Das “Wildholz-Projekt” in Müllheim

Aus wilden Hölzern werden Tische, Regale und Kommoden fantasievoll gezimmert.
„Graben und hacken macht rote Backen“, so der Volksmund. Ewald Schadt hat die Weisheit der einfachen Natur im Mai 2007 beim Wort genommen und das „Wildholz-Projekt“ gegründet. Der Name klingt ungezähmt und eigenwillig, er lässt an Menschen denken, die seitab vom breiten Weg nach Holz und Glück suchen. Das stimmt: In Niederweiler bei Müllheim hat der 49-jährige Schadt begonnen, Möbel zu bauen und Körbe zu flechten, alles aus wilden Hölzern und zusammen mit Menschen, deren Lebensläufe ebenfalls kurvig und knorzig daherkommen.
Die wilden Hölzer, das sind Weiden- und Haselsträucher, Ahorn und Hartriegel. Sie werden im Wald als Ruten geerntet oder als Wurzelstücke aufgelesen. Danach muss man sie ablängen, entrinden, schleifen und ölen und kann sie anschließend weiterverarbeiten zu allerlei Praktischem und Schönem. Die Nähe der Natur spürt man den Gegenständen hier an: Die Lehnen der Stühle lassen den Astwuchs erkennen, sie sind dem Schicksal industrieller Begradigung entgangen, ebenso die fantasievoll gezimmerten Tische und Regale, die Kommoden und Paravents. In allem scheint es noch leise nachzuklingen, das Lied der Bäume und des Waldes. Vom Apfelkörbchen bis zum stabilen Einkaufskorb finden sich Körbe in allen Größen, auch Tabletts und Kerzenhalter aus Flechtwerk gibt es zu bestaunen. Zur Frühlingszeit passen besonders gut die lebendigen Weidenhäuser und Weidenzäune, die es jetzt im März und April anzulegen gilt. Das Wildholz-Projekt ist dabei gerne behilflich.
Seine 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat der Grafiker mit Weiterbildung zum Arbeitstherapeuten selbst angelernt – in allen Arbeitsbereichen. Er ist ein autodidaktischer Allround-Handwerker. Unter Schadts Anleitung wurde der ehemalige Schweinestall in der Lindenstraße 36 gemeinsam ausgebaut und saniert – „und jetzt ist es ein richtig ,schöner Saustall‘ geworden“, bemerkt Schadt schmunzelnd und fügt hinzu: „Wir haben alles selbst gemacht, bis auf den Dachstuhl“, darauf kann man zu Recht stolz sein. Und nicht nur darauf. Denn seine Mitstreiter sind weder gelernte Handwerker noch Hobbyheimwerker, es sind Menschen, denen die „normale“ Gesellschaft die Türen gern und schnell verschließt und nur zögernd wieder öffnet. Oder gar nicht.
Schlechte Chancen haben Langzeitarbeitslose – „Hartz IV-Empfänger“ – auf dem ersten Arbeitsmarkt. Manche kommen ohne Ausbildung hierher, die jüngsten sind erst 23 Jahre alt. Ewald Schadt hat schon zwei Teilnehmern wieder zu Lohn und Brot aus eigener Arbeit verholfen, und das ist ein sehr guter Erfolg. Wichtiger als der Erfolgsquotient ist ihm aber, dass er einen Ort der persönlichen Wertschätzung und Wärme geschaffen hat, der ohne kurzlebige Befriedigung durch den Konsum auskommt. Konkret bedeutet das, dass die Teilnehmer der größtenteils von der ARGE finanzierten Maßnahme ein Jahr in Niederweiler arbeiten, essen, sprechen, leben. Manche nehmen das Angebot so dankbar an, dass sie schon vor und noch lange nach der offiziellen Arbeitszeit (von 8.00 bis 16.00 Uhr) vor Ort sind. Andere haben Schwierigkeiten, sich in einer strukturierten Gemeinschaft zu bewegen, der Krankenstand ist entsprechend hoch.
