in sich vereinen, ohne jedoch die Emphase des Neuen, die das 20. Jahrhundert prägte, in sich zu tragen. Auch die Programme, die allerorten gespielt werden, tragen einen eher dokumentarischen Charakter – es fehlt das pionierhafte Agieren, das beispielsweise die 1980er Jahre kennzeichnete, oder der Skandal früherer Zeiten. Ich beobachte auch die Entgrenzung und neue Verbindung der Künste – hier sehe ich durchaus auch eine Chance für Neues. Phänomene, die man mit dem Begriff „Klangskulptur“ oder „Musik als Plastik“ bezeichnen kann. Die echten Neuerer wie John Cage, Morton Feldman, Iannis Xenakis oder Karlheinz Stockhausen sind gestorben. Und haben keine Nachfolger gefunden. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Die Gründung des Ensemble Aventure im Jahr 1986 erfolgte im Umfeld der Freiburger Musikhochschule, aber in bewusster Abgrenzung zum dortigen Institut für Neue Musik. </em></p>
<p><strong>Rüdiger:</strong> Wir fanden als junge Wilde die damalige Arbeitsweise und Programmatik nicht so spannend und wollten etwas Eigenes machen. Wir haben versucht, stimmige Konzeptionen zu erfinden, in denen wir Werke der klassischen Moderne von Arnold Schönberg und Edgard Varèse mit ganz neuen Stücken zusammenbrachten. Oder auch den Blick gerichtet auf Musik aus anderen Kulturen – um  sie mit europäischen Kompositionen zu verbinden, was diese wiederum ganz anders beleuchtete, Wir wollten uns auch abgrenzen von dominanten Lehrerpersönlichkeiten wie Klaus Huber, der damals Institutsleiter war. Zudem war das auch der Zeitgeist der damaligen Ensemblebewegung. Man wollte einfach etwas Eigenes, Autonomes, qualitativ Neues machen. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Im Gegensatz zum ensemble recherche, das ja ein Jahr früher gegründet wurde, ist die Struktur beim Ensemble Aventure wesentlich offener. Die Musiker können nicht alleine vom Ensemble leben. War das von vornherein so geplant? Und ist das ein Vorteil oder ein Nachteil? </em><br />
<strong><br />
Rüdiger: </strong>Ja, das war so geplant. Wir wollten nie allein von der Neuen Musik leben – das verengt die Perspektive. Botschaft statt Business, das war immer unser Motto. Die Erfahrungen der Mitglieder auf anderen, verwandten Gebieten helfen unserer Ensemblearbeit. Und umgekehrt tragen wir aus dem Nukleus des Ensemble Aventure Botschaften nach außen, in die Gesellschaft. Wir sind freier in der Programmwahl und können auch Werke von Komponistinnen und Komponisten spielen, die noch unbekannt und nicht so gefragt sind. Wir haben es zum Beispiel einmal abgelehnt, ein Festival mit Werken von Wolfgang Rihm zu bestreiten. Das verbaute uns natürlich auch einige Wege. Inzwischen sind wir ästhetisch viel offener geworden, vieles von Rihm beispielsweise gefällt mir heute. Die Zeit der Ideologien ist ja auch vorbei.<br />
<strong><br />
Kultur Joker:</strong> <em>Von der ursprünglichen Besetzung des Ensemble Aventure sind heute immer noch sieben Musikerinnen und Musiker dabei. Was ist das Geheimnis für solch eine lange Künstlerehe?<br />
</em><br />
<strong>Rüdiger:</strong> Künstlerische Qualität, gepaart mit Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Dieser Ensemblegeist, diese Kritikfähigkeit ist entscheidend. Wir haben in gewisser Weise auch davon profitiert, dass wir kein professionelles Management haben und sich so jeder einzelne nach seinen Fähigkeiten einbringen muss, auch wenn das manchmal an die Grenzen der Belastbarkeit geht. </p>
<p><strong>Kultur Joker: </strong>S<em>eit einigen Jahren wird im Musikleben Vermittlung groß geschrieben. Jedes Orchester hat seinen Konzertpädagogen, jedes Ensemble sein Schulprojekt. Das Ensemble Aventure macht bereits seit den 1990er-Jahren Vermittlungsprojekte. Was ist das Erfolgsrezept für gelungene Vermittlung? </em><br />
<strong><br />
Rüdiger:</strong> Ein gutes Konzertprogramm und gute Interpretationen. Das vermittelt sich von selbst. Gute Vermittlung muss aus dem Wesen der Musik gedacht werden. Das ist kein lineares Geschehen, keine Vermittlung von etwas, sondern eine Vermittlung zwischen etwas, was ursprünglich zusammen gehört: Musik in ihrer geistgeprägten Sinnlichkeit und die körperlich-geistige Natur des Menschen. Schüler müssen nur aktiviert werden, sich musikalisch zu entfalten, mit allem, was ihnen einfällt. Der Mensch singt, seufzt und schreit, lange bevor er spricht. Von Geburt an gehören Musik, Hören, Rhythmus, Bewegung zum Menschen substantiell dazu. Das müssen wir nur entfalten. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Das von der Bundeskulturstiftung geförderte Freiburger Mehrklang-Festival geht in diesem Jahr zu Ende. Ziel des sogenannten Netzwerks Neue Musik war es unter anderem, dass ganz neue Publikumsschichten mit zeitgenössischer Musik in Berührung gekommen. Wurde in Freiburg das Ziel erreicht?</em><br />
<strong><br />
Rüdiger:</strong> Partiell haben wir das schon erreicht. Das ist natürlich ein langfristiger Prozess, der viel Geduld erfordert.<br />
<strong><br />
Kultur Joker</strong>: <em>Bei der Pressekonferenz vor vier Jahren anlässlich der Gründung des Freiburger Mehrklang-Festivals wurde es als „Wunder von Freiburg“ bezeichnet,  dass sich die vielen in Konkurrenz stehenden Neue-Musik-Ensembles in Freiburg nun  an einen Tisch setzen. Ich hatte in den letzten Jahren eher den Eindruck, dass jeder weiterhin sein eigenes Süppchen kocht – und am Ende der Stempel „Freiburger Mehrklang“ aufgedrückt wird. </em><br />
<strong><br />
Rüdiger:</strong> Wir sind jedenfalls ins Gespräch gekommen. Und die Kommunikation zwischen den Beteiligten hat sich erheblich verbessert. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich unter einem Dach ganz verschiedene, durchaus individuelle Projekte versammeln können. Und die „Gesellschaft für Neue Musik. Mehrklang Freiburg“ wird ja auch nach 2011 Bestand haben und, unterstützt vom Kulturamt der Stadt Freiburg, hier im Dreiländereck eine Zusammenarbeit über die Grenzen anstreben.<br />
<strong><br />
Kultur Joker:</strong><em> Diese Individualität der Ensembles konnte dazu führen, dass man gerade das Gegenteil von dem machte, was konzeptionell beschlossen war. Zum Thema „Luxus“ veranstalteten Sie mit dem Ensemble Aventure ja das bereits erwähnte „Anti-Luxus“-Konzert. </em><br />
<strong><br />
Rüdiger:</strong> Ich konnte mit dem Begriff „Luxus“ in Bezug auf Neue Musik nichts anfangen. Neue Musik ist für mich nicht nur schöner Schein, sondern Lebensnotwendigkeit, nicht l’art pour l’art, sondern etwas Existentielles. Gerade Konzerte mit sogenannter Neuer Musik sollten Erlebnis- und Erfahrungsräume schaffen, die Menschen im Innersten ihrer Existenz berühren, bewegen, ergreifen. Deshalb haben wir unser Konzertprogramm ganz bewusst in Abgrenzung zu diesem Motto zusammengestellt. Und das ist voll aufgegangen. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums gibt das Ensemble Aventure am 8. und 9. Juli 2011 insgesamt drei Konzerte in der Elisabeth-Schneider-Stiftung. Was gibt es da zu hören? </em></p>
<p><strong>Rüdiger</strong>: Ingesamt möchten wir bei diesen Konzerten Werke und Komponisten zeigen, die für uns besonders wichtig waren und sind. Im „Unter Strom“ genannten ersten Konzert am 8. Juli haben wir intensive, spannungsgeladene Kompositionen versammelt wie „LIVE“ von Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring. Die 18 Songs sind nach Gedichten entstanden, die Anne Sexton vor ihrem Selbstmord geschrieben hat. Wir haben eine Uraufführung des jungen polnischen Komponisten Jakub Sarwas dabei. Terry Riley und John Cage sind natürlich Klassiker der Neuen Musik. Und Mathias Spahlingers „Vier Stücke“ haben wir bereits 1987, also ein Jahr nach unserer Gründung, gespielt. Es ist eine Reminiszenz an unsere frühen Jahre und zugleich ein großartiges Stück neuer Musik. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Von „Surprise“ am 9. Juli um 18 Uhr soll man sich dann laut Konzertankündigung überraschen lassen. </em><br />
<strong><br />
Rüdiger:</strong> Nicht nur die Zuhörer, sondern auch wir werden überrascht sein. Jeder von uns wird Solostücke oder kleinere Ensemblestücke spielen – und keiner weiß etwas von den Plänen des anderen. Wir werden das gesamte Areal der Elisabeth-Schneider-Stiftung bespielen, also auch den Garten und die Ausstellungsräume. Der Staffelstab wird von Musiker zu Musiker weitergegeben – und die Zuhörer wandern dorthin, wo die Musik klingen wird. Beim abendlichen Festkonzert spielen wir dann mit Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücken op. 16 von 1909 einen Klassiker der Gründungszeit Neuer Musik. Und haben neben Aventure-Werken der jüngeren Komponisten Michael Reudenbach und Thomas Bruttger mit Iannis Xenakis noch eine weitere Neue-Musik-Koryphäe dabei. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong> <em>Von mir gibt es zum 25-jährigen Jubiläum auch noch ein Geschenk. Und zwar die Frage: Warum ist Neue Musik notwendig? </em></p>
<p><strong>Rüdiger:</strong> Weil sie Ausdruck unserer Welt ist und zugleich über das Bestehende hinausweist, eine Schönheit und Utopie eigener Art. Und weil sie jeder Mensch in sich trägt. Indem er ihr lauscht, weckt er sein Hören, Fühlen, Denken, verändert sich mit ihr und entdeckt sich neu. Und: Weil sie das Leben bewusst macht und erhellt. </p>
