Straußenführer 2017


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Eine Reise gegen das Vergessen

NS-Gedenkstätten in Frankreich

Frankreich – heiteres Ferienland, Hundertausende deutscher Touristen zieht es jährlich dorthin. Wie wäre es einmal mit einem Abzweig zu Mahnmalen, Gedenkstätten und Geschichtsmuseen, die an NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg erinnern?

Gedänkstäte "Camp de Rivesaltes" in Südfrankreich. © Kevin Dolmaire

Gedänkstäte „Camp de Rivesaltes“ in Südfrankreich. © Kevin Dolmaire

„Das Gedächtnis ist für alle Tätigkeiten der Vernunft notwendig.“
Pascal

In jeder französischen Region sind sie zu finden, manche erst seit kurzer Zeit, denn wie in anderen europäischen Ländern ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht abgeschlossen. In Baden und der Pfalz gedenkt man jährlich der 6500 Menschen, die am 22./23. Oktober 1940 nach Frankreich abgeschoben, im Camp de Gurs in den Pyrenäen interniert und schließlich teils in Vernichtungslager deportiert wurden. Auch auf diese Opfergruppe treffen wir in französischen Gedenkstätten, die sich um historische Bildung bemühen.

Frankreich war seit den 1930er Jahren das wichtigste Emigrationsland in Europa und betrieb zunächst eine aufnahmebereite Asylpolitik, mindestens 10.000 Personen aus dem Deutschen Reich und den besetzten Gebieten fanden vorübergehend oder für längere Zeit Exil, darunter namhafte Künstler und Intellektuelle. Mit der deutschen Besatzung 1940 verwandelten sich Paris und Frankreich in einen Transitraum, in dem Verfolgte, die meist staatenlos waren, wie in einem Netz gefangen blieben.

Bei Kriegsbeginn lebten über 300.000 Juden und andere Exilsuchende in Frankreich, 76.000 von ihnen wurden schließlich deportiert; doch nirgendwo in Europa haben so viele von ihnen überlebt wie in Frankreich, was Israel in Yad Vashem, im Rahmen der „Gerechten unter den Völkern“ würdigt.

Mémorial national du Camp de Gurs

Das Mémorial national du Camp de Gurs befindet sich auf dem Areal des ehemaligen Lagers; erhalten sind einige Baracken sowie ein Friedhof. Seit den 1970er Jahren hat sich ein Freundeskreis („Amicale“) für eine Gedenkstätte engagiert; ein informativer Parcours über das Gelände wurde eingerichtet, eingangs steht ein Pavillon, in dem sich Filmmaterial abrufen lässt – weitere Verbesserungen werden angestrebt.

Information: www.karlsruhe.de/b4/international/gurs. In enger Verbindung zu Gurs stehen die Nebenlager Noé, Récébedou sowie das Transitlager Rivesaltes in der französisch-spanischen Grenzregion Languedoc-Roussillon.

Mémorial du Camp de Rivesaltes

Am Ort des Internierungslagers Rivesaltes, nördlich von Perpignan, ist – nach langen Vorarbeiten – Ende 2015 eine Gedenkstätte eröffnet worden, die sich mit der Geschichte des ehemaligen Militärgeländes „Camp Joffre“ auseinandersetzt.

Ab 1939 wurde dieses zunächst zum Auffanglager für Tausende spanischer Republikaner, die vor Francos Exterminationspolitik flohen, 1941-42 „beherbergte“ es Emigranten aus Österreich, Deutschland und Polen; als die deutsche Wehrmacht im November 1942 auch den Süden Frankreichs besetzte, pferchte sie auf dem Gelände rund 5000 Personen zusammen, teils aus Gurs, mehrheitlich Juden, um Deportationen über Drancy in die osteuropäischen Vernichtungslager zu organisieren.