Aber Schadt ist sich sicher: „Menschen sind nicht für den Müßiggang gemacht. In jedem und jeder steckt so viel Kreativität, man muss sie nur hervorlocken“. Dazu aber brauche es einen anderen Alltag, als ihn viele der Teilnehmer seit Jahren in den eigenen vier Wänden kennen. „Es ist zwar ein Klischeebild, aber leider stimmt es auch ein bisschen: Die kommen ja überhaupt nicht mehr raus, sitzen von morgens bis abends mit der Bierflasche vorm Fernseher – und das ist nicht sonderlich kreativ.“ Rote Backen gibt es da nur noch vom Schnaps, und von der so viel zitierten sozialen Teilhabe bleibt in der Lebenswirklichkeit vieler Hartz lV-ler keine Spur. Bei Ewald Schadt dagegen spürt man ein schier unbegrenztes Vertrauen – in den heilsamen Kontakt mit der Natur, in die Möglichkeiten des Einzelnen. Die vielen abschätzigen Bemerkungen der Umwelt hätten in eine andere Richtung gewiesen, hätte er ihnen je Gehör geschenkt: „Die meisten Leute haben mich nur belächelt: ,Was du da vorhast, das kriegst du doch mit solchen Leuten niemals hin!‘“
„Solche Leute“, das sind Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus dem Bezugsrahmen von Arbeitsbindung und sozialem, auch familiärem Netz gefallen sind. Arbeitsplatzverlust und Suchtproblematik, plötzliche Erkrankungen wie ein Schlaganfall mit 55 oder andere Schicksalsschläge führen zum freien Fall ins Aus. Ein einzelnes traumatisches Erlebnis kann das Leben auf Jahre hin zerschlagen. So wie bei Hartmut*, der früher Baggerfahrer war bei der Bahn und einen Kollegen überfuhr. Ein wirklich tragischer Arbeitsunfall, Hartmuts Unschuld steht außer Frage. Und trotzdem: die Beschimpfungen auf der Beerdigung, das Wort „Mörder“, das furchtbare Ereignis selbst – er hat es nicht vergessen können.
Was Ewald Schadt „mit solchen Leuten“ alles „hinkriegt“, das zeigt in schönster Weise auch der Garten, ein Stückchen Erde, das 15 Jahre Brachland war. Heute ist hier ein liebevolles Kräuter- und Gemüsegärtchen zu bestaunen. Die Wildholz-Teilnehmer wussten zunächst nichts Rechtes anzufangen mit dem feinwürzigen Ertrag der Sträuchlein. Wer kocht heute schon mit selbst geernteten Kräutern? Jetzt hängen sie in der Küche sorgsam aufgereiht auf einer Leine, die weißen Säckchen mit Petersilie und Thymian, Minze und Rosmarin, Bärlauch und Salbei. Ein jedes ist liebevoll beschriftet. Inzwischen hat es die gesunde Küche aus eigener Produktion den Leuten hier angetan: Jeden Mittag finden sich ein paar zusammen, um das gemeinsame Essen zuzubereiten. Das Ergebnis schmeckt den Gaumen jahrelanger Konserven-Gourmets ungewohnt, aber gut.
Anfangs hagelt es noch flapsige Kommentare, als der Kartoffelbrei aus echten gestampften Kartoffeln gemacht wird statt aus gelblichem Pulver. Inzwischen aber stellt Eva* fest: „Das nährt mich ja viel besser.“ Sich selbst und andere mit gesunder Kost zu verwöhnen, gemeinschaftlich zu kochen und zu essen, das hält Leib und Seele zusammen – die des Einzelnen ebenso wie die der Gruppe.