<p><strong>Kultur Joker:</strong><em> Vielen Dank für das Gespräch – und auf weitere 25 Jahre!</em></p>
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		<title>Aus dem Leben des 179212</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Jun 2011 12:00:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 30. April 2011 war es genau 25 Jahre her, dass Jens Söring ins Gefängnis kam. Ein Geschworenengericht im US-Bundesstaat Virginia verurteilte den deutschen Diplomatensohn für den extrem grausamen Doppelmord an dem Manager Derek Haysom und dessen Frau Nancy zu zweimal lebenslanger Haft. Seine Unterstützer sprechen von einem Justizirrtum. Der Fall ist so spektakulär, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_845" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-845" title="K800_interview 1" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/06/K800_interview-1-300x293.jpg" alt="" width="300" height="293" /><p class="wp-caption-text">Im Gespräch: Jens Söring, seit 25 Jahren in den USA im Gefängnis</p></div>
<p><strong>Am 30. April 2011 war es genau 25 Jahre her, dass Jens Söring ins Gefängnis kam. Ein Geschworenengericht im US-Bundesstaat Virginia verurteilte den deutschen Diplomatensohn für den extrem grausamen Doppelmord an dem Manager Derek Haysom und dessen Frau Nancy zu zweimal lebenslanger Haft. Seine Unterstützer sprechen von einem Justizirrtum. Der Fall ist so spektakulär, dass ein US-Gericht erstmals vor laufenden Fernsehkameras tagt. Heute ist Söring Häftling 179212 im Buckingham Correctional Center im US-Bundesstaat Virginia.</strong></p>
<p><strong>Geboren 1966 in Bangkok, Thailand als Sohn eines höheren deutschen Diplomaten, erhält er mit 18 ein Hochbegabtenstipendium an der University of Virginia, einer der renommiertesten in den USA. Dort verliebt sich der unerfahrene Strebertyp in seine Kommilitonin Elizabeth Haysom. Die 20-Jährige ist exzentrisch, äußerst attraktiv und den Drogen zugetan. Als Elizabeths Eltern am 30. März 1985 in Lynchburg, Virginia, ermordet werden, fällt der Verdacht auf die angeblich von den Eltern missbrauchte Tochter und deren deutschen Freund. Das ungleiche Paar flüchtet nach England, später nach Asien und wird im Juni 1986 in London geschnappt. Söring will Elizabeth durch ein Geständnis vor dem elektrischen Stuhl retten &#8211; im festen Glauben, er würde als Diplomatensohn in die Heimat ausgeliefert werden, wo ihm nur die Jugendstrafe droht. Ein fataler Irrtum. Bald darauf widerruft Söring und klagt bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Seiner Auslieferung wird unter der Voraussetzung stattgegeben, dass ihn in den USA nicht die Todesstrafe erwartet. In Virginia wird Jens Söring zu zweimal lebenslänglich verurteilt, Elizabeth Haysom zu 90 Jahren. Der Richter ist ein alter Freund der Opfer. Heute mehren sich die Anzeichen, dass Jens Söring möglicherweise nicht der Täter ist. Ein DNA-Test und ein neuer Entlastungszeuge haben den komplexen Fall wieder ins Gespräch gebracht. Das Szenario erinnert an einen Krimi, bei dem der Drehbuchautor an manchen Stellen ein bisschen dick aufgetragen hat.</strong></p>
<p><strong>Die Bundesregierung setzt sich jetzt für den Deutschen ein und will ihm die Rückkehr nach Deutschland ermöglichen. Ihr Menschenrechtsbeauftragter Markus Löning (FDP) stattete ihm im Februar erstmals einen Besuch im Gefängnis in Virginia ab.</strong></p>
<p><strong>Olaf Neumann hatte Gelegenheit, mit Jens Söring zu sprechen.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Herr Söring, im März sagte erstmals ein Entlastungszeuge unter Eid aus, der die Argumentation Ihrer Verteidiger untermauert. Wie geht es Ihnen momentan?</em></p>
<p><strong>Söring: </strong>Einigermaßen gut. Nach 25 Jahren im Gefängnis ist das immer so eine Sache. Ich mache mir aber Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch nach Deutschland zurückkommen kann. In meinem Fall hat sich vor kurzem eine ganze Menge entwickelt. Ein Mitgefangener namens Thomas Hainsworth, der wegen vierfacher Vergewaltigung verurteilt wurde, ist gerade nach einem neuen DNA-Test durch das Post-Conviction DNA Testing Program auf Bewährung entlassen worden. Das ist genau das, worum ich auch bitte. Es gibt jetzt also einen Präzedenzfall. Und ich habe neben den DNA-Tests sogar noch einen neuen Zeugen. Das gibt mir Hoffnung. Der Vorteil der Entlassung auf Bewährung ist, dass der Bundesstaat Virginia nicht zugeben müsste, dass es sich um einen Justizirrtum handelt.</p>
<p><span id="more-844"></span></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie behaupten, Sie hätten die Morde auf sich genommen, um Ihre damalige Freundin Elizabeth Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Diese wiederum beschuldigt Sie bis heute, von Ihnen zum Mord angestiftet worden zu sein.</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Elizabeth war zur Tatzeit 20 Jahre alt, drogenabhängig und geisteskrank. Drei Psychiater haben bei ihr eine schwere Persönlichkeitsstörung und pathologisches Lügen festgestellt. Es besteht kein Zweifel, dass ihre Mutter sie sexuell missbraucht und davon Fotos gemacht hat. Diese Fotos waren dem Gericht bekannt, und ein Gutachter hat ganz klar eine sexuelle Beziehung zwischen Elizabeth und ihrer Mutter festgestellt. All das würde Elizabeth nach deutschem Rechtsverständnis entlasten. In Deutschland hätte sie vielleicht acht bis zehn Jahre bekommen. Und vor allem wäre sie psychiatrisch behandelt worden. Stattdessen sitzt sie jetzt seit 25 Jahren im Knast und vegetiert vor sich hin. Ich sage das nicht, weil ich sie verteidigen will. Diese Frau hat mir schrecklich geschadet, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Aber wenn man auch nur ein bisschen Mitgefühl hat, muss man verstehen, dass auch ihr hier Unrecht angetan wurde. Aber das ist nichts Ungewöhnliches, das ganze Justizsystem der Vereinigten Staaten ist menschenverachtend.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Der Jury, die Sie verurteilte, wurde niemals ein nachvollziehbares Motiv für den Elternmord an den Haysoms genannt. Welche Indizien führten zu Ihrer Verurteilung?</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Am Anfang der Verhandlung hielten mich sechs Geschworene für unschuldig und sechs für schuldig. Letztlich war es ein blutverschmierter Fußabdruck, der sie davon überzeugte, dass ich der angebliche Täter sei. Der Gutachter für Fußabdrücke war alles andere als ein Experte, seine Falschaussage führte dann zu meiner Verurteilung. Mein Verteidiger, dem später wegen Geisteskrankheit die Lizenz entzogen wurde, hatte es verbockt, ein Gegengutachten erstellen zu lassen. Nach virginianischem Gesetz kann man ab dem 21. Tag nach dem Urteil keine neuen Beweise mehr einbringen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Ihr Fall löste international eine Kontroverse über die Themen Auslieferung und Todesstrafe aus.</em></p>
<p><strong>Söring: </strong>Es fing alles an mit der Auslieferungshaft Ende der 80er Jahre. Damals sind meine Anwälte zum Europäischen Gerichtshof gegangen. Daraufhin gab es ein wegweisendes Urteil über Auslieferung und Todesstrafe. Es ist immer noch der führende Präzedenzfall in der internationalen Rechtsprechung und hatte bitterböse Reden im US-Kongress zur Folge. Der New Yorker Senator Alfonse D’Amato echauffierte sich darüber, dass ein angeblicher Mörder das wunderbare Rechtsystem der Vereinigten Staaten vor dem Europäischen Gerichtshof kritisierte. Diese Sozialisten in Europa sollten gefälligst den Amerikanern erlauben, ihre Mörder möglichst schnell hinzurichten. Denn es wurde vorausgesetzt, dass ich die Todesstrafe bekommen würde. Diese Diskussion hat eigentlich nie aufgehört.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Im Gefängnis sagt man Ihnen offen, dass Sie dort sterben sollen. Was macht das Leben für Sie lebenswert?</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Kämpfen. So ist es. Ich weiß gar nicht, ob ich damit aufhören könnte. Der Gedanke kommt mir nicht. Solang ich kann, kämpfe ich. Ich habe ja auch etwas, womit ich kämpfen kann und ich bin nicht allein. Ich habe viele Freunde, die mich unterstützen. Gewohnheit ist auch ein Grund, weiterzumachen. In gewisser Weise macht das Kämpfen ja auch ein bisschen Spaß. Mir wird oft gesagt, dass man mich beobachtet, wie ich jeden Tag am Schreibtisch sitze und wie wild schufte. Zwölf bis 14 Stunden am Tag. Und wie ich dann auf den Sportplatz rausgehe, jogge und Klimmzüge mache. Ich bin ein Sportfanatiker. Man sagt mir, ich gebe anderen Menschen Hoffnung. Das höre ich nicht nur von Mitgefangenen, sondern auch von Freunden aus der Außenwelt.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Und wie verhält es sich mit Freundschaften im Knast?</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Es ist sehr schwierig, jemanden zu finden, dem man Vertrauen kann. Denn wer in großer Not ist, tut Dinge, die man sonst nicht tun würde. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich vielleicht einen auf der Ebene einer Freundschaft. Wir kennen uns noch aus meinem vorherigen Gefängnis. Man muss sich schon viele Jahre kennen, bevor man einem Mitgefangenen halbwegs vertrauen kann. Wenn mir mal so richtig zum Heulen ist, zeige ich das besser nicht.