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Egon Schiele: Vom enfant terrible zum geheiligten Künstler

Die Wiener Albertina zeigt Werke anlässlich Schieles 100. Todestag

Egon Schiele (1890-1918) war sich selbst immer treu geblieben. „Die Figur ist doch das Wesentlichste, was mich am meisten erfüllt: der menschliche Körper“, erklärte er seiner langjährigen Gefährtin Walburga „Wally“ Neuzil. Trotz des rauen Gegenwinds, der ihm deshalb aus der Wiener Gesellschaft und Kunstszene entgegentoste, hielt er zeitlebens an seinem Grundmotiv, der Aktdarstellung fest.

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Egon Schiele: Schwarzhaariger Mädchenakt, 1910 (Ausschnitt)
Bleistift, Pinsel, Aquarell mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß, auf Packpapier (© Albertina, Wien)

Dass er damit bei seinen Zeitgenossen zwangsläufig anecken musste, hatte mehrere Gründe: Zunächst war es sehr ungewöhnlich, den menschlichen Akt zum eigenständigen Genre zu erheben. Und wenn dieser dann auch noch kantig-abgemagerte, überlängte Körper in verdrehten Posen abbildete, so mehrte das die Empörung noch eher denn zu besänftigen. Ja, so viel (Doppel-)Moral musste natürlich sein: Wenn der Wiener schon mit Nacktheit konfrontiert wurde, dann sollte diese auch das Auge erfreuen.

Im Grunde wird Schieles Schaffen noch heute auf seine freizügigen Aktdarstellungen reduziert; und dies, obwohl er auch zahlreiche Landschaften, Städtebilder, Porträts, Stillleben und allegorische Arbeiten geschaffen hat. Auf seinem Sterbebett, wohin ihn nur wenige Tage nach dem Tod seiner hochschwangeren Frau Edith Harms die Spanische Grippe gezwungen hatte, mutmaßte er: „Früher oder später werden die Leute mich gewiss lobpreisen und meine Kunst bewundern. Ob sie das auch so maßlos tun werden, wie sie mich und mein Werk geschmäht, verhöhnt, verleumdet, verpönt und – verkannt hatten? Möglich… Gleichgültig ist mir das Eine wie das Andere.“

Gelobt und bewundert wurde der Künstler da bereits. Nur wenige Wochen zuvor hatte seine Teilnahme als Künstler und Organisator an der 40. Wiener Secession zum endgültigen Durchbruch geführt. Dass er aber heute gar gepriesen wird, verdankt sich den neuesten Forschungen von Johann Thomas Ambrózy, die zu Schieles gesamtem Werk ganz neue Aspekte aufzeigen.

Diese prägen denn auch die umfassende Ausstellung in der Albertina Wien mit 160 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen, die als Auftakt zum 100. Todesjahr bereits jetzt gezeigt werden. Dort konfrontieren große, im Raum schwebende Fotografien die radikalen Arbeiten des Künstlers mit der Realität seiner Umwelt und führen dem Betrachter so vor Augen: Nicht der Realität folgte der Künstler als vielmehr einem ganz bestimmten Sendungsbewusstsein.

Grundlage zu dieser Erkenntnis sind eine Reihe von Werken, auf denen man heute den Heiligen Franziskus und sein Wirken zu erkennen glaubt, und die wiederum zu all den verhärmten Körperbildern einen ganz neuen Bezug herstellen. Dazu passen die helle Aura um viele seiner Figuren sowie ein enigmatisches Handzeichen, die sogenannte V-Geste, für das man nun Vorbilder in der Christlichen Kunst fand. Alles in allem offenbart die Albertina hier ein neues, durchaus schlüssiges Gesamtbild, das den ohnehin schon faszinierendsten Künstler der Wiener Moderne – endlich – in seiner ganzen Dimension feiert.

Albertina, Wien: „Egon Schiele“. Noch bis 18. Juni. Täglich geöffnet 10-18 Uhr, Mittwoch 10-21 Uhr. Zur Ausstellung erschien ein Katalog, für 29,90 erhältlich unter www.albertina.at.

Friederike Zimmermann

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