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„Bestandsaufnahme Gurlitt“

Ausstellungen in Bern und Bonn

Unter der Überschrift „Bestandsaufnahme Gurlitt“ werden in Bern und Bonn rund 400 Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafiken, Gemälde und Skulpturen aus dem sogenannten Gurlitt-Bestand präsentiert und folglich der Kunsthandel und organisierte Kunstraub in der NS-Zeit beleuchtet.

E. L. Kirchner: „Zwei Akte auf einem Lager“, 1905. (© Kunstmuseum Bern)

E. L. Kirchner: „Zwei Akte auf einem Lager“, 1905. (© Kunstmuseum Bern)

Dabei wird überdies die Situation eines Bildungsbürgers wie Hildebrand Gurlitt (1895-1956) deutlich, der damals Geschäfte machen durfte. 1947 hatten ihn die Alliierten als „unbelastet“ eingestuft, weshalb er seine Karriere fast nahtlos fortsetzen konnte; seine Sammlung von rund 1500 Kunstwerken gelangte im Erbgang schließlich an seinen Sohn Cornelius Gurlitt (1932-2014), der seither auf diese „aufpasste“ und ab und zu ein Werk verkaufte.

Bei ihm war der Schatz 2012 in München und Salzburg beschlagnahmt worden, was mittlerweile rechtlich umstritten ist; kurz vor seinem Tod setzte dieser das Kunstmuseum Bern als Erbe ein. Bei Annahme der „schweren“ Erbschaft hat das Kunstmuseum gleichzeitig mit der Bundesrepublik Deutschland vereinbart, dass in der Schweiz nur Werke übernommen werden, bei denen kein NS-Raubkunstverdacht besteht.

So präsentiert in Bern die Ausstellung „Entartete Kunst – beschlagnahmt und verkauft“ rund 150 Werke, deren Eigentumssituation unanfechtbar ist; sie stehen für den Aspekt der „entarteten“ Kunst, die den Nazis verhasst war, aus Museen entfernt und erlaubt oder heimlich zu Geld gemacht wurde. Es handelt sich um qualitätsvolle farbige Werke auf Papier von Künstlern der Neuen Sachlichkeit (Dix, Grosz), um Aquarelle und Gemälde aus dem Umkreis der Künstlergruppe „Die Brücke“ (Heckel, Schmidt-Rottluff, Nolde, Otto Mueller) und des „Blauen Reiters“, mit Spitzenwerken von Marc, Macke und Kandinsky. Hinzu kommen Druckgraphiken dieser Künstler sowie Gemälde von Liebermann, Corinth und Cézanne; zudem Arbeiten aus dem Kreis der Familie Gurlitt selbst.

Die Bundeskunsthalle Bonn konzentriert sich hingegen unter dem Titel „Der NS-Kunstraub und die Folgen“ mit 250 Exponaten auf Werke, die „NS-verfolgungsbedingt entzogen“ (so der juristische Begriff) wurden, sowie auf Bilder, deren Herkunft noch nicht geklärt werden konnte, darunter Werke von Cranach, Dürer, Monet und Degas. Anhand von Biografien verfolgter Sammler sowie mittels Briefen und Geschäftsbüchern wird der Kunstraub der Nationalsozialsten in den besetzten Gebieten sowie Hildebrand Gurlitts zwiespältige Rolle als NS-Kunsthändler thematisiert.

Wegen seines Engagements für die moderne Kunst hatte dieser seit 1930 seine Museumsposten in Zwickau und Hamburg verloren und galt als „Vierteljude“; der NSDAP ist er nicht beigetreten, ließ sich aber zu einem der Kunsthändler ernennen, die „entartete“ Kunst, welche die Nazis aus deutschen Museen entfernt hatten, verkaufen durften, um dem NS-Regime Devisen zu beschaffen. Vor allem im Einsatz für das geplante „Führermuseum“ in Linz machte Gurlitt gute Geschäfte im besetzten Frankreich und erwarb Vieles unter nebulösen Umständen. Sechs Werke wurden bisher als Raubkunst identifiziert und vier bereits zurückgeben, darunter Bilder von Matisse, Pissaro, Spitzweg und Liebermann.

Die Herkunft eines „Damenporträts“ von Thomas Couture konnte erst kürzlich durch die „Provenienzrecherche Gurlitt“ geklärt werden; es gehörte dem jüdischen Politiker Georges Mandel, den die Nazis 1944 in der Nähe von Paris ermorden ließen.

Das sind immerhin schon Antworten, doch vieles bleibt offen und nicht selten hagelt es Kritik. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (Hirmer-Verlag); zudem kann das spannende Buch „Der Gurlitt-Komplex“ (O. Meier, M. Feller, S. Christ. Chronos-Verlag) viele weitere Fragen beantworten.

Bundeskunsthalle Bonn. Der NS-Kunstraub und die Folgen. Bis 11. März 2018. Die Bonner Ausstellung wird vom 13. April bis 1. Juli 2018 auch in Bern gezeigt.
Kunstmuseum Bern: Bestandsaufnahme Gurlitt. Entartete Kunst – Beschlagnahmt und verkauft. Bis 4. März 2018

Cornelia Frenkel

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