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie sagen, das größte Geheimnis, im Knast zu überleben, ist, keine Angst zu zeigen. Wie schafft man das?</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Indem man ein Pokerface aufsetzt. Ich kann das prima. Wer das allerkleinste Zeichen von Schwäche zeigt, überlebt hier nicht. Zuerst mal wird man vergewaltigt. Man wird zum Sexsklaven, die werden hier „Punks“ genannt. 20 Prozent aller Gefangenen werden jedes Jahr unter Drohungen dazu gezwungen, Sex gegen ihren Willen zu haben, und zehn Prozent werden brutal vergewaltigt. Bei 2,3 Millionen Gefangenen insgesamt sind das weit mehr als 400.000 Vergewaltigungen pro Jahr. Das wird öffentlich akzeptiert, es gab darüber Anhörungen vor dem Kongress.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Im Gefängnis haben Sie bislang sieben Bücher geschrieben. In „Ein Tag im Leben des 179212“ zum Beispiel beschreiben Sie Ihren Alltag hinter Gittern. Wie denken Sie über den amerikanischen Strafvollzug?</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Ich sehe ihn sehr, sehr kritisch. Ich bin Deutscher und denke, soweit ich das kann, wie ein Deutscher oder Europäer. Der amerikanische Strafvollzug ist menschenverachtend. Es gibt keinerlei Interesse an Resozialisierung. Mit dem Gedanken der Gerechtigkeit wird in den Vereinigten Staaten ausschließlich Rache verbunden. Statt Menschen, die Verbrechen begehen, als Mitbürger zu sehen, die wieder eingebürgert werden müssen, also als soziales Problem, wurde vom damaligen Präsidenten Richard Nixon ein „Krieg gegen das Verbrechen“ ausgerufen. Nach Vietnam brauchte man einen neuen Krieg. Und im Krieg zerstört man eben den Feind – sprich: die eigenen Bürger. Deshalb auch die Todesstrafe. Hauptsächlich betrifft es die schwarzen Bürger. Hier werden pro Kopf siebeneinhalb Mal so viele Menschen eingesperrt wie in Deutschland. Dies wird in Europa nicht ausreichend verstanden. Man kann Amerika erst begreifen, wenn man dies versteht.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Haben Sie erst im Gefängnis erlebt, wie die Amerikaner wirklich ticken?</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Natürlich. Ich war praktisch noch ein Kind, als ich ins Gefängnis kam. Ich war mit 19 ein ganz dummer Junge, beschützt auf einer sehr guten Privatschule, mein Vater war Vizekonsul in Atlanta, Georgia. Es gab nur weiße Schüler, mit Ausnahme von zwei, drei Schwarzen, damit man der Schulleitung nicht Rassismus vorwerfen konnte. In Wirklichkeit sind das aber alles Rassisten gewesen. Die Amerikaner nennen diese Alibi-Schwarzen „Token“. Ich kannte diese Thematik damals überhaupt nicht. Bevor ich selbst von der Polizei verhört wurde, hatte ich mit der dunklen Seite des Lebens keinen Kontakt gehabt. Ich war ein sehr intelligenter, aber unreifer gehätschelter Diplomatensohn. Alles, was ich gelernt habe, habe ich im Gefängnis gelernt.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Wie reagiert die Gefängnisleitung auf Ihre schriftstellerischen Aktivitäten?</em></p>
<p><strong>Söring: </strong>Das ist nicht ungefährlich. Kurz nach dem eine Zeitung eines meiner kritischen Bücher positiv rezensiert hatte, bin ich selber mal sechs Wochen in die Strafzellen verlegt worden. Ohne dass man mir etwas vorzuwerfen hatte. Die Abschreckung hat nicht funktioniert, ich habe danach noch drei weitere Bücher geschrieben. Bald kommt das nächste.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Wie muss man sich solch eine Strafzelle vorstellen?</em></p>
<p><strong>Söring: </strong>Die Strafzellen liegen in einem anderen Gebäude, in diese kleinen Hundekäfige wird man 23 Stunden am Tag eingesperrt. Man darf nichts mit hineinnehmen, bekommt drei Duschen pro Woche und darf insgesamt dreimal ins Freie. Isolation ist eine Form der psychologischen Folter. Man soll sich zu Tode langweilen. Angeblich soll man nicht länger als 30 Tage in diese Zellen rein, sonst besteht die Gefahr einer Psychose. Ich war da sechs Wochen drin. Im Gefängnis sieht man sehr oft gebrochene Menschen. Sie begehen Selbstmordversuche, beschmieren sich selber oder ihre Zelle mit Fäkalien, manche schreien unkontrolliert oder werden paranoid und auch gefährlich. Einige schneiden sich sogar die Unterarme auf.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Kann man sagen, dass die deutsche Regierung Sie vor der Todesstrafe bewahrt hat?</em></p>
<p><strong>Söring:</strong> Die deutsche Regierung war damals Nebenkläger, was sehr wichtig war. Die Hauptarbeit wurde von meinen englischen Anwälten gemacht. Nach 25 Jahren Knast frage ich mich immer öfter, ob eine Hinrichtung nicht die bessere Option gewesen wäre. Aber naja… ich bin noch da und kämpfe noch. Ich laufe vor keinen Fragen davon. Auch nicht vor den eigenen, inneren. Ich kann nur überleben, wenn ich mich eisenhart allem stelle.</p>
<p><strong><em>Buchtipps:</em></strong></p>
<p><em>Jens Söring: Ein Tag im Leben des 179212 (Gütersloher Verlagshaus); Jens Söring: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Barmherzigkeit und Strafvollzug (Echter Verlag).</em></p>
<p><em>Surftipp: www.jenssoering.de</em></p>
<p><em>http://www.jenssoering.de/blog_einleitung.</em></p>
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		<title>Soziokultur war richtungsweisend</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Apr 2011 13:11:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Kaum zu glauben, dass der Betrieb im Freiburger E-Werk schon wieder fast wie normal läuft. Denn noch sind nicht alle Baumaßnahmen abgeschlossen, improvisieren ist angesagt für das Team des E-Werks. Und das hat sich mit der 45-jährigen Kulturmanagerin Heike Piehler nun komplettiert, sie steht dem Haus als Geschäftsführerin vor. Mit Wolfgang Herbert, Laila Koller und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_736" class="wp-caption aligncenter" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-736" title="Dr.HeikePiehler_LailaKoller_WolfgangHerbert_FotoEWERK" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/04/Dr.HeikePiehler_LailaKoller_WolfgangHerbert_FotoEWERK-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Im Gespräch: Wolfgang Herbert, Laila Koller, Dr. Heike Piehler vom E-Werk</p></div>
<p><strong>Kaum zu glauben, dass der Betrieb im Freiburger E-Werk schon wieder fast wie normal läuft. Denn noch sind nicht alle Baumaßnahmen abgeschlossen, improvisieren ist angesagt für das Team des E-Werks. Und das hat sich mit der 45-jährigen Kulturmanagerin Heike Piehler nun komplettiert, sie steht dem Haus als Geschäftsführerin vor. Mit Wolfgang Herbert, Laila Koller und Heike Piehler, die das Leitungsteam des E-Werks bilden, sprach Annette Hoffmann über die Baumaßnahmen, darüber dass die Soziokultur längst in der Hochkultur angekommen ist und über die inhaltliche Ausrichtung des Hauses.<em> </em></strong></p>
<p><strong><em> </em></strong></p>
<p><strong><em>Kultur Joker:</em></strong><em> Frau Dr. Piehler, Sie haben zuletzt das Ästhetische Zentrum der Universität Bielefeld geleitet. Das klingt sehr akademisch, was haben Sie dort gemacht?</em><strong> </strong></p>
<p><strong>Piehler: </strong>Kulturmanagement in allen Sparten. Das deckt sich mit meiner Tätigkeit hier. Wir haben Musikveranstaltungen, Theater- und Tanzaufführungen und Ausstellungen organisiert, für ein Publikum von bis zu 10.000 Personen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker:</em></strong><strong> </strong><em>Sie haben sich sicherlich mit einem Konzept für das E-Werk um die Stelle beworben. Wie sieht es aus?</em></p>
<p><span id="more-735"></span></p>
<p><strong>Piehler:</strong><em> </em>Nein, ich habe mich nicht mit einem Konzept beworben. Es wäre auch verwegen, von Bielefeld aus ein Konzept zu entwickeln und damit an ein Haus zu kommen, das man noch nicht kennt. Wir werden hier im Team Konzepte entwickeln und schauen, was geht und was nicht geht.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie haben über Medienkunst promoviert und wollen diesen Bereich hier verstärkt zeigen. Wo wollen Sie sich zwischen dem neu gegründeten Basler Haus für elektronische Künste und dem ZKM in Karlsruhe positionieren?</em></p>
<p><strong>Piehler: </strong>Das ist noch die große Frage. Wir haben kein Budget, das eine Konkurrenz zum ZKM zulässt (lacht). Ich hoffe aber, dass wir im Bereich der Förderung junger Kunst Akzente setzen können. Wir werden die junge Medienkunstszene in den Blick nehmen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker:</em></strong><strong> </strong><em>In Basel und in Karlsruhe kann man Neue Medien studieren, in Freiburg gibt es keine Produktionsstätten. Wie wollen Sie sich da einklinken?</em></p>
<p><em></em><strong>Piehler: </strong>Wenn es das hier nicht gibt, ist dies doch gerade ein Grund, die Neuen Medien hier neu zu platzieren. Wir können von den Kunsthochschulen des Dreiländerecks profitieren und vielleicht eine Form der Kooperation finden, die für beide Seiten gewinnbringend ist. Wir wollen in Freiburg zeigen, was in diesem Bereich läuft.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Der Umbau des Ewerks ist noch in vollem Gange, was ist in den letzten Monaten an Sanierungsmaßnahmen geschehen?</em></p>
