Straußenführer 2017


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Die Antike ist ein Kunstrukt

Eine Ausstellung in der Archäologischen Sammlung demonstriert die Schauseiten antiker Skulpturen

Die Antike, so wie wir sie kennen, ist ein Konstrukt: so weiß, so frontal. An der marmornen Kälte griechischer und römischer Skulpturen wurde bekanntlich bereits gekratzt und seitdem denkt man über eine farbige Antike nach. An der Freiburger Universität hat man im Rahmen eines dreijährigen Förderprojektes, das von der Mercator-Stiftung finanziert wurde, die Schauseiten antiker Skulpturengruppen zum Thema gemacht.

Foto eines Antiken Statuenensembles, es zeigt den trojanischen Priesters Laokoon im Todeskampf

Gruppe des trojanischen Priesters Laokoon im Todeskampf, Archäologische Sammlung der Universität Freiburg, Gipsabguss nach Original in Rom, Vatikanische Museen, um 50 v. Chr. (© J. Ruf)

Das Projekt, das in die Ausstellung „Ansichtssache. Antike Skulpturengruppen im Raum“ mündete, ist weniger ein Forschungsprojekt als eines, das die Archäologische Sammlung als „Beschreib- und Museumswerkstatt in der universitären Lehre“ versteht. Anschauungsobjekte waren die eigene Sammlung von Abgüssen und um die 20 Leihgaben der Universität Heidelberg. Die kleine Schau versetzt die Betrachter in die angenehme Position, die Ergebnisse nachzuvollziehen, schlicht, indem sie die ausgestellten Skulpturen betrachten und um sie herum gehen. Ein Katalog, der Teil des Projektes war, vertieft die Erkenntnisse.

Dass die Perspektive über die Sichtweise und die sich daraus ergebenden Schlüsse entscheidet, ist eine Binse. Wer sich in Museen oder Schausammlungen antike Kunst ansieht, steht meist frontal vor diesen Werken, manchmal kann er sie umrunden. Für die damaligen Künstler war es jedoch entscheidend, wie und wo ihre Werke betrachtet werden sollten.

Die ersten vollplastischen Skulpturen waren eher klein und Weihegeschenke, wie sie in Heiligtümern gestiftet wurden. Seit dem 5. Jahrhundert vor Christus entstehen vollplastische Großskulpturen. Zuerst waren auch diese für Heiligtümer, später für den öffentlichen Raum gedacht. Zuletzt eroberten sie das Private, während des Hellenismus schmückten sie Villen und Häuser. Antike Skulpturen sind keine abstrakten Werke. Sie vermitteln Werte und erzählen Geschichten. Dies so unmissverständlich wie möglich zu tun, gehörte zu den Aufgaben der Bildhauer.

Es brauchte eine Dramaturgie des Augenblicks, damit die Narration gelingen konnte. Und diese funktioniert bei der Laokoongruppe anders als bei dem Satyr, der im Begriff ist, eine junge Nymphe zu missbrauchen. Bei der Laokoongruppe richtet sich die ganze Aufmerksamkeit auf den Vater, der noch mit den Schlangen ringt, aber im nächsten Moment einem Schlangenbiss erliegen wird. Die beiden Söhne, die ihn umgeben und ebenfalls aussichtslos gegen die Schlangen kämpfen, bilden nicht mehr als die abfallenden Schenkel eines Dreiecks der Aufmerksamkeit. Die Klimax ist der Vater. Umrundet man die Gruppe, erfährt der Betrachter nichts Neues.

Ganz anders verhält es sich mit dem Satyr und der jungen Frau. Es sind vor allem Figurengruppen, deren Glieder eng miteinander verschlungen sind – sei es im Ringkampf oder in einer Umarmung, die darauf angelegt sind, dass man sie von allen Seiten wahrnimmt. Bedauert man auf den ersten Blick, die junge Frau, die hier die Beute eines Satyren geworden ist, so verändert sich dies beim nächsten Schritt, sobald der Blick auf den Penis des Hermaphroditen fällt.

„Ansichtssache. Antike Skulpturengruppe im Raum“ zeigt den jeweiligen idealen Standort auf, um die Werke zu betrachten. Das kann die frontale Ansicht, mehrere Perspektiven oder die Rundansicht sein. Während wir dies heute rekonstruieren müssen über Blickrichtungen der Figuren, den Fundort oder mythische Erzählungen, lenkten in der Antike Inschriften oder die Architektur den Blick.

Die Ausstellung führt mit einem Modell der Grotte von Sperlonga auch ein besonders komplexes Beispiel einer Inszenierung vor. Die Grotte gehört zu einer luxuriösen Villenanlage und bezog das Wasser, das Ufer und eine künstliche Insel in die Kunstbetrachtung ein. Zu sehen waren Szenen aus der Ilias und der Odyssee, die wie in der späteren Gartenarchitektur auf Blickachsen konstruiert waren. Die künstliche Insel, auf der Trinkgelage stattfanden, war in diese Inszenierung ebenso mit eingebunden wie Wege und der Zugang vom Wasser. Der Betrachter war in ein geradezu theatralisches Spektakel eingebunden.

Ansichtssache. Antike Skulpturengruppen im Raum. Archäologische Sammlung, Habsburgerstr. 114, Freiburg. Di-Do 14-18 Uhr, Sa 11-17 Uhr. Bis 2. Juli.

Annette Hoffmann

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