Die Gruppe, das natürliche Umfeld, der ganzheitliche Arbeitszusammenhang, wo mit Herz, Hand und Verstand gewerkelt wird, all das ist wichtig. Es trägt und nährt in jeder Hinsicht. Bei manchen so gut, dass sie wie Katharina* nach ihrem Jahr als Teilnehmerin beginnen, selbst in der Anleitung mitzuarbeiten. „Katharina ist der Idealfall“, so Leonie Bruker, die junge Sozialarbeiterin, seit Oktober bei Wildholz tätig, „sie kennt alles aus eigenen Erleben, Hartz IV genauso wie unser Projekt“. Leonie Bruker hilft den Menschen hier auch in Bereichen, wo sie besonders unsicher sind: beim Ausfüllen amtlicher Formulare wie dem Rentenantrag, bei der Suche nach dem geeigneten Therapeuten oder der Vermittlung von Praktikumsplätzen. Da hilft auch Bürokatze Lina, die immer auf die gleiche Weise schnurrt und sich sowieso durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. „Eigentlich bräuchten wir mehr Tiere hier“, meint Leonie Bruker nachdenklich, „die haben eine unglaubliche therapeutische Wirkung.“
Gebraucht wird noch vieles mehr: ein Kleintransporter, gern Sachspenden wie z.B. der alte Kirschbaum aus dem Garten, der gerade gefällt worden ist, Geldspenden natürlich sowieso. Und auch neue Mitglieder sind herzlich willkommen! Interessant ist es in diesem Zusammenhang zu wissen, dass das Wildholz-Projekt die erste Sozialgenossenschaft Baden-Württembergs ist. Die genossenschaftliche Struktur ist Ewald Schadt wichtig, denn sie funktioniert basisdemokratisch. Da haben dann alle das gleiche Stimmrecht, egal, wie wild und krumm sie nun gewachsen sind.
Heidi Korf
* Namen von der Redaktion geändert.
Wildholz-Projekt
Leitung Ewald Schadt
Lindenstraße 36, 79379 Niederweiler
Telefon 07631-9360202
Ewald.Schadt@wildholz-projekt.de
www.wildholz-projekt.de












Dass die KulturJoker Redakteurin Frau Heidi Korf in dem Artikel die üblichen Klischees über Hartz IV Empfänger (Aussage Ewald Schadt über Hartz IV Empfänger: Die kommen ja überhaupt nicht mehr raus, sitzen von morgens bis abends mit der Bierflasche vorm Fernseher) auch noch verbreitet, ist mehr als unsinnig. Besser wäre es gewesen, die Aussage von Ewald Schadt einfach wegzulassen.
Es ist schlicht und ergreifend falsch, dass Hartz IV Empfänger von morgens bis abends mit einer Bierflasche vorm Fernseher sitzen. So viele Bierflaschen können sich Hartz IV Empfänger nämlich überhaupt nicht leisten.
Frau Heidi Korf sollte ein wenig besser überlegen, was sie in ihren Artikeln schreibt – auch wenn diese Aussage so von Ewald Schadt getätigt wurde, sollten solche Klischeevorstellungen nicht auch noch propagiert werden. Dazu ist die BILD Zeitung da. Wäre schade, wenn der KulturJoker jetzt auf BILD Niveau absacken würde.
Ein bisserl erinnert mich der einleitende Satz “graben und hacken macht rote Backen” an den im Dritten Reich über den Konzentrationslagern stehenden Spruch “Arbeit macht frei”.
@Kerstin:
Ahja, das Totschlagsrepertoire “Drittes Reich” wird mal wieder bemüht…
Manche Personen können nur Eintopf kochen – ganz große Eintöpfe, in welche alles reingedonnert wird. Übersehen dann dabei, dass sie selbst zu ganz großen Eintöpfen mutieren…
Dr. Satori
Endlich die Nazikeule! Thorsten L. und Kerstin sind stolz, eine neoliberale Adolfine enttarnt zu haben.
Anders als sie, sehe ich in Frau Korf keine Sturmkapitalistin mit gültigem Arierzeugnis.
Es gehört seit langem zum deutschen „Nationalstolz“, überall paranoid-kausale Zusammenhänge zu faschistischem Gedankengut zu konstruieren.
Mit diefenbachschem Gruß
IchkrichPiggel