<p><strong>Laila Koller: </strong>Vieles, das Dach wurde saniert und derzeit werden die Fenster ersetzt. Die Lüftung ist ein Thema, aber vor allem der Brandschutz. Die Jazz- und Rockschule sowie die Schauspielschule haben neue Fluchtwege und neue Brandschutztüren erhalten. Ein Aufzug wird auch installiert, um das Kammertheater barrierefrei zu machen. Das war eines unserer Hauptanliegen.</p>
<p><strong>Wolfgang Herbert: </strong>Von den 3,8 Millionen sind etwa zwei Drittel in den Ausbau von Brandschutzmaßnahmen, Fluchtwegen und Gebäudesanierung wie Wärmedämmung und Fenster geflossen. Im ganzen Haus, auch in den Büros gibt es nun eine Brandmeldeanlage und in vielen Räumen eine Sprinkleranlage. Das sind aus sicherheitstechnischen Gründen sehr wichtige Maßnahmen. Aus Geldern, die wir durch die LAKS (Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren in Baden-Württemberg, Anm. d. Red.) vom Land Baden-Württemberg bekommen haben, konnten wir durch Synergieeffekte aber auch eine Verbesserung der Infrastruktur für die Zuschauer erreichen, zum Beispiel mit dem Treppenhaus und den neuen Toilettenanlagen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Diese Brandschutzmaßnahmen waren die Initialzündung für die Sanierung. Sind sie Korsett oder haben sie auch Möglichkeiten für das Haus eröffnet?</em><strong> </strong></p>
<p><strong>Herbert: </strong>Korsett klingt sehr negativ. Es ist ein Korsett, zu dem wir aus Sicherheitsgründen als Veranstalter verpflichtet sind. Es stimmt aber, jetzt liegen überall Rohre frei, die verhindern, dass man die Wände anders nutzen kann oder manche Räume durch Einbauten verkleinert wurden. Diese Maßnahmen wurden von Fachleuten in Brandschutztechnik geplant und umgesetzt, die an gesetzliche Regelungen gebunden sind. Hätte man sie nicht durchgeführt, wäre die Schließung des E-Werks die Konsequenz gewesen.</p>
<p><strong>Koller: </strong>Fluchtwege sind sehr wichtig. Als Veranstalter hat man einfach ein gutes Gefühl, wenn man auf ein funktionierendes System zurückgreifen kann. Was diese Sanierung angeht; wir hatten noch nie einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluss, wenn es um das Ewerk ging. Diesmal schon, das war ein großer Erfolg. Sicher kann man sich im Fall der Brandschutztüren sagen, jetzt geht das ganze Geld in die Brandschutztüren… Andererseits hoffen wir, dass sie sich auf die Lärmdämmung positiv auswirken. Tatsächlich wurde sehr viel Geld in die Sicherung des Gebäudes investiert, nicht aber unbedingt in die Funktionalität und die Schönheit des Gebäudes.</p>
<p><strong><em>Joker:</em></strong><strong> </strong><em>und nicht in die Inhalte.</em></p>
<p><strong>Koller: </strong>Genau.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Wie wird das Restaurant in das E-Werk eingebunden?</em></p>
<p><strong>Koller: </strong>Das Restaurant wird nun vom Foyer zugänglich sein und nicht mehr allein über den Parkplatz. Wir erhoffen uns dadurch eine Belebung des Hauses. Es wird noch einen Nebeneingang geben. Der Verein ist nun Gesamtverpächter der Gastronomie und wir wollen Restaurant und Bar in eine Hand geben.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker:</em></strong><strong> </strong><em>Im März war das Hiphop-Musical „Die vergessenen Befreier“ zu sehen, das die Geschichte der Soldaten aus den französischen Kolonien im 1. und 2. Weltkrieg aufgreift und das Creole Südwest – Globale Musik aus Baden-Württemberg. Diese Veranstaltungen sind exemplarisch für das Programm. Ist Interkultur die neue Soziokultur?</em></p>
<p><strong>Koller: </strong>Interkultur ist eines der wichtigen Themen der Soziokultur. Alle wichtigen Kulturinstitutionen arbeiten in Deutschland an diesem Thema. Die Debatte hat sich verschoben, sie berücksichtigt die demografische Situation Deutschlands und dass wir seit einigen Jahren ein anerkanntes Einwandererland sind. Es ist das Publikum von morgen, aber es sind auch die Darsteller von heute. Wir würden uns wünschen, das Thema systematischer aufbauen zu können und uns hier noch mehr zu öffnen. Es ist sehr schön für uns, auch größere Produktionen wie „Die vergessenen Befreier“ zeigen zu können – die übrigens ausverkauft war.  Darin beweist sich die kontinuierliche Arbeit der letzten Jahre.</p>
<p><strong>Herbert: </strong>Schauen sie sich das Theater in Freiburg an. Frau Mundel macht am Theater eine  sehr gute Arbeit. Soziokulturelle und interkulturelle Arbeit wird als Modell für das Stadttheater von morgen diskutiert. Soziokultur hat sich immer durch die Öffnung gegenüber allen gesellschaftlichen Gruppen ausgezeichnet, das machen die Stadttheater heute auch. Die soziokulturelle Arbeit in den vielen Zentren des Landes war dafür richtungsweisend.</p>
<p><strong>Koller: </strong>Was wir seit den 1980er Jahren tun, setzt sich in etablierten Institutionen durch. Trotzdem bleibt es Teil einer politischen Arbeit. Das Theater Freiburg befindet sich in einer Vorreiterrolle. Es hat aber auch die Möglichkeiten dazu. Es werden mit Bundes- und Landesgeldern Programme geschaffen, speziell für kommunale Einrichtungen, während wir solche Möglichkeiten nicht haben. Das Theater Freiburg konnte so seinen Austausch mit dem Istanbuler Off-Theater garajistanbul finanzieren. Das ist eine kulturpolitische Debatte &#8211; im Herbst war ich als Vertreterin für Interkultur für die LAKS auf dem Bundeskongress Interkultur, und dort wurde am Fall von Nordrheinwestfalen diese Diskussion besonders scharf geführt. Auch dort werden Gelder nur für kommunale und staatliche Einrichtungen zur Verfügung gestellt, mit dem Argument, dass alle anderen es ja sowieso machen und keinen Anschub bräuchten. Damit haben wir natürlich eine Zweiklassengesellschaft. Ein solches krasses Missverhältnis gibt es in keinem anderen Land. Was die Art der Ästhetik angeht, nähern sich die Stadttheater und die freie Szene einander an, was die Förderstrukturen angeht, nicht.</p>
<p><strong>Herbert: </strong>Das hat natürlich auch mit unserem viel gelobten System der Stadttheater zu tun, die in der Regel gut gefördert als Garant für hochwertige Kulturarbeit gesehen werden. In anderen Ländern sind die Strukturen und die Förderungspraxis viel durchlässiger.</p>
<p><strong>Piehler: </strong>Soziokultur ist bei den Künstlern und beim Publikum angesagt, und davon profitiert das Ewerk, was man an unseren steigenden Zuschauerzahlen vor dem Umbau sehen kann. Wir entsprechen da dem Zeitgeist und überlegen, wie wir das Profil weiter ausbauen können. Künstler ticken sowieso in aller Regel international, kulturelle Grenzziehungen werden über die Jahrzehnte zunehmend schwieriger. Zudem gehen heute Künstler mit ihren Projekten vermehrt in die Gesellschaft hinein, machen die Gesellschaft selbst zum Thema. Sie verändern damit den Kulturbegriff, was sich letztlich auch im Programm der Kultureinrichtungen niederschlägt. Das Ewerk will da am Puls der Zeit sein.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker:</em></strong><strong> </strong><em>Das E-Werk ist immer wieder Produzent von Theater- und Tanzveranstaltungen. Macht man sich da nicht von der regionalen Szene abhängig?</em></p>
<p><strong>Koller: </strong>Ich finde nicht, dass wir uns davon abhängig machen, sondern, dass wir uns in der glücklichen Lage befinden, in Freiburg überhaupt eine nennenswerte Szene zu haben, die teilweise auf internationalem Niveau agiert. Die Künstler, die im Ewerk auftreten, etwa das Koreografenkollektiv, geben auch Gastspiele in Berlin, in Hamburg, im Ruhrgebiet, in Karlsruhe oder in Stuttgart, aber wir sind ihre Hausbühne. Wir wählen das Programm aus und führen Stücke auf, die zum Teil von der Stadt gefördert werden und/oder vom Landesverband freier Theater Geld bekommen. Es ist dennoch eine prekäre Lage, weil die Szene derart unterfördert ist. Es besteht immer die Gefahr, dass Gruppen abwandern.</p>
<p><strong>Herbert: </strong>Wir hätten gerne einen Etat, um Produktionen initiieren zu können. Wir können versuchen, mit jungen Künstlern Stücke zu erarbeiten und umzusetzen. Dazu bräuchten wir dringend mehr Geld. Wir versuchen trotzdem immer wieder aus dem Wenigen etwas zu machen, so sind in der Pfeilerhalle des E-Werks die Produktion von Yummydance aus Japan und die Inszenierung von Avishai Milstein „Mein Kampf“ entstanden, der jetzt im Theater Freiburg Regie führt. Oft kommen Künstler mit Ideen zu uns und wir überlegen dann, wie wir sie umsetzen können und wie man sie finanzieren kann. Wir können bei der Akquise von Geldern behilflich sein oder die Technik und die Infrastruktur zur Verfügung stellen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker:</em></strong><strong> </strong><em>Das Ewerk ist auch Kulturproduzent, insofern hier bildende Künstler ihre Ateliers haben. Wie sieht das Konzept für Ausstellungen aus?</em></p>