1945 wurden in dem Lager Kriegsgefangene und Kollaborateure festgehalten. Am Ende des Algerienkriegs 1962 strandeten hier Hilfssoldaten (Harkis) und sogenannte Pieds noirs. Jahrelang ist um die jetzige Gedenkstätte in Rivesaltes, die verschiedene Opfergruppen beachten muss, gerungen worden: Nun befindet sich auf dem weiten und kargen ehemaligen Lagergelände, das noch mit baufälligen Baracken übersät ist, ein quaderförmiges Gebäude von 210 Metern Länge (Architekt Rudy Ricciotti), das in die Erde versenkt ist. Leicht abwärts geht es in ein modernes Besucherzentrum, in dem mit einer Dauerausstellung und einem Dokumentationszentrum der Menschen gedacht wird, die im „Camp de Rivesaltes“ gestrandet, an erbärmlichen hygienischen Zuständen starben oder deportiert wurden. Ein Auditorium bietet zudem Platz für Veranstaltungen: www.memorialcamprivesaltes.eu.

Ein wichtiger Themenkomplex im „Mémorial de Rivesaltes“ ist die Auseinandersetzung mit Rettungswiderstand und humanitärer Hilfe, die im Umkreis des Lagers organisiert wurden, oft durch Schweizer Hilfsorganisationen. Eine Exkursion in die nähere Umgebung, etwa zum „Centre international sur les Exils et la Retirada“ in Argelès-sur-Mer sowie zum Dokumentationszentrum „Ancienne Maternité d’Elne“ kann dies verdeutlichen.

An den Stränden von Barcarès und St. Cyprien wird zudem an Verfolgte erinnert, die hier, unter primitivsten Bedingungen hausen mussten; teils waren sie 1940 aus Belgien und den Niederlanden abgeschoben worden – darunter der Maler Felix Nussbaum.

Site-Mémorial Camp des Milles bei Aix-en-Provence

Eine weitere bedeutende Gedenkstätte befindet sich in einer ehemaligen Ziegelfabrik bei Aix-en-Provence, die von 1939 bis 1942 als Internierungslager diente; mehrere Interessensgruppen haben sich jahrelang dafür eingesetzt. Rund zehntausend Personen aus 27 Ländern haben das Lager passiert, 2500 von ihnen wurden 1942 nach Auschwitz deportiert.

Das Lager trägt den Beinamen „Camp des artistes“, denn dort waren neben politisch und rassisch Verfolgten viele verfemte Künstler vorübergehend interniert, die meist entkommen konnten, etwa Max Ernst, Wols, Hans Bellmer, Robert Liebknecht sowie Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel und Walter Janka; mehr als vierhundert Bildwerke wurden hier realisiert, manche sind an den Wänden noch sichtbar und die historische Bausubstanz der Ziegelfabrik in Aix-Les-Milles ist weitgehend erhalten.

Dem Besucher werden auf einem didaktisch gestalteten Parcours die geschichtlichen Ereignisse vermittelt; zusätzlich wird für Fragen der Toleranz, Menschenwürde und Verantwortung sensibilisiert. „Site-Mémorial Camp des Milles. Musée d’histoire et des sciences de l’homme“: www.campdesmilles.org.

Sanary-sur-Mer – Literatur im Exil

Viele der in Aix-les-Milles Internierten, vor allem deutsche und österreichische Schriftsteller, hatten sich vorher auf der Flucht vor den Nazis im südfranzösischen Fischerdorf Sanary-sur-Mer aufgehalten; doch nur bis zum Kriegsbeginn fanden sie hier eine Bleibe, manche emigrierten rasch in die USA, andere verpassten den Zeitpunkt und wurden 1942 deportiert, so der in Freiburg geborene Schriftsteller Hans A. Joachim.

In Sanary-sur-Mer wird an Wohnhäusern sowie durch eine Gedenktafel, die das deutsche P.E.N. Zentrum mitinitiiert hat, an die einstigen “Gäste“ erinnert, darunter Alfred Kantorowicz, Alma Mahler, Franz Werfel, René Schickelé und Thomas Mann. www.sanary-tourisme.com.

