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„An Stelle Obamas hätte ich die Klappe gehalten“

Im Portrait: Michael Horbach – Galerist und Kuba-Liebhaber aus Köln

Michael Horbach ist unter anderem Galerist, Millionär und Fotograf. Elisabeth Jockers traf den 67-jährigen zuhause in Köln zum Gespräch über sein Leben, Kuba und die Kunst.

Michael Horbach in den Räumen seiner Stiftung (© Thomas Karsten)

Michael Horbach in den Räumen seiner Stiftung (© Thomas Karsten)

Ein riesiger Baum trumpft über die Dächer des alten, zinnenroten Gebäudekomplexes. Eine kleine Bank, umringt von Blumenkästen und scheinbar wirr dahingestellten Gegenständen, prägt das Flair dieses Ortes. Alte Fabrikhäuser, die durch große Fenster einen Blick in moderne Räume gewähren. Räume einer Galerie – man erkennt eine Reihe an Schwarzweiß-Fotografien. Wenige Meter weiter öffnet sich ein mächtiges Metalltor.

Dahinter verbirgt sich ein Garten; er ist hübsch angelegt. Blumen und Sträucher erblühen in ihrer natürlichen Schönheit und müssen sich nicht dem spießigen Willen eines Menschen beugen. Auch hier sind es imposante, gläserne Wände, die Einblick in das Innere gewähren. Eine Gestalt huscht vorbei, dann ertönt ein Kinderlachen. Eine unauffällige Haustüre öffnet sich.

Dahinter ein Vater, der sein Kind im Arm hält. Ein starker Händedruck und das leise Glucksen des Kindes gewähren Einlass. Der Mann ist Michael Horbach – er ist Ende 60, Südamerika-Liebhaber und US-Kritiker, Galerist und Freigeist; in seinen Armen seine jüngst geborene Tochter.

Normalität und  Zufriedenheit

Man kann die Person Michael Horbach durchaus kontrovers sehen. Der in Köln ansässige Galerist stammt aus einer Arbeiterfamilie in Aachen. Horbach wuchs in den 1950er Jahren auf. Die Erziehung seiner Eltern lehrte ihn das einfache Leben und dennoch, betont er, habe er in seiner Kindheit nie etwas vermisst. „Was mich wirklich geprägt hat, ist mein Elternhaus“, erzählt er mit einem kleinen Lächeln, die Augen blicken dabei in die Ferne, er scheint in Erinnerungen zu schwelgen. „Besonders die Zufriedenheit und Normalität meiner Eltern war prägend“, fügt er im Nachhinein hinzu.

Diese vorgelebte Zufriedenheit und Normalität strahlt der 67-Jährige Privatier noch immer aus. Trotz seines beruflichen Erfolges und finanziellen Reichtums scheint der Mann aus Aachen bodenständig geblieben zu sein. Es protzt kein auffälliger Schmuck und es prunken keine namhaften Embleme auf seiner Kleidung. Die lichtdurchflutete Wohnung strahlt Persönlichkeit aus. Zurückhaltendes Holzmobiliar bietet Skulpturen und Pflanzen eine Bühne; vereinzeltes Kinderspielzeug zeugt von Alltäglichkeit.

Durch einen Türspalt lässt sich ein zweiter Raum erspähen. Hohe Decken, Fenster und eine Wendeltreppe prägen das Bild; eine Front aus Büchern und Zeitschriften, teils in ein Regal eingeordnet, teils auf Stapeln am Boden verteilt, zeugen von geistiger Präsenz. Fotografien, Radierungen und Malereien an den Wänden verleihen dem Raum den Charakter eines Ateliers. Am anderen Ende des Tisches ein Mann; graues Haar, blaue Augen, ein paar Denkerfalten. Seine Ausstrahlung ist jung, präsent; er wirkt ausgeglichen.