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		<title>Aus dem Reich der Fantasy</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Mar 2011 14:13:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wolfgang Hohlbein ist Deutschlands Fantasy-König. Rund 150 Bücher der Genre Horror, Science-Fiction und Phantastik hat der Superstar des Gänsehaut-Gewerbes bislang geschrieben. Er sieht aus wie ein Rockstar aus den 70er Jahren: lange Matte, Rauschebart und eine Stimme, die Gänsehaut erzeugt. Hohlbein wird immer wieder mit Stephen King verglichen, seine Gesamtauflage beträgt weltweit fast 40 Millionen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_682" class="wp-caption aligncenter" style="width: 205px"><img class="size-medium wp-image-682" title="hohlbeinNET_pr08_01" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/03/hohlbeinNET_pr08_01-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" /><p class="wp-caption-text">Im Gespräch: Wolfgang Hohlbein, Deutschlands Fantasy-König</p></div>
<p><strong>Wolfgang Hohlbein ist Deutschlands Fantasy-König. Rund 150 Bücher der Genre Horror, Science-Fiction und Phantastik hat der Superstar des Gänsehaut-Gewerbes bislang geschrieben. Er sieht aus wie ein Rockstar aus den 70er Jahren: lange Matte, Rauschebart und eine Stimme, die Gänsehaut erzeugt. Hohlbein wird immer wieder mit Stephen King verglichen, seine Gesamtauflage beträgt weltweit fast 40 Millionen Exemplare. Mit seinen Geschichten will er die Leser in der Normalität abholen und sie in eine fremde Welt entführen. Olaf Neumann sprach mit dem gebürtigen Weimarer über die brandneue Science-Fiction-Saga „Infinity – Der Turm“ und die Zukunft der Menschheit.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Ihre neue Romantrilogie spielt in einer sehr fernen Zukunft. Glauben Sie, dass es die Menschheit in 100.000 Jahren überhaupt noch geben wird?</em><strong> </strong></p>
<p><strong>Wolfgang Hohlbein: </strong>Ich denke schon, wenn man höhere Gewalt und galoppierenden Wahnsinn mal ausschließt. Ich bin Berufsoptimist. Das erste Bild dieses Buches hatte ich schon vor 30 Jahren im Kopf ohne die geringste Ahnung, was dabei herauskommt. Im Laufe der Jahre habe ich die alte Szene immer wieder mal heraus gekramt, aber es wurde erst jetzt eine lange Geschichte daraus.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Im Mittelpunkt der auf 2000 Seiten angelegten Saga steht Prinzessin Infinity. Die Herrscherin über die Menschen und seltsamsten Geschöpfe hat im Turm Zuflucht gefunden. Ein allwissendes, übermächtiges und bedrohliches Bauwerk, die letzte Bastion auf einer sterbenden Welt. Woher nehmen Sie diese Bilder?</em></p>
<p><em><span id="more-681"></span><br />
</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Ich habe mich mein Leben lang mit Science-Fiction-Geschichten und -Filmen beschäftigt und natürlich auch die eigene Phantasie spielen lassen. Die Welt des Romans entstand zuerst als Modell auf meinem Wohnzimmertisch, das gab dem Ganzen mehr Substanz. Das ist ja alles nichts Neues. Unsichtbare Kraftfelder gab es im Ansatz schon bei Jules Verne. Und die ersten Burgen sind im Grunde genommen aus Türmen entstanden. Solche Bilder, die einem Schutz versprechen und gleichzeitig bedrohlich wirken, haben viele von uns in sich. Ich habe im Grunde nur ganz archetypische Dinge zusammengebastelt und versucht, eine eigene Geschichte drum herum zu bauen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Wie haben Sie für das Buch recherchiert?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Ich habe im Internet ein bisschen recherchiert, was die technische Seite betrifft. Es muss nicht alles stimmen, sondern es muss wirken. Sowas wie der Turm wäre physikalisch unmöglich. Er ist ein reines Produkt meiner Phantasie. Würde man aus dem Turm etwas anderes machen, z.B. einen amerikanischen Flugzeugträger vor einer Südseeinsel, könnte die Geschichte theoretisch auch heute spielen. Der Leser soll erkennen, dass Prinzessin Infinity, die die Macht einer Göttin besitzt, irgendwann begreift, dass sie nicht das Recht hat, diese Technik bedenkenlos anzuwenden. Ihre etwas primitiveren Untertanen betrachten die Technik als Magie. Ich glaube, dass die Bildungsschere in Zukunft noch weiter auseinandergehen wird.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>In Ihrer Romanwelt gibt es hunderte unterschiedliche Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Glauben Sie an eine friedliche Koexistenz der Religionen in ferner Zukunft?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Im Großen und Ganzen tun sie das ja jetzt schon. Die Fanatiker sind ja nur eine kleine Minderheit. Ich will um Gottes willen nicht die Terroristen verteidigen, aber der Islam an sich ist eine sehr liberale Religion. Er sagt eigentlich, dass alle anderen tun und lassen dürfen was sie wollen. Zur Zeit der Kreuzzüge war der Islam nicht annähernd so schlimm wie das Christentum.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Warum ist das Alte Testament für Sie eine wichtige Inspirationsquelle?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Wenn man den rein religiösen Teil der Bibel einmal weglässt, ist es eine ganz tolle Sammlung von Geschichten. Sie erzählen, wie Menschen zusammen leben und ihre Probleme lösen können. Würden wir alle nach den zehn Geboten leben, wäre die Welt ein besserer Ort. Sie sind ja nicht Gottes Wort, sondern Verhaltensregeln, die sich in Jahrtausenden als praktikabel erwiesen haben.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Ihr R’Achernon ist ein egomanischer Supercomputer. Er verfügt über Intellekt, einen freien Willen und kann lautlos mit den Menschen reden. Sehen Sie sich auch ein bisschen als Zukunftsforscher?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Nein. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und interessiere mich für technische Dinge. Warum soll man solche Aspekte nicht in einen Roman mit einfließen lassen? Die Wirklichkeit hat die Science-Fiction schon immer spielend überholt. Abgesehen von einigen wenigen Dingen, werden all diese Techniken aus meinem Buch schon bald da sein. Vieles davon gibt es bereits im Ansatz. Ich selbst bin ein technischer Legastheniker, aber ich liebe technische Spielereien. Das Buch habe ich zwar von Hand geschrieben, aber mit einem Hi-Tech-Stift. Die Technik ist heute schon weiter, als man es vor 20 Jahren geglaubt hat.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Werden Romane eines Tages von intelligenten Computerprogrammen geschrieben werden?</em></p>
<p><strong>Hohlbein: </strong>Bis dahin werden wir nicht nur künstliche Intelligenz, sondern auch künstliches Leben erschaffen haben. Die Entstehung von Kreativität ist noch eine der wenigen ungeklärten Fragen. Es gab schon vor 20 Jahren Programme, die versucht haben, Musik zu schreiben. Aber ich bezweifle stark, dass Computer geniale Romane erschaffen werden können. Man sieht es an den heutigen Übersetzungsprogrammen, die im Grunde genommen nicht besser sind als die aus den 80er Jahren. Es muss noch etwas dazukommen, dass man mit Bytes und Bits nicht ausdrücken kann.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Die Suche nach einer zweiten Erde, einem Planeten, auf dem Leben möglich ist, wie wir es kennen, beschäftigt Astronomen seit langem. Glauben Sie persönlich an außerirdisches Leben?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Davon bin ich zu hundert Prozent überzeugt. Es gibt Kulturen, die uns überlegen sind, aber wir werden sie nie treffen, weil uns die Naturgesetze einen Riegel vorgeschoben haben. Als Autor phantastischer Romane kann man ihn aber wegschieben.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>In Ihrem Roman hatte das menschliche Imperium Kontakt mit anderen raumfahrenden Spezies, von denen die meisten friedlich waren – zumindest friedlicher als die Menschen. Ist der Mensch ein kriegerisches Tier?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Ich glaube, ja. Wenn ich mir die Geschichte und auch die Gegenwart angucke, komme ich zu der Auffassung, dass Menschen eine kriegerische und gewalttätige Spezies sind. Im Grunde sind und bleiben wir dieselben Raubtiere, die wir vor hunderttausend Jahren waren. Die Herausforderung ist, mit diesen Instinkten fertig zu werden und sie im Zaum zu halten. Ohne sie wären wir wahrscheinlich auch nicht das, was wir heute sind.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Im Roman wird ein so genannter Planetenkiller gegen den Supercomputer eingesetzt. Werden die Menschen noch schlimmere Massenvernichtungswaffen als die Atombombe bauen?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Ich bin kein Militärexperte, aber gegen Ende des 20. Jahrhunderts gab es durchaus schon Nuklearwaffen, von denen eine Handvoll gereicht hätte und das wär’s dann gewesen. Mein Planetenkiller ist eine logische Konsequenz. Die einzige Hoffnung ist, dass die Bedrohung so schrecklich wird, dass am Ende nicht die Vernunft, sondern die Angst siegt. Während des Kalten Krieges hat das schon einmal geklappt. Die größere Gefahr sehe ich eher in den „kleinen Waffen“, die man fast schon auf dem Schwarzmarkt kaufen kann.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Wer in Infinity Reich viel Geld hat, kann seinen tödlich verletzten oder kranken Körper wieder herstellen lassen. Ist damit die Frage nach dem ewigen Leben beantwortet?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Jeder träumt davon, unsterblich zu sein. Schaut man sich die Medizintechnik von heute an, sieht alles danach aus, dass meine Enkel hundert werden. Ob es erstrebenswert ist, sogar 500 Jahre alt zu werden, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht gibt es ja eines Tages Ganzkörperprothesen, so dass man nur noch das, was wir als Seele bezeichnen, transferieren muss. Ein bisschen passiert das ja auch in meinem Buch. Wenn man ganze Organe klonen kann, warum nicht den Rest gleich mit?</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie gehören zu den erfolgreichsten Autoren in Deutschland. Warum gibt es von Ihren Büchern immer noch keine Verfilmungen?</em></p>