Port Bou – Gedenkort für Walter Benjamin und die Namenlosen der Geschichte

Viele der Verfolgten, bekannte und unbekannte, hatten kein Ausreisevisum und versuchten Frankreich zu Fuß über die Pyrenäen zu verlassen; dabei half ihnen z.B. ein Netzwerk von Fluchthelfern um die Emigrantin Lisa Fittko (an sie wird heute in Banyuls-sur-mer mit dem „Chemin-F“ erinnert) und den Journalisten Varian Fry, der sich in Marseille um Ausreisen in die USA bemühte. Dem Philosophen Walter Benjamin ist die Flucht bekanntlich misslungen, in der Grenzstadt Port Bou nahm er sich das Leben. Dort ist ihm heute ein Gedenkort gewidmet, für den der Bildhauer Dani Karavan die Landschaftsskulptur „Passagen“ geschaffen hat, die mehrere Stationen umfasst. Am Ende einer Treppe, die auf das Meer zuführt, muss der Besucher vor einer Glasscheibe innehalten, auf der ein Zitat von Walter Benjamin steht: „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ (www.walterbenjaminportbou.cat)

Auvergne–Rhône-Alpes

Auf dem Hochplateau Vivarais-Lignon im Zentralmassiv (Auvergne-Rhône-Alpes), das 22 Gemeinden umfasst, liegt im Zentrum das Städtchen Le Chambon-sur-Lignon. Die protestantische Region hat sich während der NS-Zeit durch ihren eminenten Rettungswiderstand hervorgetan; rund 5000 Verfolgte wurden hier versteckt, mit Lebensmittelkarten und Ausweisen versorgt sowie beim Grenzübertritt in die Schweiz unterstützt, darunter auch badische Juden. Eine wichtige Rolle kam dabei dem Schweizerischen Roten Kreuz (vormals SAK) zu. Einige Rettungshelfer wurden verhaftet und deportiert, so der Pastor André Trocmé.: www.ville-lechambonsurlignon.fr. Wichtige diesbezügliche Geschichtsorte existieren zudem im Umkreis von Clermont-Ferrand.

Region Lyon und Grenoble

Das „Musée Mémorial des Enfants d’Izieu“, östlich von Lyon, setzt sich mit der Ungeheuerlichkeit auseinander, dass am 6. April 1944, auf Betreiben des Gestapochefs Klaus Barbie, 44 Kinder und ihre sieben Betreuer, die sich in einem Haus in Izieu versteckt hatten, nach Ausschwitz deportiert und ermordet wurden. Nur eine Person konnte der Razzia entfliehen. Ausgehend von dieser Erinnerung informiert der Gedenkort über Verbrechen gegen die Menschheit und deren Ursachen. Weitere Geschichtsmuseen bestehen in der Nähe, in Nantua, Lyon, Grenoble und Vassieux-en-Vercors.

Limousin

In Oradour-sur-Glane bei Limoges besteht ein „Centre de la mémoire“ (www.oradour.org); das Dorf wurde am 10. Juni 1944 von der SS-Panzerdivision „Das Reich“ in Schutt und Asche gelegt; 642 Menschen wurden erschossen und verbrannt. An das Massaker erinnern die Reste des ehemaligen Dorfes sowie eine Informations- und Gedenkstätte.

Paris und Region

In Paris besteht das „Mémorial de la Shoah“, es betreut auch das zwanzig Kilometer nordöstlich gelegene „Mémorial de la Ville de Drancy“; es erinnert an das Lager Drancy, das Ausgangspunkt für Deportationen war (www.memorialdelashoah.org). Nicht zu vergessen sind Gedenkstätten in Besançon, in Natzweiler/Struthof und Schirmeck (Elsass) sowie in Caen in der Normandie.

Weiteres: www.gedenkstaetten-uebersicht.de/europa.

Cornelia Frenkel

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