Pierrot Men, Madagascar, 2013

Pierrot Men, Madagascar, 2013

„Es wäre ungerecht, wenn ich jammern würde“, erklärt er auf Nachfrage, ob er mit seinem momentanen Leben glücklich sei. „Ich kenne Zufriedenheit und ich kenne Glücksmomente. Die habe ich aber nicht mehr durch materielle Sachen“. Zudem hat sich ein neues Glück in sein Leben geschlichen. „Ich bin noch einmal Papa geworden. Einen Menschen wachsen zu sehen, ist fantastisch“, mit einer Geste hin zur am Boden spielenden Tochter schwärmt der Vater Michael Horbach von seinem Kind und dem Privileg des Elternseins. Eines von vielen Privilegien, die Michael Horbach bereits genießen durfte. Dass er Stiftung und Galerie finanziell stützen kann, hat er seinem beruflichen Gelingen zu verdanken.

Erfolgsrezept oder  Glückspilz?

Sein Erfolg begann bereits Anfang der 80er. Wenige Jahre nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre in Aachen gründete der ambitionierte Visionär eine Wirtschaftsberatung. In diese Branche sei er, mehr oder weniger, zufällig hineingerutscht, verrät er. Nachdem ihn Freunde stetig mehr um wirtschaftlichen Rat gebeten haben und diese Beratungen tatsächliche Erfolge mit sich zogen, merkte er, worin eines seiner Talente zu liegen schien. Probleme erfassen, Lösungen suchen und dabei mit Kommunikation Brücken bauen.

Auf Nachfrage, was sein persönliches Erfolgsrezept sei, oder ob er lediglich ein Glückspilz sei, schmunzelt er. „Erstens bin ich ein Glückspilz, das ist so. Obwohl ich mir auch alles erarbeitet habe“, lenkt er schließlich ein. Dabei habe er sein persönliches Erfolgsrezept entdeckt. „Man muss authentisch bleiben“, betont der ehemalige Unternehmensberater. Angesichts des Erfolges seiner eigenen Firma, scheint dieses Rezept tatsächlich aufzugehen. Harte Arbeit, Authentizität und Engagement haben den Unternehmer Michael Horbach vorangetrieben.

Raul Cañibano: o. T., aus der Serie Malecón, Cuba, 2006

Raul Cañibano: o. T., aus der Serie Malecón, Cuba, 2006

Gleichzeitig stellte er fest, dass es nicht sein Ziel sein werde, diese Tätigkeit bis ins Rentenalter zu verfolgen. „Ich wollte mit Fünfzig einfach mal was anderes machen“, erklärt der heutige Privatier. Nach 17 Jahren als Leiter der erfolgreichen Horbach Unternehmensberatung verkaufte er sein Stück für Stück erarbeitetes Lebenswerk. „Trotz allem Erfolg, nach dem Verkauf meiner Firma habe ich mich wirklich frei gefühlt“, beschreibt er und manifestiert diesen Augenblick als prägend für sein weiteres Leben.

Über Freiheit, Kunst und Emotionen

Seine gewonnene Zeit und Freiheit widmet der passionierte Kultur-Liebhaber der Kunst. Nachdem er 2000 sein Unternehmen verkaufte, gründete der damalige Freizeitfotograf mit einem Teil des Erlöses die Michael Horbach Stiftung. Es sind überwiegend junge Künstler, die durch Projekte und Ausstellungen unterstützt werden. Somit bietet Horbach kreativen Köpfen, sozialkritischen Denkern und gesellschaftlich engagierten Frauen und Männern eine konventionelle Bühne für unkonventionelles Denken. Alle zwei Jahre vergibt die Stiftung in seinem Namen einen Fotografiepreis über 10.000 Euro.

Horbach fotografiert ebenfalls. Dabei handelt es sich überwiegend um Reisefotografie. „Es muss um das Leben, den Menschen und die Schönheit der Welt gehen“, sein Blick wandert zu seiner Tochter, dann verweilt er auf einem unbekannten Punkt. „Kunst kann hinterfragen und das finde ich wichtig“, positioniert sich der Südamerika-Liebhaber. „Alles hat seine Berechtigung, aber ein Strich auf einer Leinwand ist mir zu wenig“, räumt er ein. „Es gibt ja in der Fotografie zwei Strömungen, einmal die Becher-Schule, Fotografen wie zum Beispiel Thomas Ruff. Es geht bei dieser Art der Fotografie nicht um die Sicht auf den Menschen, sondern um die Möglichkeiten der Fotografie. Damit tue ich mich schwer“, führt Horbach fachkundig fort, während er mit einem kleinen Kugelschreiber auf dem Tisch spielt.