<p><strong>Hohlbein:</strong> Weil ich entweder eine hundertzehnprozentige Umsetzung möchte oder gar keine. Ich will keinen Film, von dem ich mich hinterher distanzieren muss. Es gibt genug schlimme Beispiele. Entweder man geht das Risiko ein und steht dazu oder man lässt es. Halten Sie mich ruhig für größenwahnsinnig: Solange ich es nicht auf dem Niveau von „Avatar“ machen kann, möchte ich es noch nicht.</p>
<p><em>Wolfgang Hohlbeins Roman „Infinity – Der Turm“ (Piper, ca. 620 Seiten, Euro 19,95, ISBN 978-3-492-702223) erscheint am 24. Februar, Hörbuch (19 CDs) bei Osterworld audio.</em></p>
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		<title>„Buxe voll“</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Feb 2011 14:56:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn Helge Schneider auf George W. Bush macht und mit Cowboyhut und steifer Lederjacke zur dadaistischen „Fressekonperenz“ in Berlin lädt, sind Lachsalven garantiert. Wie nicht anders zu erwarten, nimmt der Musikclown aus Mülheim an der Ruhr das Motto seiner neuen Tournee “Buxe voll” wörtlich. Die viel zu weite Hose vollgestopft mit allerlei exotischen Instrumenten, entlarvt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_638" class="wp-caption aligncenter" style="width: 210px"><img class="size-medium wp-image-638" title="heller Anzug 1_0" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/02/heller-Anzug-1_0-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" /><p class="wp-caption-text">Im Gespräch: Helge Schneider, geniales Allroundtalent</p></div>
<p><strong>Wenn Helge Schneider auf George W. Bush macht und mit Cowboyhut und steifer Lederjacke zur dadaistischen „Fressekonperenz“ in Berlin lädt, sind Lachsalven garantiert. Wie nicht anders zu erwarten, nimmt der Musikclown aus Mülheim an der Ruhr das Motto seiner neuen Tournee “Buxe voll” wörtlich. Die viel zu weite Hose vollgestopft mit allerlei exotischen Instrumenten, entlarvt er Bundestagsdebatten als Parodien ihrer selbst und verspricht eine Nationalhymne für den Phantasie-Staat „U.S. OPA“. Olaf Neumann quetschte das Allroundtalent aus – über sein DVD-Debüt, seinen nächsten Roman und – den Tod. </strong></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Herr Schneider, Sie haben ein neues Programm erarbeitet. Was bedeutet das Tour-Motto „Buxe voll“?<strong> </strong></em></p>
<p><strong>Helge Schneider:<em> </em></strong>Jeder denkt jetzt an „Hose voll“. Es könnte aber auch die Buchse vom Cinch-Stecker gemeint sein. Früher hieß das „chinesischer Stecker“, er kam nach dem so genannten Bananenstecker auf. Die Zeiten ändern sich – ich aber nicht. Es ist wieder Showtime für mich. Das Motto muss bei mir immer kurz und bündig sein. „Buxe voll“ war das, was meine 14 Autoren herausgefunden hatten. Ich habe verschiedene Instrumente dabei und will Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren motivieren, selber mal wieder Musik zu machen. Hätte ich selbst kein Instrument gelernt, wäre ich sicherlich Boxer oder Feldjäger geworden.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie haben sich eine Konzertpause von neun Monaten gegönnt. Was haben Sie währenddessen gemacht?</em></p>
<p><strong>Schneider:<em> </em></strong>Ich muss auch mal ausspannen und was anderes machen. Zum Beispiel, um meine Motorräder kümmern, Wiese schneiden, Basteln, Urlaub machen und Zeit mit den Kindern verbringen. Egal, wie viel Zeit man hat – es ist immer zu wenig. Ich will seit Jahren meinen Keller herrichten, dass ich da mal Tischtennis spielen kann. Ich fotografiere, zeichne und schreibe Bücher. Jetzt will ich meine erste DVD rausbringen – mit einem Auftritt aus Berlin.</p>
<p><span id="more-637"></span></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Gemessen an Ihrer Live-Produktivität sind in den vergangenen Jahren erschreckend wenige Helge-Schneider-CDs veröffentlicht worden. Im Frühjahr 2010 erschien ein offizielles Bootleg, das es nur per Mailorder gibt. Wann wird es von Ihnen endlich neue Lieder geben?</em></p>
<p><strong>Schneider:<em> </em></strong>Ich würde gerne mal wieder eine Schallplatte machen. Aber es ist sehr schwer, Lieder wie „Telefonmann“, „Katzeklo“ oder „Meisenmann“ zu schreiben. Es ist vollkommen ausgeschlossen, etwas zu machen, das genauso ist. Ich müsste schon etwas völlig Neues erfinden. Schallplatten hin, Schallplatten her – mit der neuen DVD will ich den Leuten auch mal was zum Gucken bieten. Meine Konzerte muss man sehen und nicht nur hören. Letztes Jahr haben wir zwölf Tage in Berlin aufgenommen, von denen ich mir jetzt einen schönen ausgesucht habe. Im Laufe der Jahre habe ich ganz viel gefilmt. Es wird auch noch eine Rückblick-DVD mit alten Sachen geben. Die sind nicht so gut aufgenommen, aber das hat vielleicht größeren Reiz als zehn Kameras. Schon in den 80er Jahren habe ich die Kamera immer selber an die Seite gestellt. Den frühen Videokameras musste man die Einheit, wo das Band drin war, noch auf den Rücken schnallen. Bislang war ich immer zu faul, eine DVD zu machen. Ich gehe auch nur noch selten ins Studio, um Musik aufzunehmen. Ich trete am liebsten auf.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Wann sind Sie besonders gut in Form?</em></p>
<p><strong>Schneider:<em> </em></strong>Das ist völlig unberechenbar. Vielleicht, wenn ich mir die Haare vorher gewaschen habe – oder wenn sie ganz fettig sind. Es hat auch viel damit zu tun, wie man sich von innen heraus fühlt oder was man gerade noch so erlebt hat. Ich weiß es wirklich nicht.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Inwieweit hängt das Gelingen einer Show von Ihrer Band ab?</em></p>
<p><strong>Schneider: </strong>Wenn ich gut bin, kann ich die Band mitreißen. Bin ich es nicht, dann ist sie auch nicht gut. Wir sind nicht unbedingt darauf getrimmt, die allerbeste Musik der Welt abzuliefern. Wenn man sich mal verspielt oder alles ein bisschen hausbacken klingt, dann passt das auch zu dem, was ich da mache.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Ihre neue Band heißt „Holzkopp“, besteht aber größtenteils aus altbekannten Leuten. Warum ist Superdrummer Pete York nicht mehr dabei?</em></p>
<p><strong>Schneider:<em> </em></strong>Pete macht jetzt erst mal eigene Projekte. Ich wollte auch mal einen anderen Rhythmusgeber haben. Auf der Bühne sind wir zu viert und ich spiele selbst wieder Klavier. Dadurch habe ich viel mehr Freiheiten.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Ihr neuer Schlagzeuger Willy Ketzer arbeitete mit Tom Jones, Liza Minnelli, José Carreras und Jerry Lewis. Er wurde mehrfach von der Fachpresse zum besten deutschen Big-Band-Schlagzeuger gewählt. </em></p>
<p><strong>Schneider:</strong> Der Rhythmus ist bei unserer Musik das A und O. Sobald Du beim Rhythmus eine andere Atmosphäre hast, wird der Song ganz anders. Ich lege da großen Wert drauf, weil ich selber auch Schlagzeug spiele. Die dürfen auf keinen Fall schlechter sein als ich. Vor 20 Jahren habe ich mit Willy Ketzer im Duo gespielt. Schon damals fiel mir auf, dass der Junge Schneid hat.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Am 19. Mai soll Ihr neuer Roman „Satan Loco“ erscheinen. Haben Sie das Buch schon fertig geschrieben?</em></p>
<p><strong>Schneider:</strong> Ich bin noch dabei. Wenn’s fertig ist, sage ich Bescheid. Deshalb ist die Verlagsankündigung auch ganz vage. Ob Kommissar Schneider darin auftreten wird, ist noch nicht raus. Mir macht es Spaß, einen Buchtitel anzukündigen und das eigentliche Werk dann erst zu schreiben. Aber dieser Punkt muss irgendwann auch kommen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Was löst bei Ihnen die Inspiration aus?<strong></strong></em></p>
<p><strong>Schneider:<em> </em></strong>Sie kann umgekehrt auch ausgelöscht werden. Sobald ich merke, dass es keinen Spaß macht, lasse ich es wieder sein. Dann muss die Veröffentlichung halt geschoben werden. Um kreativ zu sein, brauche ich Freiheit. Wenn ich sehr eingebettet bin ins Familienleben oder eine Tournee, dann kann ich es nicht machen. Das ist wie bei einem Maler. Zur Kreativität gehört eine zweite Ebene der Freiheit. Man darf nicht gesagt bekommen, wann man etwas zu machen hat. Es muss von selber passieren. Aber auch das ist nicht hundertprozentig sicher. Bücherschreiben ist extrem. Es wird ganz stark beeinflusst von Kräften, die ich überhaupt nicht im Griff habe als Mensch.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Wo schreiben Sie in der Regel?</em></p>
<p><strong>Schneider: </strong>Auf dem Speicher habe ich mir eine Schreibmaschine aufgestellt. Die ist aber so laut, dass ich manchmal überlege, doch wieder auf dem Laptop zu schreiben. Das ergibt aber ein ganz anderes Buch. Computer, Schreibmaschine oder von Hand geschrieben führen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Das ist eine Art Ritual. Simmel war nur auf seiner Olivetti der Simmel, als den man ihn kennt. Das gilt auch fürs Klavier. Ich habe drei Flügel. Auf jedem spiele ich eine andere Musik. Ich werde letztendlich das Instrument mitnehmen, von dem ich weiß, dass es von selber spricht.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Innerhalb der vergangenen zwölf Monate sind Ihre langjährigen künstlerischen Wegbegleiter Christoph Schlingensief, Andreas Kunze und Charly Weiss gestorben. Gab der Tod der Freunde Anlass, sich über Ihr eigenes Leben Gedanken zu machen?</em></p>
<p><strong>Schneider: </strong>Es sind sogar vier Freunde gestorben. Beerdigungen werden bei mir langsam zur Gewohnheit. Ich denke dann immer, dass ich dort weitermachen werde, wo wir aufgehört haben. Ein Teil von Charly Weiss, Andreas Kunze, Christoph Schlingensief oder Raimund Hüttner lebt in mir noch intensiver weiter. Sie nehmen sogar einen Teil meiner gegenwärtigen Arbeit mit ein.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie haben an Alexander Kluges neuer DVD „Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd. 31 Filme: Landschaften mit Eis und Schnee. 40 Geschichten: Stroh im Eis“ mitgearbeitet. Was reizt Sie am intellektuellen Fach?</em></p>
<p><strong>Schneider:<em> </em></strong>Das habe ich im Sommer in München gemacht. Alexander Kluge hat aufgrund seines Alters eine Affinität zum Dritten Reich. Ich spiele dann immer Typen wie den Enkel von Adolf Hitler oder Hermann Göring. Aber ich bin auch Voltaire, Karl Marx und der große Verführer Casanova. Ich finde es spannend, in die Gedankenwelt eines russischen Revolutionärs um die Jahrhundertwende einzutauchen. Die Welt von heute ist natürlich ganz anders. Alle wollen nur Geld verdienen und die Kultur bestimmter Regionen wird weggekehrt. Eine traurige Geschichte.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Was macht Sie besonders traurig?<strong></strong></em></p>
<p><strong>Schneider:<em> </em></strong>Die Zerstörung der Landschaft geht trotz allem immer weiter. Auf grünen Feldern, die früher von Bauern bestellt wurden, entstehen riesige Einkaufszentren. Die Innenstädte verwaisen vollends und es gibt keine Fachgeschäfte mehr. Schallplattenläden verschwinden allerorten. In Plattenverträgen steht heutzutage drin, dass deine CDs bei Firmen wie Schlecker verkauft werden. Früher ging ich immer in ein Musikfachgeschäft und fragte den Verkäufer, ob er etwas im Stil von Louis Armstrong hätte. Darauf antwortete er: „Wie wär’s denn mit Paolo Conte? Oder lieben Sie Freejazz à la Archie Shepp?“ Das habe ich mir dann in einer Kabine angehört. Ich hatte aber gar keinen Plattenspieler. Ich ging da nur hin, um Musik zu hören und zu lernen. Ich bin aber niemand, der den guten alten Zeiten nachweint.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Was gefällt Ihnen an der Gegenwa<strong>rt?</strong></em></p>
<p><strong>Schneider: </strong>Die Erinnerungen. Das Schöne ist, dass man lebt und die Erinnerungen mitnimmt. Die Pressekonferenz von heute fand ich unheimlich abstrus und lustig. Sie wird noch lange in mir weiterleben. Meine neue Jacke aus Pferdeleder ist wirklich der Brüller. Ich kaufe meine Bühnensachen immer in ganz normalen Herrenbekleidungsgeschäften. Aber diese Lederjacke ist nicht für die Bühne geeignet. Sie steht von ganz allein. <strong><em></em></strong></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie haben ein neues Wappen kreiert. Was bedeutet „U.S. OPA“?</em></p>
<p><strong>Schneider:</strong> Es steht für die Vereinigung von Amerika mit Europa. Meine Idee ist, den Atlantik trockenzulegen. Dann kann man zu Fuß nach Los Angeles marschieren und Angelina Jolie die Hand schütteln.</p>
<p><strong><em> </em></strong></p>
<p><em>DVD: Helge und Band – Komm hier haste ne Mark! Live (DVD, Roofmusic) – Erscheint im Frühjahr.</em></p>
<p><em>DVD: Alexander Kluge – Früchte des Vertrauens (4 DVDs, Absolut Medien GMBH, Spieldauer: 658 min.) Mit Helge Schneider u.a.</em></p>
<p><em>Buch: Helge Schneider – Satan Loco (KiWi) – VÖ: 19.5<strong>.</strong></em></p>
<p><em>Helge Schneider kommt im Rahmen seiner Tournee am 9. Mai ins Konzerthaus Freiburg und am 14. Mai ins Stadtcasino Basel. Karten: www.reservix.de oder www.eventim.de.</em><strong></strong></p>
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		<title>Gut genuschelt, Udo!</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Jan 2011 13:09:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Udo Lindenberg sieht aus wie einer, der Udo Lindenberg parodiert: auffällige Sonnenbrille, markante Lippen und der obligatorische Hut, unter dem das Haar strohig hervorlugt. Olaf Neumann traf den Panikrocker (64) nebst seiner Lebensgefährtin Tine Acke (33) im Atlantic Hotel in Hamburg. Sie sprachen über den opulenten Fotoband „Stark wie Zwei 2007-2010“ und das Lindenberg-Musical „Hinterm [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;">
<div id="attachment_565" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-565" src="http://www.kulturjoker.de/wp-content/uploads/2011/01/UDO-LINDENBERG-STARK-WIE-ZWEI-Hires-Schwarzkopf-Schwarzkopf-Verlag-Verwendung-nur-im-Rahmen-einer-Buchvorstellung-307-300x246.jpg" alt="" width="300" height="246" /><p class="wp-caption-text">Im Gespräch: Udo Lindenberg, 64, Panikrocker und seine Lebensgefährtin Tine Acke, 33</p></div>
<p><strong>Udo Lindenberg sieht aus wie einer, der Udo Lindenberg parodiert: auffällige Sonnenbrille, markante Lippen und der obligatorische Hut, unter dem das Haar strohig hervorlugt. Olaf Neumann traf den Panikrocker (64) nebst seiner Lebensgefährtin Tine Acke (33) im Atlantic Hotel in Hamburg. Sie sprachen über den opulenten Fotoband „Stark wie Zwei 2007-2010“ und das Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ (Premiere: 13. Januar 2011). Das Musical erzählt mit den großen Hits des Sängers ein Stück deutsch-deutscher Geschichte</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong><em>Kultur Joker:</em></strong><em> Herr Lindenberg, Ihre Sangeskarriere dauert nun schon fast 40 Jahre an. Seitdem sind Sie fast zu Tode fotografiert worden. Lassen Sie Fotografen noch gerne an sich ran?</em><strong> </strong></p>
<p><strong>Udo Lindenberg: </strong>Ja. Vor allem, wenn es so unauffällig passiert wie bei Tine. Sie ist eine Schattenfrau, sie schießt aus der Hüfte. Plötzlich wirst du voll getroffen. Keine Inszenierung mehr, keine Riesenleiter, keine Lampen. Ich lass mich heute mehr nebenbei fotografieren.</p>
<p style="text-align: center;"><span id="more-564"></span></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Frau Acke, für den Bildband „Stark wie Zwei 2007-2010“ haben Sie den Entstehungsprozess des gleichnamigen Albums dokumentiert. Udo Lindenberg nennt Sie seine „Schattenfotografin“. Was ist Ihr Trick?</em><strong></strong></p>
<p><strong>Tine Acke: </strong>Als Fotografin sehe ich ihn am liebsten mysteriös und geheimnisvoll. Als Schattenfigur. Udo hat mir gezeigt, dass man Dinge auch kann, wenn man sie nicht herkömmlich gelernt hat. Udo ist ja auch kein klassischer Sänger. Ich bin ja Illustratorin. Das hat auch mit Fotografie zu tun.</p>
<p><strong>Lindenberg: </strong>Als Fotografin hat sie keinen akademischen Hintergrund. Tine ist ein Naturtalent. In diesem Buch geht es aber nicht nur um mich, sondern um die Dokumentation des gesamten „Stark wie Zwei“-Projektes, des Albums, der Show und den Begegnungen. Die tollen vier Jahre von der Platte bis hin zum Rockliner. Deshalb ist es auch ein eher schönes Buch. Es gab sicher auch mal Zeiten, bei denen ich wie Bukowski unterm Tisch lag. Aber die wollte ich nicht zeigen. Es ist ein Comeback-Buch. Etwas zum Abfeiern.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Die Jahre vor 2007 werden in dem Buch mit Attributen wie „Selbstzweifel“, „Lethargie“ und „Whiskey“ versehen. Wie nahe stand Udo Lindenberg am Abgrund?</em><strong></strong></p>
<p><strong>Lindenberg: </strong>Es gibt zwar auch Fotos aus dieser Phase, aber die kommen vielleicht später mal raus. In meinen 50ern hatte ich ziemliche Selbstzweifel. Ich fragte mich: „Wie kriege ich die Kurve von einem eher jugendbetonten Gummihosenkasper zu einem würdevollen Rock-Chansonier?“ Wollte ich in die Rolle von großen alten Jazzern reinwachsen oder so werden wie Yves Montand oder Charles Aznavour? Im Rock’n’Roll gibt es wenige Figuren, an denen du dich orientieren kannst. Es gibt Mick Jagger, David Bowie oder noch Bob Dylan. Viele Musiker bauen im Alter entweder ab oder hören total auf. Aber bei mir war mit Mitte 50 kein Ende abzusehen. Wie sollte ich also in meine 60er oder 70er Jahre reinwachsen? Da ich diesen Weg nicht nüchtern gesucht habe, sondern in Verbindung mit Alk und sonstigen Drogen, gibt es aus dieser Zeit logischerweise ein paar ziemlich harte Fotos. Die haben hier nicht reingehört, weil es eine Art Geburtstagsbuch ist.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Sie haben viele Berater an Ihrer Seite. Welche Rolle spielt dabei Tine Acke?</em><strong></strong></p>