„Die andere Seite ist für mich emotionaler. Südamerikanische Fotografie. Die große Dame der Fotografie, Erika Billeter, hat mal gesagt, dass südamerikanische Fotografen nicht experimentieren, sie sehen“, Horbach gerät ins Schwärmen; sichtlich angetan von der Thematik. Es ist genau diese Fotografie, die ihn von Anfang an begeistern konnte und die er mit großem Eifer sammelt. „Ich brauche Emotionen“, so erklärt Horbach sein Brennen für Kunst und vielleicht auch das Wesen seiner eigenen Person.

Schön, reich und in Kuba verliebt

Er nahm sich die Freiheit, sein altes Leben loszulassen und erreichte neue Träume. Mittlerweile verbringt der bekennende Linkswähler mehrere Monate des Jahres auf der Insel der Schönen und Reichen. „Auf Mallorca habe ich einen alten Bauernhof erworben; dazu noch der klare blaue Himmel und das Mittelmeer, da fühlt man sich wahnsinnig wohl“, beginnt der Wahlmallorquiner zu schwärmen.

„Ich war das erste Mal mit meiner Studentenliebe auf Mallorca. Sie hat mich vor einigen Jahren daran erinnert, dass ich damals meinte, hier mal leben zu wollen. Diesen Traum habe ich mir wohl unbewusst erfüllt“, wundert er sich selbst. Es mag kontrovers klingen, wenn ein Michael Horbach über soziale Ungerechtigkeit spricht. Sicher ist, dass es sich an den balearischen Mittelmeerstränden über soziale Probleme leichter nachdenken lässt.

Pep Bonet: aus der Serie „One Goal“, Sierra Leone, 2007

Pep Bonet: aus der Serie „One Goal“, Sierra Leone, 2007

Gedanken über soziale Ungleichheiten; dabei beobachtet er aus dem Augenwinkel die ganze Welt. Einen Teil seines Herzens hat er wohl an Südamerika verloren. Auf Reisen entdeckte er Argentinien, Chile und Kolumbien. Dort setzte sich Horbach mit Kultur, Nation und Menschen auseinander. Pauschalurlaub scheint ihn nicht zu reizen, zu spannend die Facetten jener Kulturen. Außerdem lernte er auf diesen Reisen die nationalen Kunstwelten kennen. Ein neuer Blickwinkel, den Horbach auch für seine eigene Fotografie nutzt.

Tatsächlich kann man in seinen Fotografien Züge der südamerikanischen Kunst finden; Ehrlichkeit prägen seine Bilder. Ehrlichkeit, die Horbach auch in Kuba wiederfindet. „Ich möchte nichts idealisieren; materiell sind die Kubaner arm“, betont Horbach, hebt jedoch im selben Moment mahnend den Finger. „Aber im Geiste und im Herzen sind sie reich. Bei uns ist das vielleicht oft umgekehrt“. Der Fotograf verweist abermals darauf, dass das gemeine Bild des Westens den Kubaner nicht im Ganzen erfasst.

„Wir könnten in Deutschland so viel von Kuba lernen, aber das tut weh“. Er ist ein kritischer Beobachter. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen; Horbach entrüstet sich. „Als der ehemalige amerikanische Präsident Obama als Gast in Havanna stand und sagte, dass wir auch über Menschenrechte reden müssen, meinte er nicht Guantánamo, sondern dass die Kubaner eine Partei weniger haben“, wütend trifft seine Faust auf den Tisch. „Ich möchte das System nicht verharmlosen, ich will nur, dass sie gerecht behandelt werden“, wiederholt er mit Nachdruck. „An der Stelle von Obama, hätte ich die Klappe gehalten“.

Michael Horbach ist ein Mann mit vielen Facetten. Er ist Visionär und illusionärer Wunschdenker, Kunstliebhaber und Künstler, Reisender ebenso sehr wie Suchender. Er kritisiert den Lebensstil Unsereins; das Streben nach stetig mehr Reichtum; nach materieller Befriedigung. Ob er sich selbst miteinschließt? Vielleicht.

Elisabeth Jockers

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