<p><strong>Acke: </strong><em>Ich bin seine härteste Kritikerin. Immer, wenn alle anderen ihn vollschleimen und sagen: toll gemacht, sage ich: hmm, mal überlegen. Ich glaube, ich bin von allen die Kritischste.</em></p>
<p><strong>Lindenberg: </strong>Ich tausche mich zum Beispiel auch mit Annette Humpe aus, aber nicht so intensiv wie mit Tine. Wir hängen viel zusammen ab.<strong></strong></p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>2011 soll ein „MTV Unplugged“-Album erscheinen. Wie weit ist das Projekt fortgeschritten?</em><strong></strong></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Die Aufnahmen wollen wir im Mai machen. Eventuell auf einem Schiff oder in einem Hotel. Mal gucken. Mit alten Songs, die kaum noch jemand kennt, und komplett neuen. Die Themen sollen eine Überraschung bleiben. Zur Tagespolitik werde ich mich in meinen Songs eher nicht äußern. Früher war das anders. Da habe ich zuweilen Leitartikel aus dem Spiegel oder der Zeit vertont.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Herr Lindenberg, welche Dinge bleiben Ihnen selbst verborgen, die Tine Acke aber sieht?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Zum Beispiel Malereien am Himmel von New York. Ich sehe die nicht, weil ich meine Sonnenbrille trage oder den Hut weit runter gezogen habe. Tine ist ein Augen-Mensch, ich ein Denker-Mensch. Und ein Hörender.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Ihre Rock-Liner-Kreuzfahrten bieten mehr als nur ein Konzert. Was ist das für ein Konzept</em>?</p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Es gibt zum Beispiel Rock-History-Vorträge oder nie gesendetes Beatclub-Material von Jimi Hendrix oder The Who. Oder es flitzen irgendwelche Gitarristen auf die Bühne, die zeigen, wie Keith Richards 1973 seine Licks gespielt hat. Im Casino werden Carl Carlton und Pascal Kravetz Sessions spielen. Der ganze Kahn ist total auf Rock’n’Roll. Bei Landausflügen wollen wir unterwegs Bands aufsammeln und mit ihnen Sessions machen. Ein Dampfer der Völkerfreundschaft. So was hat es bisher noch nicht gegeben.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Reizt Sie das im Moment mehr als Konzerte in Hallen an Land?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Ja. Gleichwohl weiß ich, dass wir diese Landkonzerte auch wieder machen müssen. Viele Leute können nicht auf den Rock-Liner mitkommen, weil er viel kostet. Aber wir haben auch Viererkabinen, die günstiger sind.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Jan Delay hat seine ersten musikalischen Schritte auf Ihrem alten Schlagzeug gemacht. Erkennen Sie den jungen Udo in ihm wieder?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Jan hat meine Songs aufgesogen wie Alete-Kost. Heute ist er ein sehr guter Freund und Berater. Jans Meinung zählt. Hinsichtlich seiner Nasaltechnik und Phrasierung liegt zwischen ihm und mir eine leichte Verwandtschaft vor.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Käme Jan Delay für eine Rolle im Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ infrage, das am 13. Januar in Berlin startet?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Jan wäre mir vielleicht schon zu ähnlich. Wir haben jetzt jemanden gefunden, der sehr eigenständig ist. Er heißt Serkan, ist türkischer Herkunft und spricht die Sprache der Straße. Ein sehr guter Mann. In die Nuscheltechnik musste ich ihn nicht einweisen, die konnte er auch so schon. Eine Riesenbesetzung. Insgesamt haben wir drei Hauptdarsteller auf Standby, falls einer mal krank wird. Ich bin nicht bei jedem Casting persönlich dabei, ich vertraue Uli Waller und Thomas Brussig.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Thomas Brussig hat das Musical geschrieben, Uli Waller vom St.Pauli Theater führt Regie. Eine Ostalgie-Komödie?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Nein. Es ist eine wahrhaftige Geschichte, wie ich es auch in meinen Songs überwiegend gemacht habe, die von deutsch-deutschem Leben erzählen. Aber sie beinhaltet auch Scherze. Themen wie Stasi, Inhaftierungen, Belehrungen, Flucht und Schießbefehl werden dabei nicht ausgespart. Das Stück ruft dazu auf, dass sich die Menschen aus dem Osten und dem Westen intensiver und sensibler begegnen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Ein Stück für die ganze Familie oder nur eher etwas für echte Rock’n’Roller?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Auf der Bühne stehen echte Brüllboxen mit ordentlichem Sound und reichlich Rock’n’Roll-Lampen. Unsere Stilistik eben. Tanzen wird auch nicht das Fernsehballett. Uli Waller arbeitet nicht mit den üblichen Musical-Attributen, er macht etwas sehr Spezielles. Eine Fusion von Theater à la Zadek, Musical und Rock’n’Roll. Wir werden zum Beispiel auch Konzertszenen haben.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>In dem Musical werden Themen wie Stasi nicht ausgespart. Peter Maffays Stasi-Akte war 323 Seiten dick. Und Ihre?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Über mich gibt es einen ein Meter hohen Packen Stasi-Akten. Die fliegen alle bei mir rum. Ich habe nicht alles, aber einiges gelesen. Ein Wunderwerk an Abstrusitäten. Ich habe die Dinger kommentiert, bemalt und upgeblowt. Sie werden auch Teil des geplanten Museums sein.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Peter Maffay wurde sogar im Westen ausspio-niert…</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Ich glaube, die haben damals den gleichen Spitzel auf mich angesetzt. Der Typ war zwei- oder dreimal bei mir. Dann habe ich ihn wieder nach Hause geschickt.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Im „Sonderzug nach Pankow“ verhohnepipelten Sie einst den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, 1987 kam es zu einer ziemlich angespannten Begegnung. Wie erinnern Sie das?</em></p>
<p><strong>Lindenberg: </strong>Das war in Wuppertal. Ich habe ihm eine Gitarre überreicht: Gitarren statt Knarren. Mit dem Ding in den Flossen machte Honecker einen sehr bedröppelten Eindruck. Ein Steiftier von der ganz weggetretenen Sorte. Hon-ecker dachte, die Gitarre stand ihm nicht so gut und wollte sie gleich wieder weiterreichen. Ich sagte: „Herr Honecker, halten Sie sie doch mal für ein paar schöne Fotos“. Und ich fragte ihn: „Wann spielen wir mal wieder in der DDR?“ Seine Antwort: „Die FDJ will sich drum kümmern“. Den Rest der Story kennt man ja. Neulich habe ich Egon Krenz irgendwo am Flughafen getroffen und wollte von ihm wissen, ob er immer noch im Knast wohnt. Aber ich glaube, er ist schon wieder raus.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Seit langem möchten Sie Ihre Sammlung mit Bildern und Andenken aus vier Karriere-Jahrzehnten in Hamburg präsentieren. Haben Sie die leise Hoffnung, dass die Stadt Hamburg Ihnen beim Aufbau der „Panik-City behilflich ist?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Ja und nein. Die haben den Kulturetat reichlich gekürzt und machen ganze Museen zu. Ob sie es hinkriegen, gleichzeitig ein neues aufzumachen, muss man sehen. Die „Panik City“ soll nicht komplett aus städtischen Mitteln finanziert werden, sondern nur die Umbauten. Die Investoren, die mitmachen würden, bräuchten die Unterstützung der Stadt als ein Zeichen. Mal gucken. Wenn es hier nicht stattfindet, dann in Berlin oder in einem anderen Bundesland. NRW zum Beispiel. Das dauert also noch zwei oder drei Wochen, aber kommen wird es auf jeden Fall.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>Es gibt Gerüchte, dass Sie Hamburg den Rücken kehren und ins Grand Hyatt am Potsdamer Platz in Berlin ziehen wollen. Ist da etwas dran?</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Da, wo meine Sachen hingehen, wird auch mein Herz hingegen. Da ich sowieso gute Connection mit Berlin habe, kann es gut sein, dass ich dort mal lande. Aber im Moment ist alles noch offen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>2002 haben Sie Wahlkampf für Gerhard Schröder gemacht. Er gilt als Ihr Busenfreund…</em></p>
<p><strong>Lindenberg:</strong> Freundschaft muss man erleben. Da muss man sich öfter miteinander treffen und mehr miteinander zu tun haben. Ich sehe Gerhard Schröder aber nur ab und zu mal. Wir kommen gut mit einander klar, aber es gibt durchaus ein paar kritische Beobachtungen.</p>
<p><strong><em>Kultur Joker: </em></strong><em>In dem Song „Hallo Angie (Das Merkel ich mir)“ stellten Sie die Kanzlerin augenzwinkernd als Ihren Fan dar. Ist Frau Merkel eine Rock’n’Rollerin?</em></p>
<p><strong>Lindenberg: </strong>Das kann sie ja noch werden. Wunder gibt es immer wieder. Ich glaube, Angie kann mich immer noch nicht so richtig einordnen.</p>
<p><em>„Udo Lindenberg. Stark wie Zwei 2007-2010“ (Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf, Hardcover im Großformat, 312 S. in Farbe, Euro 49,90.</em></p>
<p>Das Musical „Hinterm Horizont“ mit den Songs von Udo Lindenberg feiert am 13. Januar 2011 Weltpremiere im Theater am Potsdamer Platz in Berlin. Ticket-Hotline: 01805/4444</p>
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